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Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste 28. Thema: Hilfe bei Panikattacken (09.01.12)
Liebe Listenteilnehmer zunächst allen ein schönes neues Jahr und die besten Wünsche für alle Vorhaben in 2012. Ich habe schon häufig von den Beiträgen in der Liste sehr profitiert und auch schon zu meinen eigenen Anfragen hilfreiche Hinweise bekommen. Daher möchte ich zum Jahresanfang einmal meinen Dank an die Betreiber der Liste und an alle Teilnehmer loswerden. Meiner heutigen Frage möchte ich zunächst einmal einiges zu meiner Arbeit vorwegstellen, da ich beim letzten Mal gemerkt habe, dass einige Fragen aufgetaucht waren, da ich dies versäumt hatte. Ich arbeite als Diplom Pädagogin und systemische Familientherapeutin in der Jugendhilfe im Pflegekinderbereich. Konkret schule, begleite und berate ich Erziehungsstellenfamilien, die nach §33 Absatz 2 KJHG Kinder und Jugendliche bei sich in Dauerpflege aufnehmen, "die in ihrer Entwicklung besonders beeinträchtigt wurden". Hauptthemen der Kinder sind Missbrauch, Misshandlungen, Vernachlässigungen in der Herkunftsfamilie (sehr verkürzt angemerkt). In dieser Arbeit kommt es neben der Beratung in dem Prozess der Begleitung der Kinder immer wieder auch zu Fragen, die mit dem eigentlichen Auftrag nicht wirklich verbunden sind, die aber - da sie die Lebensgeschichte der Pflegeltern betreffen- von uns immer mit aufgenommen werden. Hierzu habe ich nun mal wieder eine Frage, bei der ich hoffe durch die unterschiedlich vertretenen Professionen in der Liste wieder hilfreiche Hinweise bekommen zu können. Eine Pflegemutter hat während einer Operation am Herzen lebensbedrohliche Panikattacken bekommen, die sie auch im Anschluss an die OP als sie sich 12 Stunden möglichst bewegungslos im Bett aufhalten musste noch einmal erlebt hat. Da sie aufgrund ihrer Erkrankung eventuell noch häufiger operiert werden muss und diese Attacken nie wieder erleben möchte, fragte sie nach, ob es möglich ist, zu lernen diesen Attacken anders zu begegnen als mit völliger Hilflosigkeit. Durch die Biographiearbeit mit ihr, die wir aufgrund der besonderen Anforderungen denen die Eltern mit den aufgenommenen Kindern gegenüberstehen immer mit machen, erklärt sie sich die Attacken mit frühkindlichen Erlebnissen. Die Pflegemutter ist eine ständig aktive, immer alles im Blick haben wollende und nichts dem Zufall überlassende Person, die sich durch ihre eigenen Erkrankungen und die ihrer Kinder im medizinischen Bereich recht bewandert fühlt. "Entspannungsübungen mit Yoga- Anteilen oder ähnlichem " sind ihr zuwider, da sie " von niemanden gesagt bekommen braucht, sie fühle sich wohl, sei ganz ruhig oder .... , dass wisse sie am besten ja wohl selber." Hypnose könne sie sich allerdings vorstellen, wenn dies helfen würde. Ich bin in diesem Bereich fast völlig unerfahren. Über jeden Hinweis und vielleicht konkrete Vorschläge / Adressen im Raum Düsseldorf würde ich mich sehr freuen. Mit besten Dank im Voraus
Antwort von Frau Anne M. Lang: Hilfe bei Panikattacken
Liebe Frau ..., interessant, aber auch sehr üblich, das gerade Leute, die sehr selbstbestimmt sind und sich nichts "vorsagen lassen wollen", gerade Hypnose vertrauen. Und es stimmt aber auch, dass M. Erickson Hypnose zu einem Verfahren ausgebaut hat, das gerade die selbstorganisatorischen Ressourcen im Menschen anspricht. Insofern ist die Idee der Klientin aufzugreifen. Auch Panikattacken sowie Vorkommnisse während OPs sind Indikation für Hypnotherapie. Bei der MEG finden Sie Listen von psychologischen Psychotherapeutinnen, die zertifizierte Hypnotherapeutinnen sind. Beim Ersttelefonat schon anfragen, ob die Hypnotherapeutin diese Indikation übernimmt. Viele Grüße Anne M. Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste 27. Thema: „Widerstand“ in der systemischen Theorie und Praxis (20.10.12)
Liebe ListenteilnehmerInnen,
kurz zu meiner Person: Ich habe in den USA eine Ausbildung zur Suchttherapeutin gemacht, später in der BRD einen Master in Klinische Sozialarbeit und war lange Zeit im Suchtbereich tätig. Seit sechs Jahren arbeite ich als betriebliche Sozialberaterin in einem Universitätsklinikum und bin dort neben der psycho-sozialen Beratung der Beschäftigten auch für die Koordination des Gesundheitsmanagements zuständig. Seit zwei 1,5 Jahren mache ich eine Ausbildung zur systemischen Beraterin. Bitten möchte ich Sie zum einen, um Literaturtipps zum Verständnis und Umgang mit „Widerstand“ in der systemischen Theorie und Praxis sowie zum anderen, um Ihre Erfahrungen mit dem Thema: Was ist für Sie „Widerstand“ und wie hat sich durch Ihre systemische Perspektive Ihr Umgang mit dem Phänomen ggf. verändert? Ich möchte Ihre Antworten für einen Workshop im Rahmen der systemischen Weiterbildung nutzen und würde mich auch sehr über Anregungen für Gruppenübungen freuen, die helfen können, dass sich die TeilnehmerInnen über ihre eigenen Konzepte zum Thema Widerstand in der Beratung/Therapie klarer werden.
Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung schon im Voraus! Mit freundlichen Grüßen
Antworten von Frau Lang auf obige Mail und drauffolgend Mails aus der entstandenen Gesamtdiskussion der Listenteilnehmer
Liebe ……, Ihre Mail erinnert mich daran, dass Situationseinschätzung und Vorgehen im Systemischen eben aus speziellem Denken und Haltung erwächst. Das ist ja gerade das Spannende beim Systemischen und auch Hypnosystemischen, dass viele Situationen anders, um Dimensionen erweiterter gesehen werden können, dadurch andere Bewertung bekommen bzw. sich dadurch auflösen und anders angehbar werden.
Schwierig ist es dann, das so einfach mit einem Begriff zu benennen. Und deshalb es ist auch schwierig, das zu lehren. Da sind reduzierte Begriffe aus einer Perspektive (wie Widerstand oder Diagnosen oder Tools) immer klarer. Gleichzeitig sind sie auch immer Denk-Sackgassen für Veränderung.
Widerstand gibt es aus der Sicht einer Beraterin/Behandlerin, die was will, was der Klient nicht will. Und das unter der Prämisse, dass das für den Klienten das Beste wäre zu tun, was sie als Fachkraft zu wissen glaubt und er nicht tut. Dazu kommen Prämissen, dass der Kontext, der Prozess, das Beratungssystem, andere Bezugspersonen, Suggestionen der Sprache und Kommunikation usw. dabei unwichtig sind.
Genau das aber "verlangt" ein überpüfbares Fachwissen in Institutionen, im Gesundheitswesen; systemisch gesehen sind schnelle Einordnungsbegriffe mit darauf bezogenen abfragbaren "schnellen" Tools nicht das Entsprechende.
Viele Grüße Anne M. Lang
24. Okt. 2011: Liebe Kolleginnen und Kollegen, diese Diskussion um Widerstand finde ich sehr interessant. Im "reduzierten" Blickwinkel der Psychoanalyse war ja der Begriff des unbewussten Widerstands aus der Beobachtung Freuds entstanden, dass Menschen sich ändern wollten, dann aber genau dieser Änderung einen Widerstand entgegen brachten, dies aber eben unbewusst, als unbewusste Abwehr von Angst, als legitimen und im bisherigen Leben notwendigen Schutz. Ich finde, diesen innerpsychischen, also psychodynamischen Gedanken mitzudenken, hilft häufig doch auch weiter. Also ganz im Sinne des innerpsychischen Kontexts des inneren Familiensystems, z.B. der konservative, der Bewahrer der Tradition, oft ja die ältesten Geschwister, oder einfach als eine wichtige Seite der Person. Wenn diese Seite Ausdruck findet und als berechtigt anerkannt wird, geht es meiner Erfahrung nach für die Klienten viel besser weiter. Viele Grüße............
26. Okt. 2011 Liebe Frau Kollegin…., liebe KollegInnen, Ihre Mail klingt sehr sympathisch und menschlich verständnisvoll. Manchmal reden wir Therapeuten aber auch aus unterschiedlichem Hintergrund begrifflich aneinander vorbei. Was mich systemisch bewegt, ist, wie solche Vorannahmen, es gäbe einfach diesen "unbewussten Widerstand" dann zu einem entsprechenden -das wiederum einkalkulierenden- Intervenieren führt. Die Frage ist doch, wie verändert sich die Therapie, wenn wir das nicht einfach vorweg annehmen.Das Systemische legt zu Beginn deshalb auch den großen Wert auf ausführliche sog-erzeugende Zielklärung. Dies auch mit Ambivalenzenklärung, um eben alle Seiten ins Boot zu bekommen. Es bleibt ja dann auch noch Gelegenheit genug, im weiteren Verlauf eventuell auftretende Widersprüche zu erkunden und zu klären. Diese gibt es ja immer und wenn es nicht die eigenen sind, dann die des relevanten Systems, das sich mit umstellt. Allerdings macht es großen Sinn, sich eben zunächst auf den Klienten und sein Anliegen, das immer auch noch aufzubereiten ist, einzulassen. Das wäre ein Unterschied zu einem Vorgehen, was fachliche allgemeine Voraussetzungen macht, z.B. es gäbe einen Widerstand. Ist man da offen, erlebt man eben auch so seine Überraschungen, die eben nicht ins Fachliche passen. Viele kollegiale Grüße Anne Lang
03. Nov. 2011 Liebe Frau .., Kolleginnen und Kollegen, die Behauptung, in der Psa werde eine Deutungshoheit "oft missbraucht", finde ich doch recht gewagt und ich frage mich, ob sie auf Kenntnis oder auf den in der systemischen Szene doch recht beliebten Vorurteilen gegenüber der Psa und den psychodynamischen Therapien beruht. Nach meinem Kenntnisstand und den Erfahrungen mit analytischen Kollegen wird dort oft wesentlich sparsamer, vorsichtiger und einfühlsamer gedeutet, als es gelegentlich in der ST geschieht. Sie entwerfen das Bild des machtvollen Analytikers, der seinen Patienten seine Deutungen aufzwingt. Dass das in der Praxis gar nicht funktionieren könnte, liegt m.E. auf der Hand. Analytiker warten mit Deutungen oft recht lange ab, arbeiten nach meiner Beobachtung häufig so, dass der Pat./in aus der Situation heraus selbst versteht, selbst deutet, wie es sich mit einer Sache verhält. Mit kollegialen Grüßen
07. Nov. 2011 Lieber Herr ... und liebe KollegInnen, ich gebe Ihnen darin völlig Recht! Dass Therapeuten Deutungen/Hypothesen machen und ungünstig einbringen, ist keineswegs auf PA beschränkt. Darin unterscheiden sich VT, TP, PA, ja - auch oftmals als reine Tools-praktizierte ST nicht! Was ich hinzufügen möchte: Der systemische Paradigmenwechsel, der Dreh, die systemische Erkenntnisphilosophie -oder wie man das nennen will- für eine Psychotherapie besteht aber dann darin, dass man sich eben von solchen fachlichen Hypothesen/Deutungen nicht bestimmen lässt und sie auch nicht ernst nimmt, so z.B. der Idee/ der Hypothese/ dem Deuten von "Widerstand". Da macht es auch keinen Unterschied, ob dies gleich oder zurückgehalten (und dennoch suggestiv wirksam) geschieht, bis der Pat. selbst darauf kommen soll. (!) Einen Unterschied macht es aber, sie erst gar nicht zu brauchen und gleich in die Auftragsklärung durch den Patienten zu fokussieren. Hypothesen/Deutungen für sich haben ja auch unsere Patienten und um diese müssen wir uns ja gerade kümmern, denn diese engen sie genauso ein wie uns. Hypnosystemisch sind sie sogar echte therapeutische Probleme und wirken nicht zuletzt suggestiv und iatrogen. Das zeigt sich in jeder hypnosystemischen Supervision. Hypothesen sind mehr zur Sicherheit der Therapeuten und Ordnungssysteme für Kontexte und sollten durch ihre überzeugte therapeutische Anwendung nicht wahr gemacht werden. Jetzt ist es aber ja so, dass die meisten Therapeuten es für unmöglich halten, ohne Hypothesen zu arbeiten. Diese geben Ihnen ja die Richtung vor. Was und wie soll man lehren, was und wie fachlich dann noch kommunizieren können, wie Diagnosen stellen und Behandlungspläne schreiben, wie Prognosen abgeben können usw. Die meisten Therapeuten können sich gar nicht vorstellen, eben "Nichts" zu denken, wenn sie einen Patienten sehen bzw. und all das erlernte Fachwissen auf den Menschen, seine Berichten und die Beziehung usw. zu projezieren. Wie gesagt, das ist ja auch von allen Seiten und auch von Patienten erwünscht. Dass ich nicht missverstanden werde: ich möchte nicht auf mein Psychologiestudium als Grundlage meiner Arbeit mit all den durchaus auch unterschiedlichen wissenschaflichen Erkenntnissen, auf all die gelernten Psychotherapie-Verfahren mit ihrem unterschiedlichem Vorgehen und den unterschiedlich benannten und auch objektiv unterschiedlichen Veränderungsideen verzichten. Das ist m. E. unabdingbar notwendig und gehört zum Kontext Psychotherapie. Aber das alles als Fundament sehend, macht mich das heute ganz ruhig und leer für diesen Patienten- bzw. Systemauftrag und ich habe keine Hypothesen mehr. Oder höchstens noch auf einer gleichen Wahrheitsebene wie der einer Geschichte oder sonstigen kreativen Idee. Dann geht es eher drum, die Hypothesen des Pat. zu erweitern und aufzulösen und für ihn einen guten professionellen Rahmen für seine Veränderung "meta zu gestalten". Dass das zum Vorteil der Entwicklung der Patienten ist und Symptome zum Verschwinden bringt, praktiziere und lehre ich seit Jahren. Viele Grüße Anne Lang
08. Nov. 2011 Liebe Frau Lang, danke für Ihre Antwort! Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob wir wirklich von derselben Sache sprechen bzw. schreiben. Denn "Hypothese" und "Deutung" würde ich nicht gleichsetzen. Erster Begriff ist eher kognitiv, zweiter umfasst auch affektive und leibliche Aspekte (bei Th. und Pat.). Zum anderen ist mein Eindruck, dass wir auch hinsichtlich von "Widerstand" nicht vom gleichen sprechen. Geht ja auch nicht, weil es hier nichtoperationalisiert wird und wir nicht auf den Film des anderen zur zenischen Erinnerung von "Widerstand" bzw. zur Gestaltung einer Sitzung generell schauen können. Meine Hypothese hierzu wäre, dass auch solche Therapeuten, welche nicht mit dem Widerstands-Konzept arbeiten, diesem als Phänomen in der Sitzung begegnen, dieses Phänomen jedoch anders benennen und "be-handeln". Widerstand ist durch Auftragsklärung m.E. nicht zu umgehen. Zum einen - und ich denke da an traumatisierte Patienten/innen - appelliert Auftragsklärung oft einseitig auf die bewussten Anteile des Erlebens des Patienten und jene, welche er/sie zu Beginn einer Therapie nennt. Viele schambesetzte Aspekte aber treten naturgemäß erst nach einer Reihe von Sitzungen, oft erst nach langer Zeit hervor. Und sie werden beispielsweise deutlich an "Widerständen" - eine Abwehr, eine wegschiebende Bewegung, ein abwehrender Gesichtsausdruck, das Nichterledigen einer Aufgabe. "Deuten" eines "Widerstandes" bedeutet eben auch: Verstehen, etwas an- und aussprechen, was im Fluß eines Therapiegesprächs in der Wahrnehmung emergent wird. Eine Patientin beispielsweise, von deren sexueller Traumatisierung ich explizit nichts wusste, sie aber bereits fantasiert habe, wird mir womöglich nicht in der 21. Stunde eröffnen: "heute möchte ich über meinen Missbrauch sprechen". Wohl aber könnte es sein, dass er über "Widerstand" - und damit systemische gesprochen: als wertvolle Informationsressource - deutlich und bearbeitbar wird. Welche großartige Chance dadurch entsteht! Damit gute Grüße
10. Nov. 2011 Lieber Herr ..., liebe MitleserInnen, gerne antworte ich auf Ihre Mail. Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Therapiesystem, das Therapeuten und ihre Patienten erzeugen. Wie dieses geprägt ist durch das Psychotherapieverfahren und welche Phänomene bei Therapeuten und Klienten darin dann immanent bedingt auftauchen bzw. von Therapeuten erzeugt werden. Dabei fasse ich bei den Effekten sogar VT- TP- PA-Vorgehen zusammen und sehe als Unterschied dazu dann das ST-LÖ-Ericksonsche Vorgehen. Diese Unterscheidung bezieht sich auf: das spezifische Expertenwissen, die Hauptaufgaben der Psychotherapeutin, die Rollen von Therapeutin und Klienten, der Kontext usw. Es entstehen entsprechend andere Therapieverläufe und Therapieprobleme, die beim Supervidieren verschiedener Verfahren dann jeweils von den KollegInnen berichtet werden. „Widerstand“ ist jetzt ein Phänomen, das unter ersterem Vorgehen auftritt und dort auftreten muss und in zweiterem um so weniger, je mehr die Therapeutin nicht nur „systemisch“ arbeitet, sondern auch systemisch denkt und arbeitet. Natürlich kann man eine Beobachtung beim Patienten „Widerstand“ nennen und sie zum Arbeitsmittel machen. Man kann eine entsprechende Beobachtung aber auch anders verwenden, z.B. direkt befragen oder sie durch ein entsprechendes Vorher und Nachher, ein anderes Arbeitsklima mit anderer Beziehungs- bzw. Prozessgestaltung gar nicht erzeugen. In Ihrer Mail beschreiben sie die therapeutische Verwendung des „Widerstandes“ so: - Über das Phänomen Widerstand schambesetzte Aspekte, die erst später kommen würden, oder nicht bewusst sind, zu erkennen. - Über die Deutung eines Widerstandes etwas verstehen und anzusprechen, was im Fluss des Therapiegesprächs in der Wahrnehmung emergent wird. - Über Widerstand eine sexuelle Traumatisierung bearbeitbar zu machen. Ich habe das so verstanden, dass der Therapeut das erkennt, anspricht, versteht, den Widerstand deutet. Das muss ja auch so sein, wenn Widerstand für ihn ein wichtiger Hinweis und ein Arbeitsmittel seiner Methode ist. Vielleicht ist der Unterschied in der zweiten Art von Vorgehen, dass das kein Arbeitsmittel der Verfahren ist, sondern eher z.B. das Erweitern durch unterscheidendes Erkunden. Diese arbeiten nicht inhaltlich für den Patienten, Verstehen ist nicht primäre therapeutische Arbeit, sondern eher das Anregen des Patienten zu anderer Ausrichtung und seines Umgang mit Leben. Im Vorgehen ist die Therapeutin interessiert konzentriert beim Patienten, engagiert und normalisierend und spricht Empfindungen nicht wertend an (z.B. weil Sie das Beispiel Scham hatten: Wieviel Scham ist dabei?) Der normale Umgang enttabuisiert. Das gehört zur Expertise im Vorgehen genauso wie die vielfältigen Prozessinterventionen, die keine inhaltlichen Antworten f ü r d e n Klienten haben. Dieser wird angeregt zu diskutieren, modifizieren, die Therapie und ihren Prozess zu betrachten, er wird zu inneren Sucharbeiten angeregt und auch dabei gehalten. Der Patient bleibt derjenige, der- meist entgegen seinem eigenen Verständnis von sich - schon als ein Gegenüber behandelt, der diese Fragen für sich klären kann. Diese Beziehungshaltung ist eine starke Suggestion, die wiederum andere Prozesse und Interaktionen ergibt. „Widerstand“- warum sollte er dann grundsätzlich stattfinden, wenn es so angegangen wird, dass der Klient zu seinem eigenen Prozess kommt. Auftrags- und Zielklärung kann natürlich nicht direkt in der ersten Sitzung beantworten werden bzw. die ganze Therapie ist dann die Beantwortung. Arbeitet man psychodynamisch, dann kann man dem letzteren Punkt vielleicht sogar zustimmen und meint damit dennoch etwas völlig anderes. Im Psychodynamischen Modell weiß ich eher, wie der Patienten sich idealerweise entwickeln sollte und bin ihm darin inhaltlich voraus. Suggestiv gesehen bleibt er dadurch, wie er behandelt wird, Patient und daraus resultieren z.B. die Schwierigkeiten, dass er passiver ist, widerständlicher, schwerer aus der Rolle als Klient herauszukommt und sich als gesund verabschiedet usw.. In zweiten Verfahren wird der Klient als Experten für sich gesehen. Er klärt seinen Auftrag, er sieht Unterschiede, Differenzierungen, schätzt ein und bekommt dadurch neue Informationen, betrachtet den Verlauf usw. stellt seine Situation im Jetzt und Dann dar und wird darin pacend begleitet mit der stark wirkenden Implikation, dass er das auf seine Art macht. Das ist ein anderes Entwicklungsklima. „Widerstand“ taucht nicht auf. Und angenommen, die Therapeutin hätte so ein Gefühl doch, dann würde sie das, was sie als psychodynamische Psychotherapeutin als Widerstand interpretieren würde - und sich dabei fragen würde, wann ist der richtige Zeitpunkt für diesen Klienten das einzubringen- hier das Gespürte direkt offen erkunden. Natürlich gehen Beispiele ohne Situation und Gegenüber nicht, dennoch hier eine Auswahl möglicher optionaler theoretische Frage-Interventionen: Wie viel Widerstand ist im Spiel? Welche Seite hat Widerstand? Wie viel Widerstand wäre natürlich bei diesem Angehen? Wenn es Widerstand gäbe, wozu wäre er gut? Wie viel Widerstand würden Sie sich erlauben? Wenn Ihre Partnerin Widerstand für Sie ausdrücken würde, wie würde sie das tun? Was halten Sie von dem Konzept von Widerstand? Haben Sie schon erlebt, dass Sie Widerstand gespürt haben? Gegen was? Gegen wen? Was müsste ich machen, dass sie Widerstand bekommen? Was können Sie machen, dass ich Widerstand bekomme? Und: Ist der Auftrag, was wir/Sie hier machen wollen, noch klar; ich will das nochmal abstimmen? usw. Und die Antworten des Patienten werden ernst genommen. Allerdings wäre auch klar, dass damit von Therapeutenseite ein starker Fokus gesetzt wurde. Deshalb würde nicht automatisch das Konstrukt „Widerstand“ überhaupt fokussiert werden und auch nicht als grundsätzliches Mittel für die therapeutische Arbeit angesehen werden. Den therapeutischen Verfahren liegen ja Philosophien zugrunde, wie Probleme entstehen, was Probleme sind, wie sie sich auflösen, wie die Psychotherapie dazu verhelfen kann, dass sie sich auflösen. Das ist jeweils in den Verfahren anders und darauf begründet sich, ob das Konstrukt von Widerstand als Arbeitsfokus oder ganz andere Foki eingeführt werden und wichtig sind. Viele Grüße Anne Lang
14. Nov. 2011 Liebe Frau Lang, Ihre Antwort habe ich mit Interesse gelesen. Jedoch ist mein Eindruck, dass wir nach wie vor nicht vom selben reden (schreiben). Zudem nehmen Sie Setzungen vor, die ich kritisch sehe. Eine Ihrer Kernthesen ist, dass "je systemischer" ein/e Therapeut/in arbeite, umso weniger zeige sich Widerstand. Womöglich ist das aber ein Effekt der anderen Fokussierung. Ich würde behaupten, dass Widerstand natürlich auch in systemischen Therapien auftritt, dass er jedoch oft als solcher nicht wahrgenommen wird und dass auch die therapeutischen Mittel fehlen, damit umzugehen. Natürlich ist es so, dass im augenblicklichen systemischen "Mainstream", in dem alles so lösungsorientiert, kurzzeittherapeutisch und ressourcenorientiert ist oder zu sein scheint, ein Konzept wie "Widerstand" als antiquiert, unbrauchbar, ja womöglich gar als abwertend Patienten gegenüber betrachtet wird. Andererseits gibt es nach meiner Kenntnis der Literatur und auch meiner therapeutischen Erfahrung seit nunmehr 26 Jahren hinreichende Hinweise darauf, dass psychische Prozesse, dass Entwicklungsprozesse, ambivalent organisiert sind. Demnach wäre der "Widerstand" so etwas wie eine psychische Universalität. Man findet diese Hinweise über Kulturen und Zeiten hinweg, sowohl in den 2.000 Jahre alten Schriften zur Meditation (die Buddhisten waren mit die ersten, welche sich mit geistigen Prozessen und Entwicklungsprozessen beschäftigt haben), als auch in Mythen und Märchen. Und es ist keineswegs so, dass nur in der ST, der Ericksonschen PT, der Klient als Experte für sich gesehen wird. Wenn Sie z.B. auf die Jung'sche Analytische Psychologie schauen, findet sich da ein Füllhorn von Ressourcenorientierung und Betonung der Autonomie von Patienten, Jahrzehnte bevor es eine systemische Therapie gab. Es gäbe noch manchen Punkt lebhaft und gewinnbringend zu diskutieren, aber das überschritte die Möglichkeiten dieses Mediums. Eine abschließende Verwunderung aber möchte ich noch mitteilen und die ist durchaus wohlwollend-provokativ gemeint: In der Werkausgabe von Milton Erickson finde ich im Stichwortverzeichnis allein 33 Hinweise auf Ausführungen zum "Widerstand", teilweise sind das eigenständige Artikel zu diesem Thema, z.B. zur Utilisation von Widerstand. Nun lese ich bei Ihnen, dass, je systemisch-ericksonianisch-lösungsortientierter ein Therapeut arbeite, umso weniger Widerstand zeige sich. Hat Erickson da womöglich sein eigenes Verfahren nicht hinreichend verstanden? Also, ich denke, bei allem "Widerstand" gegen den "Widerstand", er scheint doch ein plausibles und brauchbares Konzept zu sein. In diesem Sinne Freundliche kollegiale Grüße
16. Nov. 2011 Liebe Liste, es sind verschiedene Ebenen in den Beiträgen der Diskussion zu unterscheiden, z.B.: 1. - Worte der Umgangssprache: „Widerstand“ im Sinne von Dagegenhalten aus Unverstandensein bzw. Ambivalenz zur Veränderung usw. - Worte einer Fachsprache: „Widerstand“ als Arbeits-Instrument, das als solche bestimmte Phänomene selektiert, benennt und damit arbeitet und sofernauch erzeugt. Zu betrachten, wie Worte Wirklichkeit durch Zu- und Einordnung, Fokussierung und Bewertung von Aufmerksamkeit schaffen bzw. welche, ist gerade wiederum Arbeitsfokus des systemischen und hypnosystemischen Denkens. 2. - Tools/Interventionen können auf der praktischen Ebene willkürlich integriert werden. Das ist die Idee des Handwerkskoffers und das macht aber noch kein Verfahren und für mich auch noch keine Psychotherapie. Dabei bleibt nämlich ungeklärt, wie die Haltung des Therapeuten ist, seine Philosophie von Veränderung, die letztlich im entscheidenden Kontext „Psychotherapie“, und hier liegt für mich auch eine ethische Verantwortung, entscheidet, was er mit erzeugt. Diese dann aber zugrundeliegenden Philosophien über das Zustandekommen von Problemen und daraus folgende Ableitungen, was in einer Psychotherapie zu tun ist, ergeben erst die Verfahren. Darin aber bestehen jeweils große Unterschiede, die zwar wenig diskutiert werden, aber in der Praxis dann feste u.U. iatrogene Realitäten schaffen. 3. - Wenn man Verfahrensunterschiede diskutiert, dann ist es auch wichtig, dass man sich mit den jeweiligen Hintergründen fundiert beschäftigt hat und ebenfalls die Praxis kennt, um eben nicht klischeehaft zu bleiben. Würde man dann aber eine Gegenüberstellung bzw. Synopse zu einem Fall machen, kann man sehen, dass ein Vorgehen nach VT, TP, PA und ST aufgrund der eben unterschiedlichen Selektion, Fokussierung und im Umgang mit Phänomenen markante Unterschiede macht. Das ist ja gerade die Argumentation des wissenschaftlichen Beirates, dass das zur Eigenständigkeit eines Verfahrens gehört. Und dabei ist natürlich das „Konzept des Widerstands“ klar einer Schule zuzuordnen und wird dort dadurch eben auch erzeugt. Zudem: -Systemisch ist für mich in diesem Zusammenhang kein methodisches Verfahren auf der gleichen logischen Ebene mit anderen Verfahren, sondern interveniert mit Meta- Interventionen, die sowohl TherapeutInnen als auch KlientInnen mit zur Betrachtung des Systems um das Problem, wozu die Psychotherapie auch gehört, einbezieht wie auch der des Entwicklungsprozesses. -Hypnosystemisch heißt für mich auch nicht, hier werden zwei Methoden praktischerweise zusammengefasst, sondern sowohl ericksonsches, lösungsorientiertes Vorgehen und systemisch konstruktivistisches Vorgehen teilen dieselben Philosophien ( Sprach-, Kommunikations-, Selbstorganisationsphilosophien), wie Phänomenen erzeugt werden und sind daher zusammenzufassen. Viele Grüße Anne Lang
17. Nov. 2011 Liebe Frau Lang, liebe ..., Ihre Systematisierung tut gut. Interessant finde ich Ihren Gedanken, dass weder der Methodenkoffer noch systemisches Vorgehen überhaupt Psychotherapie sind. Früher gab es ja mal die Empfehlung (viellt immer noch?), vor der systemischen Ausbildung eine Einzeltherapeutische Ausbildung zu machen. Das macht in Ihrer Argumentation auch Sinn, denn eine Metaperspektive kann ich ja erst einnehmen, wenn ich die zugrundeliegenden Phänomene aus der nahen Anschauung kennen gelernt habe. Für mich war es jedenfalls sehr bereichernd in dieser Reihenfolge. Und wenn ich mit Systemen arbeite, dann hat da die einzeltherapeutische Arbeitsweise, in der ich stark innerhalb der Beziehung arbeite, wenig verloren. Dennoch geht das Denken der einen in das Denken der anderen Richtung mit ein. Beste Grüße
21. Nov. 2011 Liebe Frau .., Halt! Stopp! Andere Richtung! - Missverständnis! Natürlich gibt es eine Systemische Psychotherapie, wenn auch noch außerhalb der Richtlinien-Psychotherapie. Sie beruht auf eigenen Hintergrundphilosophien, wie Störungen zustande kommen und infolge dessen, wie diese zu beheben sind. Systemische Hintergrundphilosphien beschäftigen sich mit Systemgesetzmäßigkeiten und mit Sprache und Kommunikation in Systemen. Ein System ist ja eben auch das Psychotherapiesystem mit -im speziellen Fall- mehr oder weniger relevanten Elementen (Therapeutin, Problem, Patientin, Bezugssysteme, u.U. andere Behandlersystem usw.) In der Systemischen Psychotherapie wird gerade und gemeinsam von Therapeutin und Patientin betrachtet, wie sich in der und durch die Sitzung die Problemsituation problemauflösend erweitern lässt. Eine weitere wichtige Konsequenz systemischer Philosophien ist, dass das Fach-/Diagnosewissen der Therapeutin weniger wichtig ist als die Expertise der Klientin für ihre Wirklichkeit. Insofern ist Widerstand hier kein Arbeitskonzept, da es systemisch gesehen nicht das Gesamtsystem und die Kontexte berücksichtigt. Aber nochmal: Systemische Psychotherapie ist von wissenschaftlichen Beirat über alle Indikationsbereiche und für Kinder/Jugendliche und Erwachsene als wissenschaftliches Verfahren der Psychotherapie anerkannt: www.wbpsychotherapie.de Daneben wird systemisches Denken natürlich auch in anderen Kontexten wie der der Beratung, der Sozialarbeit, der Organisationsberatung, in der Schule usw. angewandt. Diese Kontexte sind keine Psychotherapiekontexte, profitieren aber für ihre Arbeit von systemischem Denken und daraus entstehenden Haltungen. Was ich meinte, war: Handwerkskoffer mit Tools aus gleich welcher Richtung ist für mich deshalb keine Psychotherapie, wenn dabei ungeklärt ist, was die eigentliche Psychotherapeutische Grundhaltung und Philosophie ist. Diese nämlich bestimmt hypnosystemisch mehr, was in der Psychotherapie geschieht als die angewandten Tools. Systemische Psychotherapie erschöpft sich daher nicht in der willkürlichen Anwendung systemischer Tools, die dann auf dem Hintergrund des eigenen mehr oder weniger darin reflektierten Verfahren integriert werden. Das Missverständnis zeigt den Austausch- und Informationsbedarf darüber auch in dieser systemischen Liste. Viele Grüße Anne Lang
24. Nov. 2011 Liebe Frau Lang, keine Sorge! Kein Missverständnis. Doch, doch, natürlich weiß ich, dass die systemische Therapie vom Wissenschaftlichen Beirat anerkannt wurde. Aber die Metaperspektive bleibt. Ist ja in vielen Fällen auch hilfreich. Was ich sagen wollte: Beziehungsarbeit wie in Psychotherapie im herkömmlichen Sinn ist es nicht, zumindest nicht von der Philosophie her in meinem Verständnis (in der Praxis mischt sich ja sowieso vieles und die meisten arbeiten eklektisch). Und nur in dieser macht eigentlich das Konzept "unbewusster Widerstand" Sinn. Denn es ist ja ein Beziehungsphänomen bzw. gehört in die Beziehungsarbeit, in der man sich auf emotionalen Austausch einlässt. Dies ist ja in der systemischen Therapie nun gerade nicht intendiert. Das beschreiben Sie ja in Ihrem Beitrag treffend. Ich nutze mein systemisches Vorgehen sehr ausführlich in Familien- oder Paartherapien. Und das ist viel fruchtbarer, als dort in Einzelbeziehungen zu treten. Beste Grüße
28. Nov. 2011 Liebe Liste, liebe Frau ..., ich finde, dieser Listen- Austausch der letzten Zeit ist äußerst fruchtbar: Er dient gerade neben dem Austausch über Fallgeschichten auch dem Austausch und der Weiterentwicklung von systemischem Denken und Arbeiten. Jetzt haben Sie, liebe Frau Temming, ein weiteres wichtiges in den jeweiligen Therapiemodellen unterschiedlich gestaltetes Konzept eingebracht: „die therapeutischen Beziehung“, was ich gern aufgreifen möchte. Ich beziehe mich dabei auf Beziehung im Kontext „Psychotherapie bzw. Veränderungsarbeit in einem professionellen Kontext“ und nicht um Beziehung in anderen Kontexten oder allgemein.
Das heißt, das System Psychotherapie ist darauf zu reflektieren, welche Aufgabe und welcher Art das Beziehungsangebot ist und wie „die Arbeit mit der Beziehung“ sich auswirkt. Gerade im Kontext Psychotherapie gibt es dabei weniger Rollenkonfusion wie in anderen Kontexten, in denen z.B. Kontrollfunktionen oder eigene Fremdbeauftragung mit der Rolle verbunden sind und dies die Auftragsklärung mit berücksichtigen muss. Arbeite ich systemisch dann geht es mir darum, die Entwicklung des Patienten/Klienten, natürlich auch in Einzelpsychotherapie, zu fördern. Und das mit meinem Beziehungsangebot von: Erkunden, Befragen, Erheben lassen, Darstellen lassen, Erklären lassen, Zusammenfassen lassen, Weiterentwickeln lassen usw., Das ist natürlich ein Beziehungsangebot, das entsprechend - jetzt wieder hypnosystemisch und dadurch noch mehr in seiner Suggestion gesehen - den Anderen ernst nimmt als Gestalter und Entwickler und natürlich auch mit individuellem Leben und Schicksal. Ich sehe darin viel Respekt für ihn in seiner Einmaligkeit. Ich sehe darin auch eine ethisch verantwortliche Haltung über historische und fachliche Methoden hinaus. Seine Selbstwirksamkeit und Aktivität wird dadurch schon im Machen angesprochen und ernst genommen natürlich in der entsprechender Feedbackschleife darauf. Deshalb nenne ich das auch „ressourcenerzeugend“, denn dadurch entstehen Ressourcen, die ich vorher gar nicht sehen, noch prognostizieren kann. Das ist ein Unterschied zum Vorgehen, das für den anderen entscheidet, wann was ansprechbar ist, was der andere noch nicht sehen und ertragen kann usw. und was nach einer Lehre inhaltlich wie aussieht usw.. Ich bin da offener für noch Ungedachtes. Dass dieses Angebot angenommen wird , zumal es der mitgebrachten Erfahrung von Nichtweiterwissen und dem häufigen Wunsch nach Fachwissen widerspricht, liegt gerade daran, dass das aber kein Widerspruch zu Vertrauen, Zuversicht, Respekt usw. im Kontakt ist und diese Kernvariablen eben gerade auch durch dieses Vorgehen entstehen. Also natürlich entsteht Beziehung und findet Beziehung statt, aber eine andere. Andere Modelle gestalten Beziehung anders, setzen anders Beziehung ein und das hat Auswirkung auf das, was in der Therapie geschieht. Und darauf wie Beziehung gesehen und gelebt wird, das kann man „metabetrachten“ z.B. in der Supervision und auch mit dem Klienten. Viele Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste 26. Thema: Erstattung von systemischer Therapie von Krankenversicherung
Liebe Listenteilnehmer! Ich bin Heilpädagogin und systemische Therapeutin in eigener Praxis.. Nun ist eine Familie an mich herangetreten, die privat gezahlten Kosten der abgeschlossenen Therapie des 9jährigen Sohnes zur Platzangst, sowie Angst vor Fahrten in Aufzügen durch einen Antrag bei ihrer Krankenversicherung erstattet zu bekommen. Gibt es hierbei eine Aussicht, vielleicht hat jemand von ihnen darin Erfahrung? Zudem wüsste ich gerne, in welcher Ausführlichkeit die folgenden Punkte beantwortet sein sollen (Symptomatik, aktueller psychischer Befund, lebensgeschichtliche Entwicklung, Psychodynamik, Diagnose, Begründung für die Art und Dauer der Psychotherapie, Prognose). Vielleicht hat ja auch jemand einen Vordruck dafür, welcher mir die Arbeit erleichtern würde. Vielen Dank für die Unterstützung.
Antwort von Frau Anne M. Lang: Erstattung von systemischer Therapie von Krankenversicherung
Liebe Liste, liebe Frau X, seit 1990 gibt es ein Psychotherapiegesetz. Das regelt die Durchführung von Psychotherapie berufsrechtlich d.h. welche Studiengänge und Berufe, welche postgraduierte Ausbildungen führen zum Beruf des Psychotherapeuten. In Ihrem Fall wäre die Frage, haben Sie eine Approbation, die die berufsrechtliche Voraussetzung zur Durchführung von Psychotherapie ist? Als Heilpädagogin käme für Sie bei entsprechender Ausbildung nur die Approbation zur Kinder- und Jugendlichentherapeutin in Frage. Wenn Sie schreiben, Sie sind systemische Therapeutin, haben Sie einen Abschluss eines privaten Instituts d.h. heißt aber nicht, dass Sie nach dem Gesetz Psychotherapeutin sind oder eine Approbation hätten. Leider besteht da immer viel Unkenntnis und Aufklärungsbedarf. Für die Krankenkassen, also zur sozialrechtlichen Anerkennung, bräuchten Sie zudem eine Ausbildung, die an einem stattlich anerkannten Institut für VT oder TP in einem anerkannten Verfahren VT und TP absolviert wurde. Auch wenn systemische Therapie jetzt zwar anerkannt ist, bestehen noch keine AusbildungsInstituts- Bedingungen, die zu einem Erwerb der Abrechenbarkeit von systemischer Therapie führen. Systemische Therapie ist zwar anerkannt, aber sozialrechtlich kein Abrechnungsverfahren. Alle Formulare und das Prozedere der Abrechnung ist z.Z. überhaupt noch nicht auf systemisches Denken und Arbeiten ausgelegt. Wenn Sie als Systemiker zudem nicht mit Diagnosen arbeiten, da Sie in Ihrer Auseinandersetzung mit systemischer Hintergrundphilosphie erkennen, dass deren reduzierte und suggestive Perspektive für Entwicklung eher hinderlich ist und systemisch völlig unzureichend gestellt ist, ist es zudem schwierig, überhaupt in diesen Kontext der Krankenverwaltung zu gehen. Auch hier besteht m.E. aus pragmatischen Gründen viel zu wenig Diskussion. Ich kann die Meinung nicht teilen, „dann schreiben wir einfach um“ und finde sie unprofessionell! Und dann kommen das Leben und die Perspektive der Familie, die ihre Kosten erstattet haben möchte und das noch im Nachhinein. Hier gilt zunächst: Krankenkassen zahlen in ihrem medizinischen Denken für Einzelne, nicht für Paare, nicht für Familien und brauchen eine individuelle intrapsychische Krankheitsdiagnose und einen Behandlungsbericht für einen Einzelnen plus Diagnose und Ihre fachliche Prognose, der von der Kasse dann an einen Gutachter geschickt wird. Wie man den Bericht schreibt, lernt man in der Ausbildung zum Psychotherapeuten und dieser folgt natürlich der zuvor gestellten Diagnose und der Behebung dieser Diagnose durch die Verfahren TP und VT und ist genau auf deren jeweilige Datensammlung abgestellt. Ich finde es als Psychotherapeutin sehr wichtig, diese Verfahren, ihr Vorgehen, das so klar in der Berichtsschreibung herauskommt, zu kennen und zu wissen, wie systemische Therapie da anders vorgeht. Systemische Datenerhebung und Interventionen kommen darin überhaupt nicht vor. Es gibt keine systemische Berichtsvorlage. Vielleicht sollten wir als Systemiker hier analog zum VT-Bericht und TP-Bericht mal Vorschläge machen. Bleibt immer noch die Krux der Einzel- Krankheitsdiagnose. Ich sage hier immer als Hypnotherapeutin „Diagnose ist Hypnose und der überlegte auf die Krankheitsdiagnose ausgerichtete Krankenbericht ist Hypnose für Behandlerin“. (Das wollte ich hier als erfahrene Kennerin von VT- und TP-Therapien und VT- und TP- Berichten und Gutachten mal wieder deutlich schreiben.) Jetzt zur Familie: Wie kommt sie (Familie) auf die Idee jetzt das zu beantragen? Ich als Psychologische Psychotherapeutin (VT und TP anerkannt) sage immer: Gerne bescheinige ich, was wir gemacht haben: den Anfangszustand, den Sie beschrieben, als Sie zu mir kamen. Das, was wir gemacht haben und jetzt das, was Sie beschreiben zum jetzigen Zeitpunkt, das aus Ihrer und meiner Perspektive. Ich schreibe nichts um und mache da keine falschen Aussagen. Das auch, um meine Professionalität vor mir, meinen Klienten und vor der Arbeit, die wir gemacht haben, zu wahren. Dazu habe ich mir gerade mit der Erfahrung ein besonderes Standing erarbeitet und ein Prozedere, das ganz klar von der Anfrage an die Dinge zur Sprache bringt wie z.B. Kassenübernahme. Viele Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste 25. Thema: Persönliches Krisenmanagement 03.02.2010
Liebe KollegInnen und Kollegen, Ich würde mich über Ihre Anregungen und Ideen freuen zu einer Klientin von mir: 42 Jahre alt, keine aktuelle Beziehung in Partnerschaft, 18 jähriger Sohn, seit letztem Jahr ausgezogen, guter Kontakt; ich arbeite mit ihr seit April ‚09. Sie kam aufgrund von inneren überbordenden Gefühls- und Gedankenwelten, die sie als „Bedrängung, Ereignisse, Träume“ beschreibt. Ich weiß trotz der langen Zusammenarbeit nicht viel inhaltlich darüber, weil sie mir im Gegenzug zu meinen „Bedingungen“ (also: am Leben zu bleiben, keine Selbstschädigungen vorzunehmen (vorher Alkohol, Schmerz durch ultraheißes Duschen, etc.), ihre „Einschränkungen“ gegeben hat. Ich darf alles sagen, fragen, nach Rücksprache auch tun (z.B. Entspannungsübung etc.), solange ich ihre Kindheit „außen vor“ lasse. Ich habe mich im Sinne des Beziehungs- und Vertrauensaufbaus darauf eingelassen, zumal ich auch denke, dass ihr ohnehin deutlich ist, dass viele der jetzt auftretenden Spättraumafolgen, eben Folgen ihrer Kindheit sind (Eltern, Alk, haben vernachlässigt und brutal geschlagen, über Missbrauch weiß ich nichts, könnte ihn aber ebenfalls vermuten/annehmen); symptomatisch verhält sie sich wie eine gut reflektierte „Borderlinerin“, ist inzwischen fähig auch mit mir 50 Minuten am Stück zu sprechen und sich mitzuteilen, was aufgrund der schnellen, offenbar innerlich sehr ängstigend erlebten, Gefühlserregbarkeit (Formulierung: ich fühle mich dann überrannt) für sie sehr schwierig war und ist, in meinem Erleben eben auch jedoch verbessert hin zu mehr Kontakt.
Wir haben den inneren sicheren Ort erarbeitet, ein inneres Team der Stimmen, die sie unterscheiden kann, eine Hilfsinstanz „Frau Meyer“, die ähnlich ihrer stützend erlebten Großmutter „einschreitet“, sobald die innere Flut bedrohlich wird, etc. Alles dies führt aber nicht zu einer erlebten Veränderung bei ihr: sie kann durch äußere Ereignisse z.B. Besuch des besserwisserischen Bruders, in den Prozess der Gedankenflut, Hilflosigkeit, Wut, Schmerz katapultiert werden, verfällt dann in Starre, hat Ängste verrückt zu werden, Selbstmordgedanken tauchen auf, und sie braucht dann „Schmerz“, um wieder „zu sich“ zu kommen. Neben Ideen und Anregungen und evtl. Cave’s von Ihnen allen, wäre mir auch hilfreich zu wissen, ob Sie denken, dass ich mit ambulanter Therapie in dieser Situation überhaupt für Sie hilfreich sein kann. Sie ist allerdings (ich kann gut schauspielen, sagt sie) beruflich gut angepasst und macht ihren Bürojob bei einer Bauverwaltungsfirma, und pflegt auch liebevollen Kontakt zum Sohn.
Ich freue mich auf Ihre Inputs.
Antwort von Frau Anne M. Lang: Persönliches Krisenmanagement 08.02.2010 beim Lesen Ihrer Mail ging mir Einiges durch den Kopf, was ich Ihnen auch schreiben möchte. Jetzt ist ja eine durch eine Mail entstandene Anmerkung zu Ihrer Fall- Kurzbeschreibung noch nicht das, was im Kontakt Ihrer Beziehung dann so leicht umsetzbar ist. Dennoch hoffe ich auf Ihre Aufmerksamkeit: Mir zeigte sich wieder, wie wichtig neben der Zielklärung eben auch andere systemische Grundsatzrahmungen sind wie die durchgängige Auftragsklärung, das gemeinsame selbstorganisatorische Prozessmonitoring bzw. die Prozesssupervision mit der Klientin selbst. Dazu gehören jeweils durchaus gemeinsame Diskussionen.
Zielklärung: "Was soll am Ende stehen bzw. Was soll dabei rauskommen bzw. Was soll anders sein und werden?" - Wie klar das mit der Patientin immer wieder neu abgesprochen wird, kann ich nicht aus der Mail erkennen.
Auftragsklärung: "Was machen wir hier zusammen für Ihr Ziel, Ihren Auftrag? Welchen Rahmen braucht das denn?" Hier durchaus auch mit Diskussion z.B. der Arbeitsbedingungen: "... Sie sind eine beruflich gute Kraft. Angenommen jemand käme zu Ihnen und würde sagen, machen sie mir dieses Projekt ohne PC, ohne Nachschlagmöglichkeit…. Was würden Sie sagen?“ Weiter zur Auftragsklärung: „Wenn wir hier so verfahren, wie Sie vorschlagen, also nicht über X oder über Y zu reden, was denken Sie, wozu das führt? Wie kann das Ihrer Meinung nach zum Ziel führen?“ Das durchaus neutral gefragt; es könnte ja eine Idee geben, die die Patientin sieht und ich nicht sehe. (Oft schon erlebt und das macht die Arbeit spannend). Was sind Vorteile bzw. Nachteile, dabei nicht über die Vergangenheit zu reden? Es wird in jedem Fall beides geben, lassen Sie uns also darüber reden." Hypno-Systemisch ist auch Folgendes sehr interessant- nämlich die unterlegten Suggestionen: Es gibt natürlich die starke Implikation, dass alles mit ihrer Vergangenheit zu tun hat. Es gibt zweitens die Suggestion, dass die Vergangenheit so stark ist, dass sie nicht verkraftbar ist, noch nicht mal in der Psychotherapie. Das hält auch in der Psychotherapie ihre Macht aufrecht. Wir bekommen iatrogene Effekte. Es wird die Kunst sein, diese Suggestion aufzulösen, indem man darüber redet. Es ist eben nicht nur so ein Beziehungs-Machtkampf bzw. gegenseitiges Kontrollbemühen im Sinne von „meine Bedingungen - deine Bedingungen“. Es ist vielmehr als drittes zu beachten: Die Arbeit und der Auftrag der Patientin an die Psychotherapie stellen zur Zielerreichung bestimmte Rahmenbedingungen. Das ernst zu nehmen, mache ich im Sinne und in Absprache mit der Patientin. „Was setzen Sie ein und was wird das dann als Zielerreichung ergeben?“, „Welche sind die Voraussetzungen für Sie und aber auch für Ihr Ziel- Was würden Sie, Frau X, sagen?“ M.E. ist das sehr wohl eine ambulante Psychotherapie, allerdings mit verzwickten Implikationen, die aufzulösen sind. Mich würde interessieren, wie die Patientin auf die obigen Fragen antwortet. Viel Kommunikations- und Rahmungskunst im Kontakt mit dieser besonderen Patientin und der interessanten Therapie-Situation. Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 24. Systemisch- lösungsorientierte Tiefenpsychologie- tiefenpsychologisch orientierte Systemische Therapie? 02.12.2009
Liebe Kollegen, vor ca. einem Jahr habe ich hier in der Liste über meine Zweifel geschrieben im neuen Job (Gerontopsychiatrische Tagesklinik) selbstbewusst als syst. lösungsorientierte Therapeutin zu bestehen. Dazu kam, dass meine Chefin tiefenpsychologisch ausgebildet ist und als Psychiaterin und ich als Psychologin eingestellt ist. Nach fast einem Jahr kann ich nun positiv berichten, dass mir viele Anregungen von damals aus der Liste (zu meinem Selbstverständnis bis hin zu konkreten Tipps für Gruppenarbeit mit Senioren...) sehr nützlich waren und ich vieles davon umgesetzt habe bzw. wie vorauszusehen, viele Befürchtungen letztendlich so gar nicht eintraten.
Ein Teil der Lösung bestand für mich aber auch darin, statt einer anvisierten Verhaltenstherapieausbildung (wäre mit viel Fahrerei verbunden gewesen) nun eine Tiefenpsychologieausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten zu machen. Geprägt von Uni-Verhaltenstherapiedenken war das eigentlich nie eine meiner Optionen gewesen. Durch mehrere Umstände fühle ich mich nun aber wie mit der "Nase darauf gestoßen" - alles fügte sich in diese Richtung - ich konnte und wollte dazu jetzt nicht mehr nein sagen. Seit Sommer befinde ich mich also auf einer Entdeckungsreise in einem Gebiet, was mir bisher in meinem Denken völlig verschlossen war. Eigentlich hatte ich diesen Ansatz für mich als veraltet etc. abgetan. Nun zu meinem Anliegen an die Liste: Mit Ausbildung in Lösungsorientierter Therapie nach Steve de Shazer habe ich ja von Anfang an meiner therapeutischen Laufbahn gelernt, mich eher weniger um das Problem zu kümmern und schnell in das Lösungsdenken überzuwechseln im Sinne der Schlüsselmetapher, dass ja auch ein Nachschlüssel behilflich sein könnte statt darüber zu grübeln, WARUM ich den Schlüssel verlor... Wie kriege ich das nun in meinem Kopf integriert. Ich kann nicht aufhören, lösungsorientiert zu denken. Tiefenpsychologie ist aber doch zum großen Teil problemorientiert (und mir eben auch noch ein bisschen fremd...)
Wie passen die beiden Therapieansätze zusammen? Wie arbeiten lösungsorientierte Tiefenpsychologen? Welche "Denke" hat sich entwickelt, die beide Ansätze integriert? Welche Erfahrungen machen (tiefenpsychologische) Psychotherapeuten mit Kassenzulassung mit den Gutachtenverfahren? Kann ich gegenüber der Kasse alles tiefenpsychologisch begründen und trotzdem systemisch-lösungsorientiert arbeiten? Ich möchte mich in der Ausbildung nun ja nicht "umorientieren" sondern das neue Wissen mit seinen Horizonten in das bestehende integrieren. Ich hätte da gern ein paar Vorbilder... Ich glaube, dass da etwas sich gegenseitig sehr befruchtendes herauskommt, wenn man beide Denkweisen kombiniert. Wer arbeitet so? Bitte schreibt mir von Euren Erfahrungen! Vielen Dank und eine besinnliche Adventzeit für alle
Antwort von Frau Anne M. Lang: Systemisch- lösungsorientierte Tiefenpsychologie - tiefenpsychologisch orientierte systemische Therapie? 04.12.2009
Liebe Kollegen und Kolleginnen, die Frage ist- wie schon angemerkt- tatsächlich eine sehr empfindsame: Ich habe es oft erlebt, dass eine Auseinandersetzung mit den sehr unterschiedlichen Prämissen, die den Therapiemodellen zugrunde liegen und die dann in der Tat zu unterschiedlichen Konsequenzen in Therapiehaltung und -vorgehen führen würden, vorschnell und sehr unwillig als Schulen- Streit abgetan wurde. Das würgt aber das Eigentliche nur ab. Gleichermaßen herrscht auf Tagungen und in Listen eine verkürzte Suche nach Interventionen und Tools vor im mechanistischen Sinne von: was macht man bei…. Als wäre die Kunst der Psychotherapie nur eine Input- Lehre, in der Mann/Frau lernt, wie mit Gegenständen in Reparatur umzugehen. Ich habe da die Erwartung an akademische Psychotherapeuten, in diese Auseinandersetzung mit den Hintergrundtheorien als eine wirklich ethisch-verantwortliche Angelegenheit zu gehen. Dafür haben diese Theorien, die historisch, weiterbildungsmarkt- und kontextbedingt sozialkonstruktivistisch entschieden werden, zu weitgehenden und auch u.a. ungünstige Implikationen für Patienten.
Was transportiert also unsere Therapie mit ihren Hintergrundtheorien in der suggestiv wichtigen Situation der Psychotherapie an günstigen Suggestionen nicht nur zur Veränderung, sondern auch langfristig zur Resilienzstärkung? Wie halten Sie als Therapeuten Probleme aufrecht, ja fokussieren sie mit, eventuell noch zudem in weitere Problemtrancen hinein. Damit beschäftige ich mich schon länger und daraus erwuchs z.B. mein Thema „Iatrogen" Effekte in der Psychotherapie“ auf der MEG Jahrestagung 2010 in Bad Kissingen. Weiter finden wir ausschlaggebend prägend den Kontext eines historisch begründeten Gesundheitswesens in der Kassenversorgung, dessen Rahmenbedingungen die Psychologie und Psychotherapie seit dem Psychotherapeuten-Gesetz auch u.a. bis in die Uni/Forschung hinein veränderten. Diese haben die Behandlungsvorstellungen eines medizinischen Denkens in Behandlungs-/Krankheits-/ Diagnoserahmen auf die Psychotherapie übertragen, die ohne Alternative scheinen. Zur Kommunizierbarkeit in diesem System kommt es zur Expertendiagnose und Prognosestellung, zu einem Behandlungsplan mit konsequenter Pathologie- und intrapsychischer bzw. biographischer Fokussierung. Nach beschäftigungsintensiver Antragstellung berichten Therapeuten dann sogar, dass dieses im Nachhinein durchaus als hilfreich empfunden wird d.h. sie haben diese Perspektive übernommen. In einer solchen Vorgehensweise fehlen im Entscheidenden natürlich all die anderen Daten, die zu einer Prozessorientierung der Selbstorganisation in Erweiterung hilfreich wären, ja man kommt in dieser „Welt“ nicht mehr so ohne Weiteres darauf.
Als Hypnotherapeutin sieht man die Suggestionen klar. Therapeuten, die dann notgedrungen sagen, wir machen das nur pro forma bzw. das schrieben wir einfach um, unterschätzen den Problemtrance-Sog. Allerdings kann man keinem Psychotherapeuten abraten, sich um Approbation und Kassenzulassung zu kümmern. Man soll sich aber unbedingt klar werden bzw. das präsent halten, dass hier eben nur historische Modelle vermittelt werden und keine Wahrheiten. Das wird einem nicht ohne weiteres in der Ausbildung so vermittelt, sondern man kommt unwillkürlich in feste Wahrheiten hinein und sucht ja gerade als Beginner auch diese Sicherheit, jetzt Patienten eben effektiv behandeln zu können. Deren ungünstige Implikationen zu erkennen, kommt vielleicht erst später. Das zu reflektieren ist erst der Verdienst und die Möglichkeit der systemischen Modelle gewesen. Wir sollten nicht dahinter zurückgehen. Dennoch sehe ich es so, wie ich auch schon in der Liste geschrieben habe, dass eine Ausbildung in einem Richtlinienverfahren – am besten in beiden- auch aus historischen kulturellen Gründen und zur späteren Unterschiedsbildung in jedem Fall qualifizierend wirkt, wenn man dann das weiter noch reflektiert und sich nicht davon einfangen lässt.
Weiter kommt dazu, dass nicht wenige Systemische Institute auch mit Diagnosen und kausalen Modellen arbeiten, die vielleicht noch für eine Systemik erster Ordnung stehen könnten. Entwicklungen der Systemik zweiter Ordnung –auch wenn diese schon seit Jahrzehnten vorliegen, sind noch viel zu wenig einbezogen. Heute sind sie allerdings überall sonst belegt. Schauen sie mal in die You Tube Videos von: Wolf Singer: Max Planck Institut Frankfurt oder die uralten von Paul Watzlawick Palo Alto. Als Hypnotherapeutin sieht man auch, dass das Modell der Systemik 2ter Ordnung einem ericksonschen Vorgehen entspricht. Nur wer praktiziert das so? In der Regel wird Hypnose in der Psychotherapie als Interventionen auf einem VT- Hintergrund, seltener auf einem TP-Hintergrund eingebaut. Dort fungiert es dann integriert lediglich als Technik. Dies wird ebenfalls völlig isoliert von der Hintergrundtheorie, die jedoch andere Konsequenzen im Vorgehen mit sich brächte, gehandhabt. Die Behandlung bleibt so eine VT oder TP, also störungsbezogen, indirekt pathologiefokussiert- ein unzureichend reduzierter Fokus für Veränderung. Auch wenn viele es heimlich besser wissen könnten, ist das eben die pragmatische Praxis aus den dominierenden Kontextgründen mit seinen Rahmenbedingungen. Macht man es anders und praktiziert hypno-systemische, ericksonsche Hypnotherapie – also eine konstruktivistische ressourcenorientierte Therapie- dann ist das aber auch nicht ohne: Es geht nach dem Finden der eigenen reflektierten Position um die notwendige Transparenzherstellung für die Klienten, die eben mit vorherrschend vermittelten Vorstellungen über Behandlung kommen. Dabei bleibt die Rolle als approbierte Psychotherapeutin wichtig. Es gibt eine approbierte Psychotherapie neben der Richtlinie, auch wenn dieses Vorgehen nicht in der Kassenversorgung vorkommt! Ich weiß, dass das eine erarbeitete Nachfrage, erfahrene therapeutischen Flexibilität, erarbeitete fachliche Kenntnisse und einen auf reflektierten Hintergrund gewachsenen mutigen Einsatz erfordert.
Zum Thema empfehle ich sehr das Buch von Hans Lieb: „So hab ich das noch nicht gesehen- Systemische Therapie für Verhaltenstherapeuten“- aber auch für TPler, Systemiker und alle anderen. Ich weiß aus meinen Seminaren und Handouts wie schwierig das Unterfangen ist und kenne z.Z. kein Buch, das so verständlich an dem Denken von Praktikern angedockt und sich mit den Unterschieden im Hintergrund zwischen den Therapien auseinandergesetzt hat. Kompliment an dieser Stelle an den mir persönlich unbekannten Verfasser. Viele vorweihnachtliche Grüße an die Liste Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 23. Thema: Wertschätzung - ja aber... 01.11.2009
Liebe ListenteilnehmerInnen, nach längerem Überlegen "traue" ich mich doch meine Frage an die Liste zu richten. Die geballte Erfahrung hier beeindruckt mich immer wieder, und vielleicht können Sie mir auch hier helfen. Seit etwa 1,5 Jahren bin ich als externe Sportpsychologin an einem Bundesstützpunkt in einer Individualsportart tätig. Angeschlossen ist ein Sportinternat in dem Jugendliche von 14 bis etwa 20 Jahren leben, zur Schule gehen und trainieren. Jungen und Mädchen. Die Zusammenarbeit erfolgt mit einem Geschäftsführer, selbst auch Ex Trainer. Außerdem 5 aktiven Trainern. Alles Männer. Die Athleten haben keinen festen Trainer, sondern unterschiedliche, die sie dann auf Wettkämpfen in der ganzen Welt begleiten. Die Arbeit sieht bisher folgendermaßen aus: Gruppentreffen mit den Jugendlichen, zwei verschiedene Gruppen nach Alter aufgeteilt. 4 Treffen pro Gruppe 14 tägig. Inhalte: Entspannungstrainings, Selbstgesprächsoptimierung etc.. Diese Gruppensitzungen haben wir bisher 2 mal durchgeführt. Ab Dienstag wird es einen neuen Zyklus geben. Die Akzeptanz der Jugendlichen ist unterschiedlich. Überwiegende Neugier lässt sie immer wieder kommen. außerdem: seit etwa 2 Monaten gibt es 14 tätige Treffen mit den Trainern. Diese Initiative ging von mir aus, mit dem Hinweis, weshalb die direkte Zusammenarbeit mit den Trainern wichtig sei ! Die skeptischen Trainer (Zeitmangel Begründung) haben einer halben Stunde zugestimmt. Schon beim 1. Treffen war der Gesprächsbedarf so hoch, dass bei jedem Treffen 1,5 h oder mehr daraus werden. Es sind immer nur die Trainer anwesend, die sich gerade nicht auf Wettkampftour befinden.
Meine Anliegen: Am Dienstag gibt es ein Trainertreffen, bei welchem alle da sind. Diese Chance möchte ich nutzen, um das Thema Trainer / Athleten Interaktion zu besprechen. Aus folgendem Anlass: Ziemlich offensichtlich wurde die Wirkung des Trainerverhaltens bei einer Athletin, 16 Jahre, die häufig schlecht gelaunt, und im Wettkampf sehr aggressiv ist. Ihre Wettkampfleistung ist viel schlechter als ihre Trainingsleistung. Bei einem Turnier war die Athletin plötzlich höchst erfolgreich. Keine Aggression, sondern Konzentration und ein phänomenal gutes Turnier. Im Gespräch mit dem Trainer haben wir herausgearbeitet wie die Rahmenbedingungen waren, wie der betreuende Trainer die Woche mit ihr verbracht hat. Jeden Abend gab es persönliche Gespräche, bei schlechter Laune hat der Trainer sie in Ruhe gelassen, bis sie sich beruhigt hat etc. Aus Trainersicht waren die intensiven Gespräche und die Wertschätzung ihr gegenüber die wichtigsten Faktoren für die Ausgeglichenheit der Jugendlichen. Im darauf folgenden Turnier zeigte die Athletin wieder das gewohnt aggressive Verhalten. Die Turnierleistung war unter sämtlichen Möglichkeiten. Was war anders ? Es war ein anderer Trainer dabei. Grundsätzlich ist dieser Trainer sehr beliebt. Im Umgang mit den Jugendlichen aber eher autoritär. Soweit ich weiß der einzige der gesiezt wird von den Jungendlichen. Er kann sehr gut mit Jungs. In der Zusammenarbeit mit ihm habe ich festgestellt, dass sobald er den Eindruck bekommt, sein Verhalten sei "falsch" (seine Worte), ist der Widerstand extrem hoch. Bis hin zur Wiederholung des Satzes "Ich finde ich habe mich richtig verhalten". Jetzt frage ich mich seit Tagen: Wie kann ich am Dienstag Erfolgsfaktoren herausarbeiten, den Trainern die Bedeutung ihres Wettkampfcoachings klar machen, ohne ihn nach wenigen Sätzen zu verlieren?. Allein die Frage "Was war anders?" macht mir Sorge. Mein Standing bei den Trainern ist unterschiedlich. Ich spüre bei allen grundsätzlichen Respekt, aber bei zweien eine Riesenunsicherheit meine Handlungsempfehlungen umzusetzen. Sie brauchen viel Wertschätzung und Lob, um etwas von mir anzunehmen. Dann allerdings sind sie dabei. Einer ist extrem offen, nimmt alle Handlungsempfehlungen mit ins Training. Genauso der Geschäftsführer. Viel Text, ich weiß. Haben Sie einen kollegialen Rat für mich ?
Antwort von Frau Anne M. Lang: Wertschätzung - ja aber... 02.11.2009
Liebe Kollegin, ich finde Ihren Kontext spannend, da ja hier unterschiedliche Kulturen und Kontexte zusammen kommen mit jeweils unterschiedlich berechtigten und erprobten Vorgehens- und Denkweisen: Trainer, Sportler, Sportpsychologen, Jüngere, Ältere, Jungen, Mädchen, Männer, Frauen usw. Und das ist doch gerade für Systemisches Denken interessant: Eins ist bestimmt Vielen klar: Nichts ist per se für alles gut und nichts ist per se gut oder schlecht.
Es gibt nicht den Ratschlag und die Wirklichkeit. Also was wirkt? Wie? Wann? Bei wem? Von wem? Wo? usw: Ich finde systemisch arbeitende Psychologen wissen es nicht grundsätzlich inhaltlich besser, können aber eine neue Dimensionen des Wissens einbringen wie z.B. die der Perspektiven, die der Situationsabhängigkeiten, die der Beobachter- und Empfängerabhängigkeiten. Das kann man ja mal sammeln lassen und sehen, was zusammenkommt. Auch gut, dass der Trainer Sie zu der Frage gebracht hat, davon können jetzt Viele lernen. Gute Prozesse! Viele Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 22. Thema: Psychosomatik und ST 19.10.2009
Liebe KollegInnen, jetzt, da die Diskussion sich hin auf das Thema "Psychosomatik und ST" verschoben hat, dazu mein aus der Praxis kommender Beitrag. Eine Tagung zu "Psychosomatik und ST" möchte ich ebenfalls unterstützen. In meiner Instituts-Praxis wird in nicht unerheblichem Maße Psychotherapie von Psychosomatik angefragt, nicht zuletzt wegen unseres hypno- systemischen Schwerpunktes. Hypnotisch gesehen ist Psychosomatik ein so drastisch Aufmerksamkeit ziehendes Phänomen für alle systemisch Beteiligten, dass es als prägendes Element im System gesehen werden kann. Was damit, wenn es schon mal da ist, weiter geschieht, bestimmen dann alle daran Beteiligten je nach Einfluss mit- natürlich eben auch die BehandlerIn und ihre Konzepte.
Als Behandlerin interessiert mich zunächst am meisten, um was es dem unmittelbar Betroffenen in seiner Psychotherapie geht, was dieser sich an Erleichterung, Heilung, Besserung und Veränderung wünscht, vorstellt bzw. nicht vorstellen kann, schon erlebt hat oder noch nicht, wie sich sein Leben jetzt damit gestaltet, was er sonst noch vor hat, wovon er bewusst und implizit beeinflusst ist usw.. Mich interessiert, wie diese inneren Daten bisher sind und wie er diese im Therapieprozess erweitern möchte, dies mit Worten, Bildern, Metaphern und unweigerlich wirkenden Suggestionen. Die Antworten darauf sind eben nicht vorher schon mit der Diagnose standardmäßig klar. Aber gerade mit deren Veränderung arbeiten wir in der psychologischen Psychotherapie und bewirken damit Gesundung. Hier ist die Schnittstelle, an der der Mensch mit seinem inneren System ansetzen kann und aus diesen Nuancen, Aspekten, Überraschungen, Klärungen, Ressourcen und Zukunftserwartungen entwickeln sich Vorgehen und der Heilungsprozess in einer Psychotherapie. Das heißt also, ausführliche hypno-systemische Ziel- und Auftragsklärung unterlegt mit dichtem therapeutischem Interesse, Respekt, Offenheit, Zuversicht, auch mit – aber nicht von mir vorher festgelegter- realistischer Diskussion mit dem Patienten. Im Einzelnen diese Auftrags- und Zielklärung auszuführen, würde hier zu weit führen: Sie ist kleinschrittig und interessant, wirklichkeitsschaffend und den ganzen Prozess durchgängig begleitend.
Es geht mit ihr um Aktivierung all der Variablen, die zur Gesundung notwendig sind. Dann ist in günstiger Weise all das in die systemische Arbeit einzubeziehen, was wichtig für die Patientin ist: andere Mitbehandler, wichtige Bezugspersonen, die nicht im Therapiezimmer sitzen – und daher oft vergessen werden; und auch all die Situationen, die nicht im Therapiezimmer vorkommen – und daher oft vergessen werden; und auch all die Patientenseiten, die nicht im Therapiezimmer zur Sprache kommen - und daher nicht existent scheinen. Die im Spiel um die Wirklichkeit bestehenden prägenden Implikationen und Kommunikationen sind mit dem Patienten zusammen zu erfassen und mit ihm zu betrachten. Dazu gehören natürlich auch die durch die Psychotherapie entstehenden zu erfassen. Die Ergänzung des Systemischen durch Ericksonsche Arbeit zum Hypnokonstruktivistischen hilft, den Patienten so in seinen Möglichkeiten ressourcenorientiert zu unterstützen. Mit der Erfahrung kann so – wenn auch mit Bedacht, aber nicht unbegründet - mehr möglich werden. Das ist in der Psychosomatik genauso wie in jeder anderen Psychopathologie - nur hier durch die körperliche Reaktion scheinbar beeindruckender und suggestiver für die Beteiligten. Wie sich dieses systemische und hypnosystemisches Vorgehen praktisch gestaltet, zeige ich am Beispiel einer 15Jährigen mit einer Hüftnekrose (zwar originär keine Psychosomatik, aber wegen dieses chronischen Verlaufs dazu rechenbar) in meinem Workshop auf den „Heidelberger Kindertagung“ 28-31.10..Und die Kollegen im Rheinland finden bei den diesjährigen „Rheinischen PSYCHOtherapietagen“ 11-14.11. das Thema: „Kranker Körper zum Seelendoktor“. Hier werde ich eine hypno-systemische Demo machen. Gute Prozesse Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 21. Thema: Stellungnahmen zur Anerkennung der System. Therapie: 09.03.2009
Liebe ListenteilnehmerInnen, ich leite Ihnen hier folgende Stellungnahme zur Anerkennung der Systemischen Therapie der Bundespsychotherapeutenkammer aus dem Newsletter des BVVP weiter, Quelle: bptk,de, 16.02.09 Herzliche Grüße ............................................................... Systemische Therapie: BPtK und Fachgesellschaften beraten sozialrechtliche Perspektiven Die Deutsche Gesellschaft für Systemische und Familientherapie, die Systemische Gesellschaft und die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) haben sich in Berlin getroffen, um sich über den aktuellen Stand zu informieren und das weitere Vorgehen zu beraten. "Wir begrüßen die Anerkennung der Systemischen Therapie durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie ", erklärte Prof. Dr. Rainer Richter, BPtK-Präsident. "und hoffen, dass auch die sozialrechtliche Anerkennung als ambulantes Behandlungsverfahren in der gesetzlichen Krankenversicherung aufgrund der breiten Wirksamkeit bald folgen wird." Die berufsrechtliche Anerkennung der Systemischen Therapie schreitet inzwischen zügig voran. Die ersten Landesbehörden haben sich bereits dahingehend geäußert, dass sie nach den Empfehlungen des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP) Ausbildungsinstitute mit der vertieften Ausbildung in Systemischer Therapie anerkennen werden, wenn die weiteren Bedingungen für die staatliche Anerkennung erfüllt sind. Die Beratungen zur sozialrechtlichen Anerkennung der Systemischen Therapie machten deutlich, dass die hierfür erforderlichen Schritte sorgfältig geplant und vorbereitet werden müssen. Die rege Forschungsaktivität zur Systemischen Therapie, wie sie sich auch im Gutachten des WBP niedergeschlagen hat, sollte für die Integration in die ambulante Versorgung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) intensiv genutzt werden. Die BPtK wird sich dafür einsetzen, dass die Systemische Therapie zusätzlich zu den bereits bestehenden wirksamen Angeboten in der stationären Versorgung und im Jugendhilfebereich auch den Patienten der ambulanten GKV-Versorgung möglichst bald als Behandlungsangebot zur Verfügung gestellt werden kann. Der WBP hatte am 14. Dezember 2008 die Systemische Therapie als wissenschaftlich anerkanntes Verfahren eingestuft. Nachdem das erste WBP- Gutachten im Jahre 1999 noch feststellte, dass die Studienlage dafür nicht ausreiche, hat sich die Forschungslage in den vergangenen zehn Jahren erheblich verbessert. Der WBP stellt in seinem neuen Gutachten fest, dass die Systemische Therapie bei Erwachsenen in fünf und bei Kindern und Jugendlichen in vier Anwendungsbereichen als wissenschaftlich anerkannt gelten kann. Er empfiehlt deshalb ihre Zulassung als Psychotherapieverfahren - sowohl für die vertiefte Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten als auch für die vertiefte Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten.
Folgende Anwendungsbereiche wurden anerkannt: Bei Erwachsenen: Affektive Störungen, Essstörungen, Psychische und soziale Faktoren bei somatischen Krankheiten, Abhängigkeiten und Missbrauch, Schizophrenie und wahnhafte Störungen. Bei Kindern: Affektive Störungen und Belastungsstörungen, Essstörungen und andere Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen, Verhaltensstörungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend sowie Tic-Störungen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, Störungen der Impulskontrolle, Störungen der Geschlechtsidentität und Sexualstörungen, Abhängigkeit und Missbrauch, Schizophrenie und wahnhafte Störungen. Quelle: bptk,de, 16.02.09
Antwort von Frau Anne M. Lang: Stellungnahmen zur Anerkennung der System. Therapie 09.03.2009
Liebe KollegInnen und Kollegen, es geht um die Ausbildung zum Psychologischen PsychotherapeutIn/ PP mit dem Abschluss Approbation d.h. Zulassung zur Heilkunde vor der Bezirksregierung. Diese ist seit dem Psychotherapeutengesetz geregelt. In dieser Ausbildung ist „Vertiefte Ausbildung“ ein fester Begriff, der bisher für VT oder TP galt. Jetzt kann dieser Teil auch durch Systemische Therapie gefüllt werden. Die Ausbildung zur/m Psychologischen PsychotherapeutIn /PP (Info übrigens auch über Wikipedia ganz gut unter „Psychologischer Psychotherapeut“) ist geregelt auf Basis des PsychThGesetzes in der "Ausbildung- und Prüfungsverordnung für Psychologische Psychotherapeuten" (PsychTh-APrV). Der/die Psychologische PsychotherapeutIn behandelt demzufolge psychische Störungen (vgl. die Klassifikation nach ICD-10) der Erwachsenen, aber auch der Kinder- und Jugendlichen bei entsprechender Zusatzqualifikation.
Während der Psychotherapie-Ausbildung führt ein Psychologe die Bezeichnung „Psychotherapeut in Ausbildung“ (abgekürzt „PiA“ oder „PPiA“ für "Psychologischer Psychotherapeut in Ausbildung") und ist von seinem Status vergleichbar mit einem Assistenzarzt, der sich in der Facharzt-Weiterbildung befindet. Die Ausbildung kann als dreijährige Vollzeit-Ausbildung oder als fünfjährige berufsbegleitende Ausbildung absolviert werden. Beide Möglichkeiten gliedern sich u.a. in: 600 Stunden Theorie; 1800 Stunden Praktische Tätigkeit in 1 1/2 Jahren, davon 1 Jahr in einer Psychiatrischen Klinik, 1/2 Jahr in einer psychosomatischen Klinik, Psychiatrie oder in der Praxis eines Psychotherapeuten oder eines Facharztes für Psychotherapeutische Medizin; 120 Stunden Selbsterfahrung; 600 Stunden Patientenbehandlung in einer Ausbildungs-Instituts-Ambulanz oder in einer Lehrpraxis; 150 Stunden Supervision. Insgesamt werden über 4000 Stunden in den drei bis fünf Jahren Ausbildung absolviert. D. H., eine Systemische Ausbildung könnte als Teil einer vertieften Theorieausbildung nun neben den bisher möglichen VT oder TP-Teilen stehen. Die anderen Teile der Ausbildung bleiben aber weiterhin natürlich auch zu absolvieren. Allerdings finde ich es spannend, wie wir Systemiker das mit den „intrapsychischen Krankheits-Diagnosen“ noch lösen. Viele Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 20. Thema: Teamsitzung im allgemeinen Sozialdienst des Jugendamtes 05.03.2009
Liebe Liste-lesende, kurz möchte ich mich vorstellen: ich bin Diplom-Sozialpädagogin, päd. Rollenspielleiterin und systemische Familientherapeutin. Ich bin seit einem halben Jahr im allgemeinen Sozialdienst eines Jugendamtes tätig. Freiberuflich liegt mein Schwerpunkt in der Trennungs- und Scheidungsberatung in eigener Praxis.
Einmal wöchentlich findet innerhalb unseres Teams (8 Menschen) eine sog. Teambesprechung (mit Teamleitung) statt (von 08.30-max. 12.00 Uhr), die (vordergründig) dazu dienen soll, fälle zu beraten unter der Fragestellung "Welche Jugendhilfemaßnahme ist die geeignete Maßnahme für die Familie/Kind/jugendliche?". Durch neue und alte Dienstanweisungen, steigende Fallzahlen und hoher Krankheitsstand stehen die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen sehr unter Druck. Die Teambesprechungen wird inzwischen als "Pseudo-Veranstaltung" wahrgenommen. Zu 95% werden Familien vorgestellt, wo die fallvorstellende Sozialarbeiterin/Sozialarbeiter im Grunde schon die geeignete Maßnahme im Vorfeld entwickelt hat (und gar nicht bereit ist andere Ideen anzunehmen) und sozusagen den institutionellen Vorgaben folge leistet, um die Kostenbewilligung zur Einleitung der Maßnahme "in der Tasche zu haben". Alle sind sehr unzufrieden mit diesen Teamsitzungen und gehen teilweise mit Magenschmerzen aus dieser Veranstaltung. Was mich sehr verwirrt ist, dass sich das Team irgendwann auf ein Beratungsschema geeinigt hat (max. halbe stunde, 5min. Fallvostellung, 5min. Fragestellung, 15 min Ideensammlung, 5min Reflexion) an das sich aber niemand hält/halten will. Sogar eine Pause ist verpönt. z.t. dauert eine Fallvorstellung über eine stunde und ich erlebe die Fallbesprechungen insgesamt als wenig hilfreich. Ich habe das Gefühl, durch mein ständiges nachhaken bezüglich der Beratungsstruktur und einer Pause inzwischen schon fast alle im Team zu nerven. Bevor ich nun auch resigniere und Magenschmerzen bekomme, möchte ich mich an sie/euch wenden mit den fragen:
- Wer kennt diese Situation und vor allem: was hat geholfen? - Hat vielleicht jemand eine optimale, auf den ASD-zugeschnittene Beratungsstruktur in petto, die es uns ermöglicht eine Teamsitzung zu führen wo Fälle sowohl beraten werden können, als auch schnell, schnell, schnell :-) abgehandelt werden können, weil sie relativ logisch auf eine bestimmte Jugendhilfemaßnahme hinauslaufen? Über eine Rückmeldung freue ich mich sehr, Herzliche Grüße
Antwort von Frau Anne M. Lang: Teamsitzung im allgemeinen Sozialdienst des Jugendamtes 09.03.2009
Sehr geehrte Frau XYZ, Ich bin wirklich keine Freundin von Standardantworten, aber auf dieser Meta- Ebene empfehle ich standardmäßig: …… immer wenn Du nicht mehr weiter weißt, dann ist angesagt: 1.Zielklärung Was soll am Ende stehen? Was ist das Ziel vom Tun? Wozu dient die Veranstaltung für Sie? Wer profitiert davon und wie? Aus welcher Perspektive sieht es wie aus? Angenommen, wir würden es anders machen…wie würde das zum Ziel führen? Angenommen, …. Usw. noch viele Fragen möglich 2.Auftragsklärung. Beschreiben, wie Sie das aus Ihrer Perspektive erleben. Wie in Ihrer Email und dann: Was ist Ihr Auftrag an mich als Supervisorin in dieser Situation, in diesem Setting? Es kann sein, dass auf die Frage nicht gleich eingegangen werden kann im Sinne von „ Wieso - ist doch klar!“ Dann müssten Sie sie nochmals modifizieren: Wie läuft es denn jetzt so aus Ihrer Perspektive? Wozu wünschen Sie sich dabei eine Supervisorin? Angenommen, wir würden es anders machen, welche Möglichkeiten ständen zur Verfügung? Welche Möglichkeit geben Sie Ihrer Supervisorin, daran etwas zu modifizieren? Ich erlebe übrigens oft, dass es durchaus kompetente Teams gibt, die Supervision allein machen wollen und können und dann pro forma oder vorgeschrieben eine Supervisorin „mitschleifen“. Dann ist wirklich das zu klären: Was soll ich hier für Sie tun? Oder: Ist das dann vielleicht ein Auftrag zur Teamentwicklung? Wer würde das dann entscheiden? Mit freundlichen Grüßen Anne M. Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 19. Thema: Erkläre einem Verhaltenstherapeut systemisches Arbeiten 15.02.2009 Liebe Kolleginnen und Kollegen, soeben bat mich ein Kollege, Psychiater und überzeugter Verhaltenstherapeut, um Rat. Er schreibt gerade an einem Selbsthilfebuch zum Thema Depressionen. Er schreibt das Buch aus explizit verhaltenstherapeutischer Sicht, will aber der Vollständigkeit halber auch einen Überblick über andere Therapieformen geben, damit die Patienten gut informiert sind und selbst entscheiden können, welche Behandlungsform sie wählen. Nun stellte mir der Kollege die Frage: „Wie behandelt ein Systemiker eigentlich eine Depression?“ Ich habe mir Mühe gegeben, ein paar Grundprinzipien zu erklären, aber es kam mir ein bisschen so vor, als würde ich aus einer fremden Welt berichten, zu der ich ihm keinen Zugang eröffnen kann. Das Problem dabei fängt ja schon mit der Dekonstruktion des Begriffes „Depression“ an, die ich einem Verhaltenstherapeut, der den Begriff „Krankheitseinsicht“ als ersten Schritt sieht, nur schwer vermitteln kann. Das mag ja ein Stück weit in der Natur der Sache liegen, dennoch bin ich recht unzufrieden mit dem Ergebnis. Mir persönlich fällt es inzwischen schon teilweise schwer zu benennen, was von meiner Arbeit eigentlich noch „explizit“ systemisch ist, und was mit anderen Methoden vermischt ist. Ich würde mich über Anregungen und Beiträge zu diesem Thema sehr freuen! Mit besten Grüßen
Antwort von Frau Anne M. Lang: Erkläre einem Verhaltenstherapeut systemisches Arbeiten 18.02.2009
Lieber Kollege, danke für die anregende Fragestellung. Fragen ist eine der Hauptinterventionen in der Systemischen Therapie, weil sie eben beim Klienten Suchprozesse anregen, die ihn in den eigenen erweiternden Prozess bringen. Im Folgenden will ich versuchen, das Systemische durch Fragen erfahrbar zu machen. Diese Fragen werden sehr unterschiedlich beantwortet in VT, TP und ST, da sehr unterschiedliche Konzepte- wie Veränderung vor sich geht- zugrunde liegen. Sich damit zu beschäftigen ist wichtig, um in der Praxis überhaupt dann systemisch vorzugehen. Frage: Gibt es Probleme? …Oder sind Probleme, wie das Systemische Denken vorschlägt „lediglich“ Phänomene der Selbstorganisation des Klienten bzw. auch der des relevanten Systems, die hier erzeugt werden und hier auch wieder veränderbar sind? Sind sie weitgehendes Resultat von Reduzierungen in Beobachtungen und Wahrnehmungen in Sprache und sozialer Kommunikation und deren einseitigen Bewertungen? Unter diesen Prämissen erfolgt dann eine andere „Behandlung“. Wie entsteht ein „Problem“?
Ein Phänomen muss Aufmerksamkeit bekommen, es muss als Problem bewertet werden, es muss der Problemfokus verstärkt werden usw.. Andere Fokussierungen und Differenzierungen müssen außen vor bleiben. Es muss erscheinen als willentlich nicht veränderbar und unwillkürlich entstehend. Wie bleibt ein Problem bestehen? Wie weit und in welcher Weise macht es Sinn, sich mit dem „Problem“ und deren Ursachen, der dahinterliegenden Defizite zu beschäftigen usw. – also Konstrukt mit zugegebenermaßen weitgehenden Konsequenzen wie z.B. Leiden - oder sollten wir uns gleich damit beschäftigen, was in Zukunft angestrebt wird. Dies zumal, wenn jeder mehr Ressourcen für Lösungen in sich trägt (M. Erickson), als er in einem solchen Problembewusstseinszustand glaubt zu haben. Dies, da man nie derselbe ist, sondern immer in Entwicklung und weitergehender Erfahrung. Was ist das therapeutische Ziel und wer hat es?
Hat der Therapeut das Ziel oder ist der Patient gefordert, sich damit auseinandersetzen, was er selbst anstrebt? Behandeln wir eine Diagnose oder einen ganz individuellen Menschen in seinen Lebensbezügen? Bei gleichen Situationen, Problemen bzw. „Diagnosen“ gibt es dann individuell doch sehr unterschiedliche Ziele und es gilt, diese mit erfahrener, darin fachkundiger Unterstützung zu finden. Wie erzeugen wir weiterhin therapeutisch stimmig beim Patienten einen anderen Zustand, in dem mehr Möglichkeiten gesehen werden. Wie erzeugen wir durch Reframen und anderen Zugängen eine Situation, in der das erzeugte Problem in einem anderen Licht und erweitert gesehen werden kann und dadurch wieder einiges an „Pack an“ entsteht. Und wie geht Veränderung und was ist Veränderung? Wenn Menschen ständig im Werden sind, also nicht punktuell als Depression einzuordnen sind, ist dann nicht eigentlich die Frage, wie wird die Depression manifest und fortgeschrieben erzeugt? Was muss dazu alles ausgeblendet werden. Dann hinterfragen wir auch die Nebenwirkungen vonPsychotherapie, auch der (Langzeit-)Therapie mit regelmäßigem vorgegebenen Stundenkontingent und therapeutisch fremdgesetzten Zielen.
Was denke ich selbst als Behandlerin über all diese Fragen? Die Beraterin/Therapeutin ist im relevanten System Therapie ein entscheidendes Suggestionsmitglied. Wie sehr ist es mir vertraut, systemisch zu denken und Komplexität und verschiedene Perspektiven zu erfassen und zu befragen? Wie sehr habe ich erfahren, dass Wirklichkeit nichts Festes ist, sondern „wabert“. Wie sehr, dass sie geformt, eingefroren und fortgeschrieben wird u.a. auch durch eine Diagnose, die wie eine Wahrheit gehandhabt eine solche psychische Wirklichkeit erzeugt. Diese Fragen und ihre systemischen Antworten führen dann im Vorgehen zu ganz entscheidenden andere Datensammlungen und andere Interventionen (und übrigens auch ganz andere modellspezifische Supervisionsthemen). Was frage ich einen Patienten, der sagt (bzw. sein Vorbehandler) er habe eine Depression und wie interveniere ich bei einem solchen Patienten? Nicht nur, dass es grundsätzlich sehr viele Möglichkeiten gibt, da unterscheiden sich die Fachmodelle erheblich und erzeugen damit eben andere Prozesse und Möglichkeiten auch für zukünftige Entwicklungen. Kommen wir jetzt zur Behandlung/Psychotherapie der Depression. Das „Konstrukt Depression“ wird so beibehalten, da es im Kontext Psychotherapie so selbstverständlich ist, auch wenn die „Behandlung“(die eben auch keine„Be-handlung“ ist), gerade darin besteht es aufzulösen. • Befragung direkt von Anfang an ohne feste Einordnung in eine Diagnostik von therapeutischer Seite bzw. Aufweichung einer solchen. • Fragen als Interventionen zu nutzen, die Klärungs-, Bewegungs- und Erweiterungshilfen vornehmlich für den Patienten selbst sind. • Den Patienten gerade dazu zu befragen, was er nicht aus seiner Problemsicht vorbringt wie z.B. seine individuellen Seiten und was ihn sonst ausmacht, seine Lösungsansätze, seine Erklärungen zu den Ausnahmesituationen vom Problem, seine Hypothesen zur Situation und den Optionen (die mehr Bedeutung haben als die des Therapeuten), usw. • Normalisierung der Bewältigung von schwierigen Lebenssituationen und Unterlassen zusätzlicher therapeutischer Suggestionen, wie sie automatisch über Diagnosen und Hypothesen ins Spiel kommen - stattdessen auflösen der Suggestionen des Patienten. • Beachten der systemischen weiteren Bezüge im Behandlernetz, dem Familiennetz usw. Dabei ist das Einordnen der (Frage-)Interventionen in das dahinter liegende systemische Denken grundlegend, damit sie ihre durchgängige Konsequenz haben. Es ist eben nicht so, dass alles integrierbar ist. Dazu liegen zu unterschiedliche Konzeptionen zugrunde und isoliert auf der Toolebenen führt Integration nicht weiter. Dann bestimmt der konzeptionelle Hintergrund (ressourcenorientiert oder pathologieorientiert) wie es wirkt. Folgende Fragen und Prinzipien u.a. ergeben sich systemisch: • Was meinen Sie mit Depression? (Verflüssigen, Konstrukte aufweichen Dekonstruieren, „Dehypnotisieren“) • Wer sagt das? Wann ist das anders? Was machen Sie dann anders? (Ausrichtung verändern) • Was soll anders sein? Wie anders? Beschreiben lassen. Wann ist es schon annähernd so? Was streben sie an? Was stellen sie sich vor, in der Therapie dafür zu tun? Was soll am Ende stehen? (Zielklärung) • Was soll beim nächsten Termin sein (Prognosen)? • Was sind Schritte in die für sie richtige Richtung? (Selbststärkung) • Was ist seit dem letzen Gespräch in Gang gekommen. Was haben sie mitgenommen und verwertet. (Prozessinterventionen) • Wo möchten sie ansetzen? (Suchprozesse und Ressourcen abrufen) • Wer sagt das anders? Wer sieht das anders? (Systemisches Netz der Relevanten Personen im System abfragen) Usw. usw. usw. Nach dem ersten Systemischen Gespräch wird der Prozessfaden aufgegriffen und weiter gesponnen und insofern gleicht jedes weitere Gespräch in seiner Befragung des Patienten dem ersten. Veränderung geschieht dadurch – wenn auch eine noch so kleine - dass sie erst in die Aufmerksamkeit gehoben wird und der Wahrnehmungsfilter erweitert wird, zudem dadurch, dass Tun angeregt wird über die unterlegte Zuversicht, die die Selbstwirksamkeitssuggestion durch die Befragung erzeugt. Schritte, Ereignisse auf dem Weg in erwünschte Erfahrungen werden beachtet und fokussiert ausgebaut und so nähert man sich den vom Patienten angestrebten Möglichkeiten an. Mit dem Konzept der „Prozess- und Schleifenarbeit im Bonner Ressourcen Modell“ habe ich in dieser Weise das Konstruktivistisch-Systemische, das Ericksonsche und das Lösungsorientierte verwoben. Es wird klar, dass Erleben von Wirklichkeit und Beschreiben von Wirklichkeit eben nicht so fest und wahr ist, sondern von den Beteiligten erzeugt werden. Dafür bewährt sich sowohl die Arbeit mit einem systemischen Prozessstrang als auch die Anregung durch hypnosystemische Suchprozesse. Mit dieser Metaarbeit regt die Therapeutin an, dass der Patient sich wieder erweitert leben kann. Viele Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 18. Thema: Projektauswertung – Literatur 11.02.2009
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich bin als Supervisorin in und um XY tätig und habe kürzlich mit einem Team ein Projekt mittels systemischer Supervision ausgewertet. Dies war ein sehr spannender Prozess und ich möchte mich nun gerne etwas genauer damit beschäftigen. Leider war meine Literaturrecherche bisher nicht von Erfolg gekrönt, so dass ich Sie um Ihre Hilfe bitte: Ich würde mich freuen, wenn Sie mir Bücher, Artikel, Hausarbeiten etc. empfehlen würden, in denen es um die Verbindung von systemischer Supervision & Projektauswertungen bzw. Projektmanagement geht. Vielen Dank im Voraus fürs Mitdenken! Herzliche Grüße aus xy
Antwort von Frau Anne M. Lang: Projektauswertung – Literatur 11.02.2009
Liebe Frau xy, ......nicht direkt zum Projektmanagement, aber vielleicht doch für Ideen zum Projektmanangement gut: Mein Artikel zur "Systemischen Supervision". Er erschien 2004 im Megaphon, auch zu finden auf meiner Homepage unter http://www.institut-systeme.de/termine/termin_megSupInhalt.html Viele Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 17. Thema: Psychosomatische Grundversorgung 05.03.2008 Liebe ListenteilnehmerInnen, Da ich mich hiermit zum ersten Mal zu Wort melde, möchte ich mich vorab vorstellen. Ich bin Fachärztin für Innere Medizin mit der Zusatzbezeichnung Psychotherapie (tiefenpsychologisch), systemische Familientherapeutin (IFW) und systemische Supervisorin.
Vor mehr als einem Jahr kam ich auf die Idee, dass in der Weiterbildungslandschaft für Ärzte eine systemisch ausgerichtete Weiterbildung für die "Psychosomatische Grundversorgung" fehlt, ein 80-h-Kurs, der Voraussetzung ist für die Abrechnung der Psychosomatikziffern, bzw. den Erhalt der Psychosomatikpauschale bei den Hausärzten nach dem neuen EBM, für die Abrechnung der Akupunkturleistungen, für die Facharztweiterbildung in Allgemeinmedizin und in Gynäkologie und Geburtshilfe (zumindest im Bereich der Ärztekammer Westfalen-Lippe). Nach Einreichung eines Konzepts bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe erhielt ich die Anerkennung der KV, die für die ersten beiden o. g. Bereiche zuständig ist. Die Ärztekammer hingegen reichte mein Konzept an einen (psychoanalytischen) Gutachter weiter, der natürlich an dem Konzept kein gutes Haar ließ. Daraufhin habe ich die weitere Bearbeitung erst einmal gestoppt und mich erkundigt, wen ich zur Unterstützung meines Anliegens gewinnen kann, wobei ich an den Hausärzteverband und den Gynäkologenverband denke. Bisher habe ich das aber noch nicht umgesetzt - aus Zeitmangel, aber auch, weil ich nicht noch weiter frustriert werden möchte. Denn in beiden Weiterbildungsrichtlinien ist sinnigerweise aufgenommen, dass diese Kurse nur auf Grundlage wissenschaftlich anerkannter Verfahren durchgeführt werden dürfen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
Die Weiterbildung läuft jetzt. Die Anfragen kommen, vielen muss ich absagen wegen der fehlenden Anerkennung der Ärztekammer. Systemisches Arbeiten ist den Kollegen völlig unbekannt, die Rückmeldungen der Teilnehmer sind aber positiv, da sie viel Praxisrelevantes mitnehmen. Die Anmeldungen kommen sehr schleppend, obwohl andere, teurere Kurse ausgebucht sind. Die Akademie für ärztliche Fortbildung hat es abgelehnt, den Kurs in ihr Angebot aufzunehmen, da sie schon eine tiefenpsychologische Weiterbildung mit gleichem Thema anbietet. Der Kurs ist aber mit 80 CME-Punkten zertifiziert. Fragen: 1. Gibt es in anderen Kammer- oder KV-Bereichen Erfahrungen zum selben Thema? Welche? 2. Wie kann ich - solange die Anerkennung der Systemischen Therapie im Psychotherapieausschuss in Narkose gehalten wird - die Ärztekammer bewegen, ihre Meinung zu ändern? Oder soll ich mir lieber meine Kraft für andere Dinge aufheben? 3. SystemikerInnen unter nicht psychiatrisch tätigen ÄrztInnen sind Exoten. Wie können wir den systemischen Ansatz noch einbringen? Wo gibt es noch mehr von uns und welche Erfahrungen macht Ihr in Euren Arbeitsumfeldern? Alle, die Interesse an dem Konzept haben, können es bei mir per Mail anfordern - und weitergeben. Viele Grüße
Antwort von Frau Anne M. Lang: Psychosomatische Grundversorgung 07.04.2008
Lieber KollegInnen xyz, es geht um viel mehr als um: "Aber: Ist das wirklich (aus Patienten-/Klientensicht) so schlimm? Oder ärgert es nur die Ausbildungsinstitute, denen große Umsätze verlustig gehen oder die Verbände, weil ihre Abgrenzungs-Identitätsstiftungs-Politik erfolglos bliebe?" (Listenbeitrag vom 2.4.) Es geht darum, dass mit den Tools nur „kompakte Endprodukte“ von darunter liegenden Haltungen, Paradigmen von Störungsentstehung und Veränderung übernommen werden, die ihre Wirksamkeit aber nur in diesem ihren Gesamt entwickelt. Aus diesem Zusammenhang gerissen und sogar unreflektiert in jeder Journaille bzw. einem Schnellkurs vermittelbar, werden sie zu einer Art „Küchenpsychologie oder Hobbypsychologie.“ So ist es heute aber auch im Fachkontext kein Einzelfall mehr, dass gerade unter dem Aspekt, wie gut alles zu integrieren sei, z.B. auf einer Jahrestagung eine renommierte Psychologieprofessorin der Tiefenpsychologie die „Wunderfrage“ in die Tiefenpsychologie integrieren will - bezeichnenderweise beschrieb sie auch noch als Tool der Gestalttherapie! - Daran merkt man, wie gerade dieses „Tool“, das eine völlig andere zugrunde liegende Schulenphilosophie als die der TP so komprimiert verkörpert, aus diesem Zusammenhang gerissen, niemals „die Wunderfrage“ mit allem ihrem Drum und Dran und Wirkkraft mehr bedeuten können wird. Dieselbe Professorin führte übrigens als weiteres Beispiel das Tool „Fokusing“ an – ebenfalls falsch zitiert als Tool der Körpertherapie! und aus dem Zusammenhang Gendlinscher Gesprächspsychotherapie völlig herausgerissen. Ein weiterer Professorenkollege stand ihr nicht nach und referierte zu dem Thema, was die grundlegenden Therapiefaktoren besonders in der Hypnotherapie seien und bekannte gleich zu Anfang, er habe keine Ausbildung und Anwendererfahrung in Hypnotherapie.
Das zeigt, man kann umso müheloser integrieren je weniger man die Spezifika der Modelle kennt. Dann geht auch die Integration der VT in die TP und die TP in die VT genauso leicht. „Hobbypsychologie und Küchenpsychologie“ heißt für mich also auf einer Toolebene agieren ohne psychologische Kenntnisse der Hintergrundmodelle. Es heißt auch, nur ein Modell z.B. eines der Richtlinie zu kennen und das dann zur Wahrheit zu erheben und ohne grundsätzliche Hintergrundeinbettung, ohne Reflexion von Modell-Implikationen oder ohne Kenntnis von Alternativmodellen alles darin für integrierbar zu halten. Ich selbst verbinde aber im Gegensatz dazu mit professionellem Psychologiestudium und professionellem Psychotherapiestudium, dass wir zunächst die verschiedenen Modelle der Psychologie und Veränderungsarbeit unterscheiden können, ihre Vorannahmen, ihre historisch und gesellschaftlich geprägten Philosophien. Es heißt auch die Modelle, die systemischem- lösungsorientiertem- Ericksonschem Denken zugrunde liegen, – in diesen drei Verfahren sehe ich die große Modellnähe der Ressourcenorientierung- unterscheiden zu können von den Richtlinienverfahren. Denn das Spannungsfeld, das diese Verfahren z.B. in die Psychotherapie einbringen, ist ein kreatives, das gerade für die Psychotherapie als Veränderungsarbeit mit Menschen aus dem reinen „Be- Handlungssetting“ herausführt und unbedingt erhalten bleiben sollte. Aber dazu gehört weit aus mehr als ein Schnellkurs oder eine Ausbildung. Es geht bei diesem Thema viel mehr als um Tools und deren Integration. Denn es zeigt sich heute schon sehr oft, dass dann Tools ohne entsprechende Haltung und Gesamtphilosophie nur zum schalen Abdruck werden dessen, was möglich ist und nicht mehr die eigentliche Innovationskraft enthalten. Das heißt, dass Modelle und ihre Tools dann eben gerade nicht mehr integrierbar sind, wenn man sich grundlegend damit auseinandergesetzt und die Toolableitung verstanden hat. Siehe dazu auch unter: Erklärung „Unbehagen in der Psychotherapiekultur – Bonner Erklärung meine Homepage: www.institut-systeme.de unter Materialien Artikel „Steinbruchmetapher“ Homepage von Marieluise Conen www.context-conen.de Veröffentlichungen Mit freundlichen Grüßen Anne M. Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 16. Thema: Sexueller Mißbrauch: Therapie im "Zwangskontext für Selbstzahler" 04.02.2008
Werte Kollegen, ich würde mich sehr über Ratschläge freuen, die mir einen Weg aufzeigen könnten, in welcher Weise man systemische Therapie mit einem Großvater, der seine Enkeltöchter sexuell missbraucht hat, nachdem er 59 Jahre lang keinerlei auffälliges Verhalten gezeigt hat, machen kann. Der Kunde hat mich aufgesucht, weil er zu einer mehrjährigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Die Bewährungsauflage sieht die sofortige Aufnahme einer Therapie vor. Da ich privat abrechne und deshalb keine Warteliste habe, kam er zu mir. Ich gebe zu, dass ich erschrocken war und ihn erst weiter verwiesen habe, aber er konnte niemanden finden und rief mich wieder an. Nun ist er mein Kunde, und ich bin ratlos. Ich konnte in der Fachliteratur bisher nichts Erhellendes über die systemische Therapie mit Missbrauchern im „Zwangskontext für Selbstzahler“ finden.
Mein Kunde ist ein schwer asthmatischer und wassersüchtiger – und überdies mir unsympathischer - alter Herr, der sein letztes Berufsjahr als Buchhalter absolviert. Die Kinder, die er sexuell misshandelt hat, sind die 12- und 14jährigen Töchter seines kurz vorher an Krebs verstorbenen Sohnes. Die Ehefrau des Kunden ist kurz nach der Verurteilung im Herbst 2007 auch an Krebs verstorben. Wie soll ich arbeiten? Es handelt sich zwar um einen Zwangskontext, aber der alte Herr ist dennoch begeistert, was mir paradox erscheint. Welche Erwartung hat das Gericht an Therapie, d.h. an mich? Vermutlich den Schutz der Enkelkinder vor ihrem Großvater. Aber kann ich dem entsprechen? Der Kunde bezahlt mich dafür, dass ich einerseits der Bewährungsauflage diene, andererseits aber Therapie im Interesse des Kunden, der mich bezahlt, mache. Ist dies vertretbar? Der Kunde hat ganz deutlich eine vom Gerichtsurteil abweichende Erwartung an mich, denn das „Ereignis“, also das Verbrechen, spricht er nicht an. Er hat mir zwar in der ersten Sitzung das Gerichtsurteil überreicht, so dass ich alles in allen Einzelheiten weiß, jetzt aber freut er sich, wie er sagt, dass er eine wertschätzende Atmosphäre vorgefunden hat und dass man ihm zuhört. Wie komme ich nun zu einem klaren Auftrag? Oder gibt es den schon? Und muss ich den Missbrauch zum Thema machen, auch wenn der Kunde das nicht will? Die Therapie läuft gut, d.h. sie „funktioniert“, aber schützt das die Kinder? Spiele ich in einem Spiel mit, d.h. wird auch die Therapie missbraucht?
Im voraus vielen Dank für Ihre Gedanken!
Antwort von Frau Anne M. Lang: Sexueller Mißbrauch: Therapie im "Zwangskontext für Selbstzahler 07.02.2008
Liebe Frau xyz, .........also, dann lassen Sie uns - wie von Ihnen gewünscht- „Systemische Therapie“ machen. Hierbei kann gezeigt werden, wie diese fall- und symptomunabhängig gerade schwierige Situationen entwirrt und aufwickelt. Auch hier führt dieses Vorgehen zur Abklärung einer komplexen Situation und gleichzeitig schon zu prozesshaften Entwicklungen für Klient und Therapeut. Natürlich vertiefen Kontexterfahrung, berufliche Erfahrung die systemische Kompetenz. (so z.B. durch Gewandtheit in Frage-Interventionen, Tools der Metaerfahrung, in der Kunst von gleichzeitigem Aufrechterhalten von Rapport und Konfrontation, in der Klarheit für meine Position im Therapiesystem usw..) Systemisch hieße für mich: Auftragsklärung aus den Perspektiven der Auftraggeber. Wer sind die? Wir haben es hier mit mindestens 2 Auftraggebern zu tun:
1. Gericht, auch wenn die Therapieauflage nicht direkt von dort an mich beauftragt und inhaltlich überprüft wird. Nach dem Psychotherapeutengesetz müssen PsychotherapeutInnen approbiert sein. Fragen: Wann wäre die Auflage des Gerichts „Therapie statt Strafe“ erfüllt? Die Auflage ist ungewöhnlich bei vorliegender Verurteilung. Wie ist sie zustande gekommen? (Alter? Oder andere Fakten?) Was meint das Gericht aus Sicht des Großvaters, was therapiert werden sollte? Was meint das Gericht mit „Sofortiger Aufnahme einer Therapie“? Das ist tatsächlich ein unklarer Ausdruck - vermutlich aber so korrekt wiedergegeben- der so eine typische „Fallensituation“ hervorruft.( …Auflage ist erfüllt, wenn ich mich zur Therapie anmelde und ein paar Stunden nachweise,….. habe ich gemacht, …hier die Bescheinigung). Diese Unklarheit ist eine in vielen Kontexten übliche Therapieausgangssituation, die dann hier von mir professionell erst zu klären ist.
2. und der Großvater als Auftraggeber Wie steht der zu den Missbräuchen heute? Wenn der Großvater das Verbrechen nicht anspricht, sprechen Sie das an. Wie bewertet er die Auflage für sein Verbrechen? Findet er es als angemessene Strafe? Was hat er für Vorstellungen, wie er mit seiner Situation und die der Enkel umgeht? Interessant ist auch das Setting Selbstzahler- was bedeutet das für ihn? Wieviel müsste diese Therapie „kosten“ und wem zugute kommen? Und wer ist noch indirekter Auftraggeber ... die Kinder, die Enkel?... frage ich als Therapeutin hypothetisch und bin gespannt darauf, was der Großvater antwortet. Angenommen, diese anderen würden auch Aufträge haben, welche wären das? Machen die Enkel auch eine Therapie? Was weiß er darüber? Was denkt er, worüber die sprechen? Zur Auftragsklärung gehören auch Fragen an mich als Therapeutin, die ich offen anspreche und laut diskutiere. Ich gehöre ja zum Therapiesystem dazu. In welchem Rahmen kann ich als Therapeutin die Therapie durchführen und wie nicht? Falls der Klient sagt, nur um die Auflage „Sofortiger Aufnahme einer Therapie, also Anwesenheit?“ zu erfüllen, muss ich mir als Therapeutin überlegen, wie lange ich das mache z.B. zur Klärung, ob wir eine gemeinsame weitere Lösung finden (evt. 2 Stunden). Es gibt ja auch andere Lösungen um z.B. Wertschätzung in einer Therapie zu erfahren. Darüber würde ich aber keine Bescheinigung ausstellen, da hier nicht über die die Verurteilung betreffenden Taten gesprochen wurde. Ich kann in jedem Fall nur das bescheinigen, was in der Therapie als Ziele und Themen besprochen wurde. Von Seiten des Gerichts gibt es keine konkreten Vorlagen und es ist ja auch schwer zu fassen, was in der und durch die Therapie passieren sollte. Das bespreche ich mit dem Klienten. Denn dann weiß der Klient, was mein Rahmen ist und wo Grenzen meines therapeutischen Rahmens sind. Was müsste er (und was müsste ich) machen, dass ich in meiner professionellen Rolle als Therapeutin NICHT dahinter stehen kann. Dazu entwickele ich im Prozess mit ihm eine klare Position. Frage-Interventionen: Aus den Antworten ergeben sich weitere wichtige Interventionen z.B. auch Diskussion der Antworten und Konfrontation mit Widersprüchen und Unvereinbarkeiten: „Die Situation ist die - er ist verurteilt und hat die Auflage Therapie. Wenn er die Therapie und die Rolle der Therapeutin für sich allein definiert z.B. als „Anwesenheit“ oder auch Reden „über alles – nur Nicht….“ ist vermutlich das Gericht, zumindest aber auch ich mit meiner Position übergangen und werde benutzt, was ich nicht mitmachen kann. Dennoch interessiert mich „Angenommen, sie reden über etwas Anderes, was wäre das denn? Welche anderen Therapieziele gäbe es denn für Sie? Wie viele Sitzungen? Angenommen in der Zukunft/Sterbebett denken Sie über diese Situation nach…..Dadurch ergeben sich oft neue Aspekte. Zielklärung: Zu welchem Ziel wird der Auftrag durchgeführt? Wie wird das konkret gefasst. Was sollte eigentlich inhaltlich am Ende stehen? Was meint das Gericht, was meint er? Was meine ich als Therapeutin? Und unter welchem Rahmen und Zielen kann ich die Therapie durchführen und wie nicht? Perspektivenarbeit, die als Systemische Darstellung oder Skulptur zur Auftragsklärung, Zielfindung, Interventionsfindung, Evaluation führt. Die Perspektive der verstorbenen Eltern, die P. der Kinder, die P. der Ehefrau, die P. des Gerichts, die P. der Vergangenheit, die der Gegenwart, die der Zukunft, usw. Diese Fragen haben therapeutische Wirkkraft. Soviel zum Beginn einer systemischen Therapie, die zugleich Komplexität ausbreitet und sie auch wieder klärt. Prozesshaft ist, dass ich als Therapeutin nicht auf Grund schnell Verstandenem bewerte, sondern Perspektiven abfrage, mir die Landkarte erklären lassen, aber auch die relevanten Kontexte einbringe. Unter dieser Arbeit verändern sich Bewertungen, Erklärungen, Erleben auf allen Seiten. Was systemisch vorzugehen hier besonders leistet, ist den Kontext Therapie immer auch zu berücksichtigen - hier also als juristisch verordnete Maßnahme. In dem Kontext bin ich ebenfalls Systemmitglied und nehme eine Position ein – ob ich will oder nicht und das vertrete ich auch. Inhaltlich: Chloe Mandanes hat zu diesem Thema mit Familien gearbeitet und Ritualen bzw., Ordeals und Wiedergutmachung. Viele Grüße Anne M. Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 15. Thema: System. Supervision 02.11.2007
Liebe Frau Lang, könnte man Ihre Liste zusammenfassen als: "freies Assoziieren" zur Selbstorganisation im Gruppenprozess?
Viele Grüße
Antwort von Frau Anne M. Lang: System. Supervision 05.11.2007
Lieber xyz, liebe KollegInnen,
Ihre Mail veranlasst mich, es weiter ausführen, denn es geht mir um mehr als um freies Assoziieren: Um Anderen zur Veränderung zu verhelfen, ist es wichtig, dass TherapeutInnen bewirken, dass die KlientInnen in ihren eigenen Prozess einsteigen. Dazu hilft deren eigene ausführliche und immer wieder stattfindende Auftragsklärung und Zielklärung, um diesen Prozess für sich zu sortieren und zu zentrieren. Wie mache ich das in unterschiedlichen Kontexten und bei diesen PatientInnen? (Supervisionsfrage)
Dazu stelle ich als Therapeutin den Rahmen her, indem ich dieses ermögliche, ohne die Antworten selbst schon zu kennen. Denn dann ginge ja Selbsterzeugtes vorschnell unter. Das heißt nicht, dass ich nicht anregen kann mit Geschichtenbeispielen oder zugefügten Anregungsideen. Wie ermögliche ich diesen Rahmen als Therapeutin herzustellen? (Supervisionsfrage ) So geht es dann im Selbstorganisationsprozess der KlientInnen weiter. Sie müssen für sich diese Arbeit und diesen Kontext der Veränderung als wichtig und bedeutsam erleben. Was mache ich dazu als TherapeutIn - wie erzeuge ich dieses Klima, wie bei chronischen, sehr verzweifelten und leidvollen Situationen? (Supervisionsfrage). Dann geht es weiter den Prozess entlang. Auf diesem Wege gibt es Abschnitte, Zwischenfälle, Ereignisse, Anreicherungen, Erfolge in und außerhalb der Therapie. Wie hole ich dieses Relevante durch die üblichen Filter fallende in den Prozess herein (Supervisionsfrage).Wichtig ist weiterhin, den Klienten weiter in seinen Erfahrungen zu unterstützen, diese zu sehen, zu bewerten, im Hinblick auf seine Zukunft. Wie mache ich das? (Supervisionsfrage) Weiter spielt eine völlig unterschätze Rolle: Was habe ich selbst generell für Vorstellungen, wie Veränderung geht? (Supervisionsfrage) Welche Modelle kenne ich, welche wende ich wie und warum an und wie wirkt sich das implizit auf den Verlauf aus? ( Supervisionsfrage) Und grundsätzlich, wie denke ich, dass dieser Patient sich verändert? (Superivisionsfrage) Wie viel Veränderung traue ich ihm zu und wie komme ich darauf? (Supervisionsfrage).
Es ist ja in Studien herausgekommen, dass ein wichtiger Wirkfaktor der ist, dass die Therapeutin an Veränderung bei dem Patienten glaubt und sie ein schlüssiges Modell dazu hat. Dann scheint es fast, als wäre das Modell egal. Allerdings haben die Modelle immer Implikationen und Klienten lernen diese Implikationen mit. Deshalb ist es für mich nicht egal, sondern ich bevorzuge ein erweiterndes Modell, das grundsätzlich Ressourcen und Möglichkeiten im Patienten für möglich hält und wenn sie noch zunächst so klein erscheinen. Dabei kann ich sehr viel inhaltliche Offenheit KlientInnen selbst entwickeln lassen und ihnen dennoch einen Rahmen geben, in der sie dieses Entwickeln ermöglichen. Wie kann man das machen? (Supervisionsfrage) Wie kann das jetzt in einer Mailingliste gehen? Mein Vorschlag ist mehr Kontext- und Rahmenaustausch, mehr Austausch, wie Veränderung gehen kann und Berichte von erfolgreichen Fällen. Ich hatte dazu im Sommer eine Mail verfasst, allerdings nicht in die Liste gegeben. Heute möchte ich sie anhängen, da sie zum Thema passt: Bisher noch nicht verschickte Mail vom Februar 07
Liebe Kollegen und Kolleginnen,
ich lese die Listenbeiträge mit Interesse, aber meist erst, wenn sich wieder ein ganzer Stapel angesammelt hat. Dabei fällt mir im Überblick auf, dass bisher meist Fragen gestellt werden derart: was mache ich bei …. im vorliegenden Fall von … Die Antworten der letzen Beiträge gehen dann m.E. zur Zeit oft in Richtung differentialdiagnostischer Abklärung und Empfehlungen im Trend von Therapiemethoden, usw. (Aufstellungsempfehlungen kommen jetzt weniger, jetzt kommen mehr energetische Methoden.). Ich frage mich dann oft, wie eine Anfrage vor 30 Jahren (in der noch emailfreien Zeit) beantwortet worden wäre und auch wie sie in 20 Jahren oder 200 Jahren wohl beantwortet werden wird. Mit historischem Überblick fällt mir auch auf, dass es pathologieorientierter in der Psychotherapie geworden ist, auch im Zusammenhang mit den Gesetz 99. Ich frage mich auch, wie hätte Erickson wohl geantwortet, er, der gegen den Trend eine konsequente Ressourcenorientierung - als Haltung und nicht als Toolkoffer - „erfand“. Dazu und zum Unterschied von Hypnotherapie und VT werde ich auf der Jahrestagung in Bad Orb Vortrag und Workshop halten.
Mich würde aber in der Liste genauso interessieren und das möchte ich anregen für die Liste, Beiträge zu schreiben, in der Art wie es ja auch in Supervisionen gut tut, nämlich: …..in diesem Fall ist mir in diese Stunde mit folgendem Pat. gut gelungen…….. Ich habe angewandt- und die Klientin hat dies für sich so utilitisert ….also gelungene Therapiestunden. Wenn ich mir das wiederum vorstelle, fällt mir ein, dass es ja bestimmt viele gute Stunden gibt und man denkt dann womöglich…., mal abwarten, wie es sich weiterentwickelt. Dann aber wird es schnell eine ganze Fallgeschichte. Und diese ganze Fallgeschichte mit all ihren systemischen Einzelheiten, der intervenierenden Faktoren außerhalb der Therapie, vielleicht auch noch zusätzlich aus der Perspektive des Patienten zu schreiben, wird dann immer gleich ein ganzes Unterfangen. Dann ist eine Anfrage, was macht man bei…. wirklich viel praktischer und kürzer. Natürlich soll das auch so bleiben. Dennoch möchte ich meine Gedanken einbringen, die mir beim Lesen kamen und vielleicht animieren sie uns ja, Stunden, die gut gelaufen sind, in die Liste zu bringen. Gerne steuere ich auch dazu bei. Viele Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 14. Thema: Stichwort Lösungsorientierung 08.10.2007
Hallo liebe Listenteilnehmer! Da mein letzter Beitrag schon ein wenig her ist, Jahre vielleicht, eine kurze Vorstellung: Ich bin Diplom-Psychologe mit Ausbildungen in NLP (Trainer) und systemisch-lösungsorientierter Therapie. In jener Ausbildung am NIK haben wir einmal eine Übung zum Thema Familienprobleme, glaube ich, gemacht, und wir in unserer Zweiergruppe sind schon ziemlich weit gekommen, waren schon fast an einer Lösung dran, als wir vom Ausbilder unterbrochen wurden mit der Bemerkung: Ja, das ist ein gutes Vorgehen, nur - es ist nicht das, was wir hier üben wollen, ist eher problemorientiert, nicht lösungsorientiert, mit Auftrag, Zielen, Ausnahmen, darin liegenden Lösungen usw. Wir haben halt herumprobiert, aus eigener Erfahrung Lösungen vorgeschlagen, die vielleicht passten, usw. Nach meinem damaligen Beitrag bin ich stiller Leser dieser vielen Mails, die da hin- und hergehen. Mein heutiger Beitrag soll, ohne eure Vorgehensweisen zu kritisieren, die Art und Weise hinterfragen. (Na toll, da kommt so ein Außenstehender, ein Unbeteiligter, und will sich jetzt hier einmischen. Na ja.) - Vielleicht auch anders: Ich würde mir wünschen, mehr Lösungs- und Ressourcenorientierung in der Therapie und auch hier, im Austausch zu wagen.
Wenn wir das Bild der Lösungsorientierung ernst nehmen, jenes, dass wir einzigartige Therapien als einzigartige Therapeuten mit einzigartigen Klienten und ihren einzigartigen Erfahrungen, die ihre einzigartigen Lösungen selbst finden sollen, wenn wir das ernst nehmen, dann hat doch die Frage (z.B): "Wer hat damit Erfahrungen?" nur wenig bis gar keinen Sinn. Und ebenso wenig die Antwort: "Nach meiner Erfahrung...". Denn es sind eben nicht die Erfahrungen des Klienten, der Klientin. Zudem, wenn die Klientin es nicht erwähnt, bzw. wenn der beschreibende Teilnehmer dieser Liste es nicht so beschreibt, wäre die Aussage "Dahinter steckt wahrscheinlich..." eine wenig lösungsorientierte. Ich persönlich habe die Lösungsorientierung so verstanden, dass sie nur das nimmt, was der Klient auch erwähnt, von sich gibt, was er sagt, was er bringt, nicht das, was der Therapeut (zusätzlich) sieht, zu sehen meint. Die Therapeutin ist immer einen Schritt hinter (!) der Klientin; geht ihr nicht voraus.
Und anderes mehr an expliziter Lösungsorientierung, statt Problemorientierung, inhaltlichem Therapeutenwissen und Wissenskompetenz in Bezug auf das Problem, die Krankheit, das Trauma. Damit will ich keinesfalls die guten Absichten hinter diesem Vorgehen schmälern, das ist sicherlich auch ein gutes Vorgehen, aber eben nicht so die Lösungsorientierung (,wie ich sie verstanden habe). Und die ist bei weitem nicht leicht, sondern immer wieder zu üben. Das habe ich auch jetzt wieder erfahren in einer Klein-, Intervisions- oder Übungsgruppe, die systemisch-lösungsorientierte Arbeit übt. Auch hier gab es trotz längerer Arbeit noch Probleme. Es ist nicht leicht, nur mit dem zu arbeiten, was der Klient bringt, Auftrag und Ziel klar herauszuarbeiten, Ausnahmen zu erfragen und zu finden. Keine Lösungsvorschläge zu bringen, sondern die Klienten selbst finden zu lassen. Und auch darauf zu vertrauen, dass sie sie finden. Aber in dieser Intervisionsgruppe habe ich auch, nach viel Defizitorientierung in der Psychiatrie, wieder erfahren dürfen, wie angenehm, gut, schön es ist, so zu arbeiten. Da stellt sich dann natürlich die Frage, was uns denn hier in der Liste bleibt, wenn wir dem Klienten, der Klientin die inhaltliche Kompetenz überlassen. Mein Vorschlag - schon wieder... aber um eben nicht nur zu kritisieren - geht in die Richtung, "nur noch" Unterstützung im lösungsorientierten Arbeiten zu geben. Dies erfordert "lösungsorientierte Disziplin", oder Übung auf beiden Seiten. Die Seite des Fragestellers gibt eine Beschreibung möglichst in den bekannten Kriterien von Auftrag, Anliegen, Ziel, vielleicht schon Ausnahmen, usw., übt sich hierin, bekommt auch hierin Unterstützung.
Wir, die Antwortenden, Unterstützenden, geben kompetenzorientierte Rückmeldung (in Bezug auf Klienten und Fragesteller) mit prozessorientierter Hilfestellung, vielleicht anhand von Fragen wie: Ist der Auftrag angemessen, erfüllbar, ist er hilfreich für die weitere Arbeit, oder wie läßt sich daraus ein nützlicher Auftrag basteln, sind die gefundenen Aus- nahmen hilfreich, wie finde ich weitere Ausnahmen, usw. Mehr fällt mir jetzt spontan nicht ein. Vielleicht fällt euch noch mehr ein. Was haltet ihr überhaupt davon? Wäre das wünschenswert? Mein Ziel dabei ist, wie schon angedeutet, nicht die reine Kritik, sondern eine Intensivierung. Eine Intensivierung der Lösungsorientierung, der Kompetenzorientierung bei unseren Klienten, der weiteren Fruchtbarmachung dieses wundervollen Ansatzes. Und ich hoffe auf eine intensive Diskussion. Mit freundlichem Gruß
Antwort von Frau Anne M. Lang: Herr xyz Nachtrag zur Rückmeldung 02.11.2007
Nachtrag zum Nachtrag Lieber Kollege xyz, liebe ListenteilnehmerInnen gerne führe ich auch auf der geschilderten Grundlage meines Beitrages vom 16.10.07 „Stichwort Lösungsorientierung“ aus, wie sich das dann konkret auf die Supervision auswirkt. Wenn wir in der Listensupervision im herkömmlichen Supervisionssinn fragen: „Was mache ich bei Diagnose XY oder bei Klient XY?“ impliziert dies, dass sich Fachexperten über Behandlungsfälle austauschen. Das impliziert also eher Pathologieorientierung, da wir von unserer Datensammlung ausgehen und von Expertenwissen. Mein Betrag vertrat die Anschauung, dass es im ressourcenorientierten systemischen Vorgehen weniger um Austausch von Fachexpertenwissen geht, als darum, diese Fragen, die auf ganz anderer Ebene Metaprozesse anregen, dem Klienten selbst zu stellen. Dann geht es darum, wie verhelfe ich diesem Menschen in diesem Kontext zum Lösen dieses Knotens durch Angebote, die er unprognostizierbar nutzt? Ich habe meine Ideen dazu im Megaphon 05 beschreiben und auf meine Homepage unter Supervision abgelegt. Hier nur einige Ideen, die in einer Mailingliste gehen könnten:
a.. Welche Frage stelle ich diesem Klienten selbst - und eben nicht nur mir oder unter uns KollegInnen b.. Darstellungen und Austausch darüber, welche Antworten Klienten auf Fragen geben c.. Wie man sich auf die Schliche kam bezüglich der eigenen Vorannahmen und wie Klienten einen und sich selbst überrascht haben d.. Aha-Erlebnisse, die Therapiesitzungen schrieben e.. Kontexterfahrungreflexion und – austausch – Gesundheitswesen - Beratung - Coachingfeld f. Reflektieren der systemischen Situation und des spezifischen Kontex und seiner Implikationen g.. Implikationen von Vorgehen und therapeutischen Veränderungsmodellen h.. Darstellungen über Prozesse i.. Austausch von Fallgeschichten, wie Klienten solche Situationen gelöst haben j.. Austausch von Aufgaben und Erfahrungen mit Angeboten und wie diese genutzt wurden. k. Austausch von Erfindungen für neue Wirklichkeiten durch Klienten und TherapeutInnen l.. Fallgeschichten wie Therapeuten für sie schwierige Situationen gelöst haben m.. Lernen von den gewonnenen Erfahrungen anderer
Mit kollegialen Grüßen Anne M. Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 13. Thema: Lösungen und Reflexionen zum Problemkontext 07.10.2007
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich möchte die aktuelle Diskussion zur Lösungsorientierung um folgende Überlegung ergänzen: Aus meiner Sicht besteht in Bezug auf "technischen Tools" (Skalierung, Ausnahmen, ...) die Notwendigkeit, zwischen der guten Absicht eines Beraters und der Wirkung im Klientensystem zu unterscheiden. Meine These ist, dass lösungsorientierte "Einladungen", wenn sie nur unzureichend die beziehungsgestaltenden Implikationen mitberücksichtigen, begrenzt hilfreich sind, um neue Suchprozesse in Richtung Lösung zu fördern. Zugespitzt würde ich sagen, dass die Idee, bei der Lösungssuche zentral an der Selbstorganisation von Klienten anzusetzen, riskiert, genau diese selbstorganisatorischen Prozesse zu ignorieren, wenn Lösungsorientierung "nur" auf der "technischen Ebene" genutzt und nicht für die einzigartige Welt von Klienten modifiziert wird. Es geht mir in der Anwendung lösungsorientierter Methoden immer um die Herausforderung, die je einzigartigen Bedingungen (z.B. kulturspezifische des Klientensystems) fragend einzubeziehen. "Was hätte es denn (noch) für Auswirkung, mal angenommen, Sie würden die Lösung leben?"
Aus meiner Sicht riskiert lösungsorientiertes Arbeiten im Unterschied zu systemischem Arbeiten, den Kontextbezug des Sinns im Klientensystem unterzubelichten. Zumindest dann, wenn ich die Expertenschaft auf Seiten der Klienten für Lösungen nicht mit einer aktiven Rolle bei der Rekonstruktion des (Problem-)Kontextes ergänze. Erst wenn in der Beratung, die je eigene Sinn- und ja auch erlebte Problemwelt von Klienten gemeinsam rekonstruiert werden, ergibt sich die Chance, "Probleme" als kompetente Lösungsversuche zu würdigen, die ihren Preis haben. Die Frage nach dem Kontext bezieht sich auf die Frage, woran Systeme sinnvoll ihre Entscheidungen ausrichten. Durch eine solche reflexive Lösungsorientierung (Gunther Schmidt spricht von Problem-Lösungsvergleich und der Notwendigkeit eines Ambivalenzcoachings) lassen sich dann aus meiner Sicht auch hypothetisch die Auswirkungen und Zumutungen einer gelebten Lösung in den Blick nehmen und es entstehen Wahlmöglichkeiten innerhalb eines Abwägungsprozesses.
Nur ein Beispiel aus der Sozialen Arbeit mit "schulverweigernden" Kindern und Jugendlichen: Ein Mädchen "will" in die Schule, es "passiert" ihr aber immer wieder, dass sie morgens zuhause bleibt. In der Rekonstruktion der Lebenswelt des Mädchen zeigt sich, dass das Mädchen zuhause auf ihre kranken Eltern aufpassen "will", in den Zeiten, an denen sie nicht in die Schule geht. Die Eltern sind beide schwer an Diabetes erkrankt. Mich beschäftigt immer wieder neu die Frage, wie viele bzw. welche Informationen ich brauche, um zumutbar lösunsgorientiert arbeiten zu können. Die Würdigung der als Problem definierten Seite bei der Lösungssuche (im Fallbeispiel: Das Mädchen kümmert sich sorgenvoll um Ihre Eltern), ermöglicht in meiner Arbeit regelmäßig die Wertschätzung von Kompetenzen. Andernfalls sehe ich das Risiko, bestenfalls nicht zu wissen, warum es nun nicht weitergeht (z.B. Warum geht es nur auf 5 und nicht auf 6). Schlechtenfalls entstehen implizite Beziehungsbotschaften mit einem Potential von Selbstabwertungen auf Seiten der Klientin. ("Ich habe es wieder nicht geschafft, in die Schule zu gehen."). In meiner Arbeit habe ich es überwiegend mit Zielkonflikten (Im Fallbeispiel: "Gut für die Eltern sorgen" UND "In die Schule gehen") zu tun. Ich fände es interessant, mehr über die Utilisation von Problemen im Dienste verträglicher Lösungen in dieser Liste zu lesen. Oder gilt hier die Kultur, "Stop problem talk, ...!" Ich selbst bin als Dipl. Sozialalpädagoge (FH) mit Weiterbildung in Systemischer Familientherapie derzeit u.a. in einem Schulverweigerungsprojekt tätig. Überlegungen zur systemischen Sozialen Arbeit bzw. zur reflexiven Lösungsorientierung habe ich auch im Rahmen von Fachpublikationen angestellt.
Beste Grüße
Antwort von Frau Anne M. Lang: Lösungen und Reflexionen zum Problemkontext 19.10.2007
Sehr geehrter Herr xyz, ... ja schön, lassen Sie uns diskutieren. Wie denken Sie darüber, wie Veränderung durch Psychotherapie entsteht? Ohne, dass es zu theoretisch und langatmig wird, interessiere ich mich für Modelle, die hinter unserer Praxis liegen. Mit dem Modell der Selbstorganisation fand ich u.a. eines, das für mich stimmig ist mit meinem praktischen Vorgehen, das mit der Aufmerksamkeit des Klienten arbeitet, seinen günstigen oder ungünstigen Ordnungsparametern, die seine Wirklichkeits- und Selbst-Erfahrung prägen. Ein Modell, das mit der Komplexität von Faktoren arbeitet, die jedoch immer nur begrenzt erfassbar sind. Ein Modell, das für mich beschreibt, wie sich Veränderung vollziehen kann, natürlich nur, wenn ich das geschlossene System des Klienten durch einen angemessenen Rahmen "berühren" kann, so dass diese Veränderung in ihm ermöglicht wird. Also, wie entsteht Veränderung durch Psychotherapie, fragt Anne Lang auch nach jetzt 29 Jahren noch gerne darüber diskutierend.
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 12. Thema: Gedanken zur Diskussion: Stichwort Lösungsorientierung 16.10.2007
Liebe Kollegen und Kolleginnen, Lösungsorientiertes Vorgehen ist nur insofern systemisch, als es die Selbstorganisation (Schiepek, Haken) stringent prozesshaft anregt, sich in eine Lösungsrichtung hineinzuentwickeln. Es ist erst einmal nicht systemisch, wenn es die Neutralität zum Entwicklungsprozess, zum Patienten und seiner Vielschichtigkeit aufgibt, wenn es die relevanten Bezugspersonen, Behandlernetze und Kontexte nicht mitberücksichtigt, wenn ihr gutes Handwerkzeug ohne kunstvolle Anpassung lediglich als einfache Tools benutzt wird.
Das Wissen um die Hintergründe ihrer Entstehung machen die Tools erst fundiert und den Unterschied dann überhaupt aus. Dies ist der Gegensatz zwischen verschenkten Möglichkeiten und wirksam tiefgehender Intervention, die dann immer eine entsprechende „Bühne“ braucht, heißt: die richtige Beziehung, die richtige Situation, die richtige Aufmerksamkeit des Klienten, die beachtet werden müssen usw. Wenn wir in der Liste einen Fall lesen, dann ist es ja gar nicht dieser Fall. Dann ist es eine Geschichte eines Therapeuten, aufgrund seiner begrenzten von seinen Vorannahmen gesteuerten Datensammlung. Ich gehe davon aus, dass manche Klientin die Therapie aus ihrer Sicht anders schildern würde. Ich gehe davon aus, dass bei anderer Datensammlung gespeist von anderen Vorannahmen andere Geschichten herauskämen und Daten zusammenkämen, die dann wieder ein anderes Bild ergäben. Supervisionsassoziationen von Kollegen sind dann auch nur wieder Geschichten, die diese Falldarstellung ausgelöst hat auf dem Hintergrund deren Annahmen usw. Das muss man berücksichtigen – gerade in einer systemischen Liste. Wenn man also diesen bunten Listen-Teppich an sozialisations-bedingten, kulturbedingten und modellbedingten Sammlung liest, kann das dennoch auch interessant und lehrhaft sein. Man lernt, welche Modelle gerade Mode haben, wie pathologisch oder ressourcenorientiert Therapeuten denken können, wie Etiketten wie „systemisch“ oder auch „ressourcenorientiert“ alles Mögliche beinhalten können und gerade zu ihrem Gegenteil mutieren. Die Wahrheit des Klienten trifft es nicht! Denn es gibt sie auch nicht, sondern nur ein nützliches Anstoßen von Selbstorganisation dieses einen Klienten.
Da sollte die Therapeutin die Klientin selbst fragen was ihr, in ihrer Entwicklung weiterhilft und mit ihr in der Sitzung selbst „Supervision“ machen. Sie kann jedoch u.U.- wenn sie suggestiv günstige Implikationen einhalten- der Klientin auch die Anregungen der Listen-Kolleginnen weitererzählen, so dass diese von der Liste auch profitieren kann. Insofern geht es immer um folgende Diskrepanz. Einerseits wird vielleicht zunächst über Tools gelernt– also auf einer letzten Ebene dahinterliegender Theorien und Prinzipien- andererseits geben Tools natürlich nie das wieder, was Therapie letztendlich ausmacht. Auch überwiegt der Ruf nach Tools bei Weiterbildungen, obwohl gerade das ein instruktives Vorgehen unterstützt, was aber gerade eben nicht systemisch ist. So kann man Tools sich heute schon in Journalen anlesen und als unbedarfter Laie anwenden und jeder wird verstehen, dass das nicht meine Vorstellung von Psychotherapie als ein verantwortlich professioneller Rahmen ist. Das Bedürfnis nach Tools rührt also eher von dem Bedürfnis nach Sicherheit des Therapeuten, in einer komplexen Situation Handlungsanweisungen zu bekommen. Es rührt auch aus einer medizinisch- historischen Vorstellung von instruktiver Behandlung. Erfahrene Psychotherapeuten sind da gelassener und vertrauen mehr den Möglichkeiten von Klienten, selbst wenn diese sich selbstverständlich in einer Krise, die auch Krankheit heißen kann, überhaupt nicht so erleben und erst dazu bewegt werden. So sind Tools lediglich ein erster Lernzugang für Therapeuten der Veränderung liegen, was man selbst für Vorstellungen dazu hat und wie diese einfließen. Vor allem geht es aber auch darum, was der Klient für Vorstellungen zur Veränderung hat, was seine Werte sind und Ordnungsparameter, die ihn in seine eigene Entwicklung hineinorientieren helfen, ohne ihm ein Modell überzustülpen.
Und dann ist man bei Milton Erickson und einer individuellen Therapie für jeden einzelnen. Dann sind Modelle, ihre Tools und selbst Diagnostiken nur Auszugswahrheiten, die darauf abzuklopfen sind inwieweit sie günstige Implikationen haben. (Dabei finde ich es wichtig, fundierte klassische Diagnostik-, Kontext-, Modell- und Toolkenntnisse zu haben. Sie sollen jedoch nicht den Prozess dominieren, sondern nur zum besseren systemischen Kontextverständnis im Gesundheitswesen führen und dazu therapeutisch flexibel zu denken und handeln.) Ich denke also, Supervision, die assoziativ die Erfahrungen anderer Therapeuten und deren Glaubensannahmen sammelt, ist weniger zum Nutzen für die KlientInnen als für die Therapeutinnen. Sie dienen ihnen mehr dazu, sich zu solidarisieren, zu entlasten, zu orientieren, zu positionieren und auch das ist wichtig. Der Klient selbst profitiert, wenn er selbst mit dem Therapeuten Supervision im Prozess macht, lernt, über seine Entwicklung zu schauen und was er dafür noch braucht und das zusammen in den Prozess eingeben. Meine Expertenerfahrungen als Psychotherapeutin sind auf anderer Weise wichtig: Fallgeschichten, die vom Klienten selbst zu interpretieren und auszuwerten sind, meine Fachressourcen ebenso wie mein Expertenwissen, wie Veränderung günstig und mit günstigen Implikationen angestoßen wird und irgendwo auch Tools, die jedoch sehr angepasst werden müssen, damit sie vom Klienten auf seine individuelle Art genutzt werden können. Und zu meiner Rolle der Expertin gehört es auch, mich mit Konzepten für Veränderung zu beschäftigten, die ich ethisch verantwortlich finde, da sie Klienten erweitern und für sie in ihren Implikationen günstig sind, um daraus auch für das weitere Leben Bewältigung zu lernen.
Ich glaube, dass erstaunlich viele Klienten heute immer noch den Therapeuten utilisieren, will sagen, sich immer noch nach dem Therapeuten richten, statt dass der Therapeut die Botschaften des Klienten utilisiert. Dies aber mit dem Nachteil, dass Klienten jetzt in dessen historisch vorübergehenden Modellen denken oder daran hängen bleiben. Ich beschäftige mich schon länger mit den Implikationen von Modellen und Theorien. Denn, wenn sie eben nicht wahr sind, dann haben sie doch Implikationen. Was systemisch-konstruktivistisches Denken, lösungsorientiertes Denken und Ericksonsches Vorgehen gemeinsam haben und weswegen sie sich von theorieabhängigem und diagnoseabhängigem Vorgehen und Denken unterscheiden, ist, dass sie sich mehr metamäßig um die individuelle Selbstorganisation des Klienten kümmern. Das fängt mit der Passung der Therapeutin an die Klientin an. Sie erfordert, dass der Therapeut seine Flexibilität erhöht und vielfältig vorgehen kann und immer wieder neu Therapie für einen Klienten erfindet. Die Klientin kann dann viel mehr selbst zu ihrer Therapie mit hereingeben und dazu tun, wenn man es sie machen lässt, sie befragt, ihr Aufgaben mitgibt, und ihr Veränderung zutraut und es aufgreift, was sie aus dem Prozess für sich macht. Viele Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 11. Thema) Systemische KassentherapeutInnen (21.09.2006)
Liebe Kollegen und Kolleginnen, ist ja interessant, wie auch in die Diskussion über überlastete Kassentherapeuten die systemische Frage wieder aufkommt - ich finde gerade in dieser systemischen Liste zu Recht. Meine Erfahrungen in Supervision und Fortbildungen ist, dass PsychotherapeutInnen alle Tools ungeachtet ihrer Herkunft in TP oder VT integrieren, egal ob sie systemischer, hypnotherapeutischer oder lösungsorientierter Herkunft sind. Damit geht jedoch ihre eigenständige abgeleitete Wirkung völlig verloren. Sie zählen dann mit der Zeit zum Kontext der Psychopathologie der Richtlinienpsychotherapie, die als Ausbildung für einen Kassensitz gemacht werden muss, während die Ausbildung in systemischen Verfahren dann meist absolut schmalspurig bleibt bzw. viele diese in Unkenntnis sogar lediglich nur für ein Modul halten.
Dagegen bedürfen systemische und hypnotherapeutische Verfahren aus denen zentrale Tools entnommen werden, einer langfristigen Ausbildung und Auseinandersetzung, da sich ihre Störungs-, Entstehungs- und Behebungserklärungen unterscheiden und aus diesen Hintergründen die Tools erst erwachsen. Diese haben dann andere Verläufe und Rahmenbedingungen als die „Kassenmethoden“. So können aber effektive systemische und ericksonsche Verfahren keine Richtlinie sein, da sie keine Psychopathologie intrapsychisch diagnostizieren, sondern andere Zuordnungen wählen. Man behandelt also denselben Menschen, der z.B. nach Richtlinie PT eine bestimmte Diagnose hätte und nach VT-Richtlinien wieder eine andere VT-Diagnose hätte, jetzt systemisch/ ressourcenorientiert/ hypnotherapeutisch unter einer Kontext-/Systemdiagnose oder /Ressourcendiagnose, was aber dann nicht unter die Krankheitsdiagnosen unserer Kassensystems – egal ob privat oder gesetzlich- fällt. Das ist ja auch die Krux bei Paartherapien, dass es keine Paardiagnosen gibt, denn die müssten ja systemisch zirkulär sein.
Viele Patienten und auch Krankenkassenvertreter fordern dann dazu auf, für die Kasse die Methode einfach umzuschreiben, was in der Tat auch sogar systemisch ausgebildete KollegInnen in der Praxis machen. Das heißt, sie schreiben ein Gutachten mit Behandlungsplan und machen etwas völlig anderes und alle wissen das und niemand regt sich darüber auf, sondern alle verteidigen das sogar. Ich hoffe jedoch darauf, dass viele KollegInnen nicht nur Tools anwenden, sondern sich mehr mit den unterschiedlichen Hintergründen beschäftigen. Dann wird es allerdings schwieriger, einfach zu integrieren oder um zuschreiben. Dann endlich wird „Ressourcenorientierung“ wieder ein Begriff, der für etwas steht. Damit ich nicht falsch verstanden werde: ich halte für verantwortliche PsychotherapeutInnen die ausgiebige Fortbildung und theoretische Auseinandersetzung mit zumindest einer Richtlinie auch aus historischen und kontextspezifischen Gründen für wichtig und z.B. Systemischer Therapie als Kontrastmodell für erstrebenswert, um diese Unterschiede zu kennen und einsetzen zu können. In dem Zusammenhang möchte ich auch auf den Artikel des Medizinhistorikers Prof. Dr. Schott zum 150. Geburtstag von S. Freud hinweisen, Deutsches Ärzteblatt Psychologische PsychotherapeutInnen, Heft 9, Sept. 2006. Meine Grüße Anne Lang
Antwort von Frau Anne M. Lang: Systemische KassentherapeutInnen 27.09.2006
Liebe KollegInnen, ich finde die Diskussion auch mit sehr pointierten Provokationen äußerst wichtig, da sie in eine wichtige Richtung vorprescht. Da geht es nun nicht mehr nur allein um Fallsupervisionsfragen, sondern um eine Metareflexion zu unseren Modellen von Veränderung und darum, was in diesem Zusammenhang systemisch heißt. Was mache ich also eigentlich, wenn ich mit Menschen an Veränderungen arbeite. Viel zu selten finde ich diese wichtige Metareflexion vertreten. Dabei gilt es in mehrfacher Richtung zu reflektieren:
* was habe ich persönlich für Vorstellungen, wie Veränderung geschieht * was hat das von mir bevorzugte Therapiemodell für Vorstellungen, wie das geschieht * was haben die Klientinnen für Vorstellungen, wie das geschieht * was ihre relevanten Bezugspersonen * was hat der Kontext für Vorstellungen, wie das geschieht * was die MitbehandlerInnen, weil dies entscheidende suggestive Bedeutung gewinnt.
Und wie ist jetzt eine unterscheidbare systemische Vorstellung von Veränderung. Eins ist dabei klar: der kassenpsychotherapeutische Kontext hat ie Vorstellung von psychischer Krankheitsdiagnostik und eines aus der Vergangenheit kausal abgeleiteten Behandlungsplanes, den der Behandlungsexperte gelernt hat und anwendet. In der Kassenversorgung kommt systemisches Denken nicht vor: systemisches Denken erster Ordnung wird schmalspurig als Modul „undercover“ in VT oder TP integriert, systemisches Denken 2ter Ordnung fehlt ganz.
Die PsychotherapeutInnen selbst (von anderen Berufsgruppen ganz zu schweigen) unterscheiden sich gravierend in ihren Vorstellungen, abhängig von ihren Erfahrungen, ihrem historischen Kenntnisstand (vor dem PTG und nach dem Gesetz) der therapeutischen Schulen, der Notwendigkeit im Kassensystem zu behandeln oder z.B. in Kliniken „systemischer“ arbeiten zu können. Klientinnen denken oft ebenfalls kulturbedingt kausal vergangenheitserklärend im Sinne von „wo ein Symptom, da eine tiefer liegende unbewusste Ursache oder zumindest eine Lerngeschichte“. Also bewegen wir uns in diesem vielseitigen Spektrum aller Beteiligten von wirksamen Suggestionen. Da ist es nicht so einfach bis unrelevant eine eigene Wahrheit zu haben, ich plädiere also unbedingt für die Kenntnis und Reflektion all dieser Wirklichkeiten in der Anerkennung ihrer dann diskutierbaren Unterschiede. Mir ist ebenso wichtig, nicht einfach Theorien als Module zu integrieren ungeachtet der Kenntnis ihrer Historie, ihrer gesellschaftlichen, ausbildungsmarktpolitischen, kulturellen Wirklichkeit. Dass ich selbst eine eindeutig konstruktivistische Haltung für meine Arbeit (und mein eigenes Leben) als äußerst nützlich erachte und nur diese für mich eine Ressourcenorientierung begründet, ist also nur (m)ein Teil der Wirklichkeit.
In meinen Bonner Fortbildungsgruppen arbeite ich mit Richtlinientherapeuten, die ihre VT- oder TP-Arbeit mit Hypnose ergänzen und versuche dennoch zusätzlich den Unterschied zu einer eigenständigen Ericksonschen Therapie zu vermitteln. (Den Unterschied zu vermitteln zwischen „Hereingeben“ und „Ressourcen Herausholen“). Und in meinen systemischen Fortbildungsgruppen treffe ich auf Kollegen, die sich systemisch verstehen und dennoch mit einer Kausalsystemik 2ter Ordnung vorgehen und versuche hier Modelle einer Systemik 2ter Ordnung zu entwickeln. Auch ansonsten sind auf dem Ausbildungsmarkt immer noch eher Behandlungsmethoden nachgefragt, die kausal erklären und kausal behandeln. Sie sind auch meiner Internetrecherche nach ausschließlich in den Vorlesungsverzeichnissen der Unis in Klinischer Psychologie zu finden. Für mich bleibt es wichtig, sich mit den Implikationen hinter den Modellen zu beschäftigen. Verhelfen sie dem Klienten zur Autonomie und zirkulären Bezogenheit, zur Selbstwirksamkeitserfahrung, zu einer vielseitigeren erweiternden und dadurch verantwortlichen Sicht auf sich, die anderen und Lebenserfahrungen? Das zu erfassen und therapeutisch mitzureflektieren ist für mich das Entscheidende, will die Therapie nicht u.U. unreflektiert miterzeugen, und aufrechterhalten, was sie vorgibt zu heilen. Viele Grüße! Ich bin gerade auf der Fahrt nach Leipzig zur Jahrestagung des Systemischen Dachverbandes DGSF (circa 500 TN – sehen Sie das für das Interesse am systemischen Ansatz für viel oder wenig an?) Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 10. Thema: Zur Diskussion über die Grenzen von Systemischem Denken und Arbeiten 21.08.2006 Liebe Kollegen und Kolleginnen, ich möchte in dieser Diskussion zu 2 Punkten Stellung nehmen: 1. Zu den Grenzen systemischen Arbeitens 2. Zu den Voraussetzungen zum Gelingen systemischen Arbeitens 1. Behandlungsmodellen liegen immer Theorien zu Grunde, die in die therapeutische Wirkung einfließen - so dem Systemischen Denken solche wie die der Selbstorganisation, der Komplexitätstheorie und der Systemtheorie mit Beobachtereingeschränktheit. Mit diesen werden Vorstellungen, es gäbe so etwas wie die „Be-handlung“ eines Individuums oder eines Systems durch eine Expertin in Frage gestellt. Dies erschüttert natürlich die Fachexpertenautorität, die wissen und vermitteln will, was man „bei Depressionen, Zwängen, Traumata usw.“ macht. Im Rahmen eines solchen „fachlichen Expertenwissens“ haben sich viele Methoden, Techniken, Behandlungsmoden usw. angesammelt, werden auf den Markt geworfen und von den Patienten auch nachgefragt, die sich in ihrer Problemtrance uns an wenden und sich dabei „Erlösung“ eben von ihren Symptomen erhoffen. Unter dieser Expertenperspektive bestehen dann die Grenzen darin, dass man noch nicht genug Fachwissen hat, also noch nicht genug fachlich geforscht hat und sich den Gegenstand angeeignet hat oder dass die Klientin „austherapiert ist“ d.h. all das gute Wissen bei ihr nicht mehr greift. Wird systemische Therapie also nur als „Methode“ mit dieser Bedeutung angewandt oder in eine solche integriert, dann gelten hier auch diese Grenzen. Expertenautorität ist alte - nicht nur- medizinische -Tradition, die nach dem Psychotherapeutengesetz immer mehr Einfluss in die ursprünglich breiter angelegte psychologische Psychotherapie genommen hat. Heute ist in der Kassenversorgung sogar im Gespräch, Techniken und Therapeuten bestimmten Störungen zuzuordnen.
Systemisches, Lösungsorientiertes und auch Ericksonsches Vorgehens stehen jedoch für mich auf dem gemeinsamen Hintergrund eines anderen Paradigmas, und lassen sich darin gut kombinieren. Es geht statt um „Behandlung" von (Wirklichkeit reduzierenden) Diagnosen- oder sonstigen fixen Konstrukten durch eine externe Expertin vielmehr um die Umfokussierung und Erweiterung der Selbstorganisation der Klientin und dadurch kommen Ressourcen „ins Spiel “. In einem solchen Prozess therapiert nicht mehr die Fachautorität ein Symptom, sondern eine Prozessexpertin hilft dabei, eigene Ressourcen zu aktivieren und sich dadurch selbst zu heilen. Insofern ist Systemisches Arbeiten keine Methode oder Technik unter anderen, und deshalb nicht einfach integrativ kombinierbar anwendbar, sondern eine grundsätzlich andere Vorstellung Störungen zu definieren, zu erklären und vom Klientenbeauftragten Einfluss zu nehmen. Deshalb auch prozessdurchgehende Ziel- und Auftragsklärung als wichtige Intervention, damit die Klientin sich darin für sich – weniger für die Therapeutin- klärt.
Natürlich können in einer gravierenden, Symptome produzierenden Problemsituation – in der Expertenbehandlung psychische Krankheit genannt- alle möglichen im Leben erlebbaren innere und äußere Ambivalenzen, Unklarheiten, mangelnde Zuversicht, Hoffnungslosigkeit, Dilemmata in Systemischen inneren und äußeren Zirkeln, Spiralen und Mustern zum Tragen kommen. Das alles kann von Klientin und Beobachterin als so manifest empfunden werden kann, als könne sich nichts bewegen. Und das erfordert gerade in schwierigen und chronifizierten Situationen die ganze Kommunikationskunst der Therapeutin z.B. auf einer inhaltsfreien Prozessinstruktionebene zu intervenieren durch Klärung, Ausrichtung, Fokus- Perspektivenverschiebung und dies auch noch modifiziert je nach Klientin (wie macht man das bei einer gehörlosen Klientin). So kann die Klientin sich wieder in die Lage zu versetzen, Wirksamkeit wieder selbst zu erleben. Auch kritisches Hinterfragen mit dem darunter liegenden Ton der respektvollen Mitreflexion gehören zu dieser Metaprozessebene. Zusätzlich besteht das hierbei therapeutisch zu erlernende Expertentum auch darin, Wirkfaktoren wie Zuversicht, Motivation und Einsatzbereitschaft zu ermöglichen. (Hierzu nützlich lösungsorientierte Tools z.B. Skalierung, die klären und dann weiterführen.) Neben einer solchen Prozessarbeit kann die Therapeutin aber immer in der mitreflektierten Möglichkeitsform Fallgeschichten oder Ideen einbringen, sie kann sich mit verschiedenen Seiten „doppeln“ usw..(Hier ergänzt Ericksonsches Arbeiten rein systemisches Arbeiten). Diese andere „Behandlungsvorstellung“ kennt von daher zunächst keine Grenzen bezüglich Symptome und Störungen oder psychischen Krankheiten, da die Ziele und der Auftrag von der Klientin bestimmt werden.
2. Sie erfordert als Haltung das Erweitern der eigenen Beobachterposition, eine berufsethische Haltung, Liebe, Neugier und Interesse an Menschen und ihren Möglichkeiten, und das Vertrauen in ihre Ressourcen, die aus dem Blick geraten sind oder neu unter einem solchen -Aufmerksamkeit anders fokussierenden- Vorgehen entstehen. Sie erfordert auch das Aufgeben einer Fachexpertenautorität zugunsten eines lernbaren Expertums der Prozessarbeit mit den Ressourcen, die in der Komplexität von Situationen und Perspektiven liegen.. Da Vorstellungen und Kontexten von Veränderung in unserer Kultur aber anders geprägt sind, möchte ich meine ersten an Pathologie und Intrapsyche ausgerichteten Ausbildungen in VT, TP und Kontexterfahrungen in der Psychiatrie nicht missen, die mir paradoxerweise gleichzeitig aber auch ermöglichte „respektlos“ vor Symptomen zu sein und respektvoll vor der Selbstorganisation von Menschen und Systemen, aber auch der Macht von Kontexten. Ebenso wenig möchte ich meine GT-Ausbildung missen, die mir im Original eine auf den speziellen Menschen bezogene Therapie ohne Neurosen- und Störungslehre zeigte. Ich weiß jedoch den Unterschied einzuordnen und zu schätzen, der im Vorgehen und den Ergebnissen einer Systemischen Haltung besteht, die eher der Salutogenese nahe steht. Das gilt gerade beim Auflösen chronifizierter und schwieriger Situationen mit den unterschiedlichen Phänomenen, die sich selbstorganisatorisch herausgebildet haben und auch so wieder anders gestalten können. Das setzt voraus, dass eine Therapeutin diese konsequente Ressourcenhaltung selbst haben kann bzw. durch Anwendung darin bestärkt wird, denn sie beeinflusst darin und dadurch im therapeutischen System explizit und implizit mit, was durch Therapie entstehen kann. Viele Grüße und Freude an unser kreativen Arbeit. Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 9. Thema: Literatur und Erfahrung mit systemtherapeutischen Ansätzen zum Thema Mobbing 10.01.2006
Liebe Liste wer kann mir Angaben zu Literatur zu systemischen Ansätzen zum Thema Mobbing machen. Wer hat Erfahrung und Interesse an Austausch?
Antwort von Frau Anne M. Lang: Literatur und Erfahrung mit systemtherapeutischen Ansätzen zum Thema Mobbing 11.01.2006
Sehr geehrter Herr xyz, ich verweise gerne beim Thema Mobbing auf den Kollegen Josef Schickerath, der im Saarland in der Berusklinik als leitender Psychologe dazu eine Abteilung aufgebaut hat, dazu arbeitet und publiziert hat. Er referiert auch auf den Lindauer Therapietagen immer zu dem Thema und ist zu dem Thema auch schon mal mit diesem Seminarthema bei mir in Bonn zur Coaching-Weiterbildung. Sein Buch heißt: Mobbing am Arbeitsplatz, Grundlagen, Beratung, Behandlungskonzepte, Papst Science Publisher 2004.
Mit freundlichen Grüßen Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 8. Thema: Weiterer Austausch zu Mündigkeit, Psychiatrische Symptome 22.09.2005
Liebe Liste, da meine Antwort noch in der Liste offen ist, möchte ich antworten, wenn es auch lang geworden ist. (Da ich dazu ein Buch vorbereite, beschäftige ich mich z.Z. intensiv damit, was man auch an der Beitragslänge merkt.)
In meiner früheren Psychiatrietätigkeit habe ich gelernt, die Angst bzw. den „Respekt“ vor noch so beeindruckenden Situationen und Symptomen aufzugeben und mich auf den Menschen zu konzentrieren. Psychiatrie ist ja eher ein „Behandlungs“ Kontext weniger ein Kontext mit gewachsener Psychotherapietradition. Es gibt aber auch von M. Erickson Beispiele, wie hier Muster verändert werden können und erste Angebote gegeben werden, die auch eine Entwicklung hervorbringen. Ich denke, dass ein Unterschied zu beachten ist, zwischen „THERAPEUTISCHER INTERVENTIONEN“ und einer „PSYCHOTHERAPIE“. Erstere kann ich als „Psychotherapeutin im Dienst“ auch unbeauftragt sogar einem Patienten, der agitiert ist, anbieten. Ein agitierter Zustand ist jedoch nicht der günstigste für Psychotherapie. Denn diese braucht günstigerweise einen bestimmten RAHMEN, den ich erst z.B. durch eine Auftrags- und Zielklärung, die Abklärung in wieweit Veränderung überhaupt eine Alternative für die Situation ist und welche, was dagegen spricht usw., erarbeite. Dadurch und hiermit fordere ich schon die KUNDIGKEIT des Klienten als Ressource heraus und dies kann schon einige Erfahrung bedürfen. In der Psychotherapie entstehen dann schnell rekursive wirklichkeitsbildende Phänomene dadurch, dass ich als Therapeutin mit meiner unweigerlichen Fokussetzung Wirklichkeit mit entstehen lasse. Es gehört natürlich zu THERAPEUTISCHEM EXPERTENTUM dass ich meine Therapiemodelle und gar persönliche Annahmen reflektiere und dass ich die seinen mit ihm reflektiere, so dass diese Implikationen nicht unter der Hand zu Wahrheiten werden. Mein therapeutisches Expertentum d.h. berufliche Ressourcen bestehen gerade auch im Psychotherapiewissen, der Erfahrung, in den weitergebbaren Fallgeschichten, im Wissen über systemische Zusammenhänge, der Arbeit mit psychischen Bewusstseinszuständen, in verantwortlicher Selbstreflexion, vor allem aber im ganzen Hand –und Kunstwerk für die RAHMENBILDUNG auch in schwierigen Situationen. (Erickson: ich ändere niemand, stelle einen „Rahmen“ her). Das heißt, ich helfe einem Klienten seine Kundigkeit zu entwickeln und Experte zu sein für seine eigenen Entscheidungen und Inhalte, seine eigenen Reflexionen, seine inneren Suchprozesse und deren Antworten und das, was sich an Tun entwickelt, was er aus den Angeboten macht.
Darin erzeuge ich mit ihm und mit der PRÄMISSE seiner Kundigkeit einen unvorhersehbar breiten Spielraum, den ich aber erst durch diese Voraussetzung mit herstelle und herausstelle. Ich bin deshalb KEIN Experte dafür, was ZUGRUNDE LIEGT, welche DIAGNOSE er als FESTE WIRKLICHKEIT hat, was für ihn AM BESTEN zu tun ist, wie SEINE VERÄNDERUNG AUSZUSEHEN HAT, nach welchem Modell das zu geschehen hat und zu welchem Endergebnis das zu führen hat. Rekursivität heißt also meinen Einfluss in diesem Veränderungsrahmen zu sehen. Natürlich findet auch Rekursivität zwischen Patient und seinem Symptom z.B. Wahn statt, indem ein solches Erleben ihn selbst auch wiederum ängstigt. Klientinnen erzeugen ihre Bedeutungen selbst, meine Aufgabe in der Therapie besteht darin mit Ihnen zu erkunden, welche Wirklungen diese haben, und ob sie günstig oder ungünstig sind, Ausnahmen und wie diese erklärt werden, mit welchem anderen Effekt, Optionen usw. Jetzt ging es bei dem Fallbeispiel, das Anlass zu dieser Reflexion gab, um ein Beispiel aus einer ambulanten Psychotherapie und Symptome von wahnhaftem oder zwanghaftem Erleben /Denken/Verhalten. Die Beschreibung des bisherigen Verlaufs zeigte eine gute Entwicklung, dann wurde von „Stagnation“ bzw. „Rückfall“ gesprochen.. Hier wird jetzt gerade die Rekursivität sehr interessant. Unklar ist, ob Therapeutin, Klientin oder wer an Bezugspersonen es als „solchen“ ansieht. Es ist zum Beispiel entscheidend, ob die Therapeutin als Expertin beurteilt, was ein „RÜCKFALL“ ist und welche Maßnahmen sie (Medikamente, Psychiatrische oder andere Modelle, Erfahrungen im Vorgehen ) aktiviert. Oder ob sie die Klientin als Expertin befragt, wie sie die Situation einschätzt, wie sie sich diese Situation erklärt, welche Bedeutsamkeit sie ihr verleiht, wie sie sich selbst verändern (verstärken) könne usw.. Gerade letztere Frage führte bei einem meiner Klienten mit schwerer chronischer Symptomatik und entstandenem Veränderungsprozess zu systemischen Zusammenhänge, die bisher noch nicht berücksichtigt waren. Die Antwort auf die Frage, wie der als Rückfall von ihm gesehene Situation verstärkt werden könne, war nämlich, „wenn sich der Streit erhöhen würde“. (Welcher Streit? Wie erklären sie sich den Streit? Wie können Sie ihn erhöhen? Wie sieht ihre Partnerin die neue Situation? Welche neuen Situationen tauchen in der Beziehung jetzt auf?)) Es stellte sich heraus, dass gerade Veränderung andere Nachteile brachte, die vorher nicht bedacht waren. Dann wird es wichtig, die Entwicklung neu zu überdenken und neue Lösungen zu finden. Auch diese Erfahrung, wie kommen Situationen zustande, die als „Rückfälle“ benannt werden, ist Expertenwissen ebenso wie das Wissen, wie sie in Entwicklung aufgelöst werden können. Der Begriff „Rückfall“ ist ja eher ein medizinischer Begriff im Sinne eines Krankheitsrückfalls, in der Psychotherapie geht es mehr darum, was sich dadurch weiter klärt, was noch zu beachten ist, wie eine solche Situation zum weiteren Prozess utilisiert wird. Viele weiter nachdenkliche Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 7. Thema: Fallvignette: Angst vor Vergiftung und anderen Angriffen 04.08.2005
Liebe KollegInnen, ich suche Eure Ideen und Anregungen zu folgender Kundin: Frau, Mitte 20 hat sehr große Angst davor, von anderen be/geschädigt zu werden. Bisweilen fällt ihr schon ein Gang durch die Stadt schwer, da z.B. jemand Säure aus dem Fenster schütten könnte. Kleinere Einkäufe müssen daher generalstabsmäßig geplant werden, was Stunden dauern kann und nicht selten dazu führt, dass sie schließlich doch nicht geht. Bei anderen etwas zu essen oder zu trinken, fällt ihr schwer bzw. sie vermeidet es nach Möglichkeit ganz, da ein Medikament oder Gift untergemischt worden sein könnte, das ihre Nieren oder andere Organe massiv schädigt. (Vor Beginn der PT beschäftigte sie sich tagelang mit der Idee, sie könnte aufgrund von Speisen, die sie zu sich genommen hat, einen Hirntod sterben.) Gegenstände, mit denen die Kundin schlechte Erfahrungen gemacht hat, z.B. ein Gesetzestext, den eine Kollegin in der Hand hatte, mit der sie sich nicht so versteht, oder eine Jacke, an deren Ärmel sie ein Arzt berührt hat, demgegenüber sie sich ihrer Meinung nach nicht ausreichend durchgesetzt hat, etc. betrachtet sie als kontaminiert. D.h., die Gegenstände können nicht nachts in ihrem Schlafzimmer sein, da dies Schäden an ihrem Gehirn hervorrufen könnte. Schwer kontaminierte Gegenstände kann sie nicht mehr benutzen aus Angst, sich damit zu schaden. Die junge Frau möchte unbeschwerter und lockerer leben: einfach durch die Stadt bummeln, ohne sich ständig vor möglichen Angriffen in Acht zu nehmen, mit anderen Leuten etwas essen oder trinken, die kontaminierten Gegenstände ganz normal benutzen. Wir hatten ca. 7 Gespräche. Mittlerweile schläft sie mit den schwächer kontaminierten Gegenständen in einem Raum und kann diese benutzen. Sie konnte ihre persönliche Autonomie erweitern, z.B. den Eltern sagen, dass sie niemals als Juristin arbeiten sondern als Schriftstellerin arbeiten möchte. Was fällt Euch noch dazu ein? Vielen Dank im voraus für Eure Ideen. Herzliche spätsommerlich anmutende Grüße P.S. Es gibt keinerlei Hinweise auf Missbrauch oder andere Gewalterfahrungen in der Vorgeschichte. Liebevolles Elternhaus. Eltern wissen über das Problem Bescheid, versuchen sie zu beruhigen, ohne die Dinge allzu ernst zu nehmen.
Fallvignette: Angst vor Vergiftung und anderen Angriffen 20.08.2005
Liebe KollegInnen, vielen Dank für Euer Interesse an der jungen Frau und ihren Ängsten. (Manche haben mich direkt angeschrieben, auch Euch vielen Dank. M.E. wären Eure Ideen auch für die anderen Listen-Leser interessant gewesen.)
Einige Eurer Ideen hatte ich bereits vor meiner Anfrage umgesetzt – insofern war die Fallvignette natürlich eine extreme Zusammenfassung - und die Kundin konnte diese so nutzen, dass die beschriebenen Verbesserungen möglich waren. Insbesondere aus dem auf die Wunderfrage hin konstruierten anschaulichen Zielbild und der anschließenden Analyse der Ausnahmen (hier an 1. Stelle die PT-Situation mit mir) konnte die Kundin eigene Einflussmöglichkeiten ableiten und diese auch umsetzen. Wichtige Erfahrungen waren auch Situationen, die ihr schwierig bzw. gefährlich erschienen, die sie aber glaubte aushalten zu müssen (z.B. ein Hotelaufenthalt in Italien - sie fürchtete, jemand könnte Gas in ihr Zimmer leiten, sie so betäuben und anschließend vergewaltigen und töten. Das Zimmer war aber gebucht und bezahlt und die Gegend zauberhaft, so wollte sie keinesfalls abreisen.), und in denen dann nach relativ kurzer Zeit eine Gewöhnung stattfand und die Ängste nachließen. Hier hatte sie auf ihre Art schon das verhaltenstherapeutische Konfrontationsrational kennen gelernt, das wir weiter nutzen.
Die Kundin legt allergrößten Wert auf ihren logischen Verstand und präsentierte mir ihr Gefährdungssystem zunächst als scheinbar völlig schlüssig. In der Position konsequenten Nicht-Wissens habe ich mir alles ganz genau erklären lassen, und es zeigte sich eine Fülle von Widersprüchen und Unstimmigkeiten, die die Überzeugungen der Kundin ins Wanken brachten. Trotzdem steckt irgendwo noch ihr zu Therapiebeginn formulierter Wunsch: "Eigentlich möchte ich mich nicht ändern, sondern die Neurosen kontrollieren, die mein Denken, Fühlen und Handeln massiv beeinträchtigen." So durchläuft die Kundin im Moment auch eine "Ehrenrunde" im Hinblick auf die kontaminierten Gegenstände in ihrem Schlafzimmer, sie kann sie wieder weniger gut neben sich ertragen. Sie ist furchtbar wütend auf sich, und wir arbeiten gerade daran, wie sie auf den alten Lösungsweg zurückkehren könnte. Hier könnte die vorgeschlagene Teilearbeit bzw. "der ungebetene Hausgast" - die Furcht als Monster - hilfreich sein. Interessant finde ich den Gedanken, dass die Schriftstellerin die Geschichte aufschreiben könnte und die Idee Angstgeschichten als Lebensverhinderer und als Schutz bestimmter Beziehungen zu sehen. Es ist durchaus nicht so, dass einem von uns die Fortschritte zu langsam gehen. Was mich umtreibt, ist eher die Frage, ob hier ein wahnhaftes/psychotisches Geschehen vorliegt und eine psychopharmakologische (evtl. neuroleptische) Behandlung notwendig sein könnte. Würde ich das ins Spiel bringen, ändert sich m. E. das lösungsfokussierte Vorgehen, und ich trete als "Expertin" mit "Expertenwissen" auf. Denn so sehr ich Ihre sehr differenzierten, klaren und konsequenten Beiträge schätze, so denke ich doch, dass es gelegentlich diagnostische Kategorisierungen geben könnte, die insofern hilfreich sein könnten, als sie zu einer verbesserten therapeutischen Unterstützung der Leistung der Kundin führen könnten. Vielleicht könnte es ja Situationen geben, wo tatsächlich der Fachmann gefragt ist und die kundige Kundin nicht ALLES weiß, was ihr hilft. Vielleicht werde ich meine Zweifel und Gedanken in dieser Hinsicht der Kundin präsentieren, so dass sie auswählen kann, was sie macht. In diesem Sinne nochmals vielen Dank und herzliche Grüße
Antwort von Frau Anne M. Lang: Gedanken zum Mailingbeitrag von Frau XY vom 20.08.05 07.09.2005
Liebe Kollegen und Kolleginnen, noch einige Gedanken zum Mailingbeitrag von Frau XY 20.8.05, der auch gleichzeitig ein neues Thema eröffnen kann. Sie schrieb:“...ist die Frage, ob hier ein wahnhaft/ psychotisches Geschehen vorliegt .... und so denke ich doch, dass es gelegentlich diagnostische Kategorisierungen geben könnte, die insofern hilfreich sein könnten, als sie zu einer verbesserten therapeutischen Unterstützung der Leistung der Kundin führen könnten.
Vielleicht könnte es ja Situationen geben, wo tatsächlich der Fachmann gefragt ist und die kundige Kundin nicht ALLES weiß, was ihr hilft. Vielleicht werde ich meine Zweifel und Gedanken in dieser Hinsicht der Kundin präsentieren, so dass sie auswählen kann, was sie macht.........“ Konstruktivistische Vorstellungen gehen davon aus, dass wir als Beobachter durch unsere Betrachtungsweise gerade rekursiv das mit erzeugen, was geschieht. Das gilt auch für Modelle, die dann also auch entsprechende Wirklichkeit mit hervorbringen. Also bleibt auch so die Frage unklärbar, was richtig oder falsch an entsprechenden Modellen ist, weil man eben einen entscheidenden Beitrag als Fachfrau dazutut, was entsteht. Gerade in der therapeutischen Situation ist eine hohe Aufmerksamkeitsausrichtung gegeben durch die therapeutischen Angebote, Erfahrungen, (Un)Sicherheiten, mit der reflektiert zu arbeiten ist. Darin nämlich zeigt sich dann schon das Expertentums der Therapeutin. Denn, wenn es aber so ist, dass wir mitbestimmen, was geschieht, dann sollten wir unsere therapeutischen Annahmen überdenken und deren Implikationen immer mitreflektieren. Als Therapeutin habe ich da einen klaren Standpunkt. Falls aber die Pat. von sich aus Ängste hat hinsichtlich einer psychiatrischen Erkrankung oder die Anschauung eines Mitbehandlers in die Richtung mitbringt, dann kann die Reflexion auch mit der Patientin zusammen in der Stunde geschehen: Angenommen Sie sehen es so, was hat das für Vorteile , was für Nachteile? Angenommen Sie sehen es so, was hat das für Vor- und Nachteile? Mit der Beantwortung dieser Fragen bekommen wir weitere Anhaltspunkte für die Arbeit z.B. systemischer Art derart, wie Veränderungen sich in Beziehungen auswirken, z.B. für Konstrukt- und Glaubensannahmen derart diese zu verflüssigen und zu relativieren. Vor allem, wenn bei schweren chronifizierten Störungen ein Fall stagniert oder ein Rückfall gesehen wird, kommt schnell die Vorstellung auf, hier ist etwas Unbeeinflussbares, Endogenes im Spiel oder es liegt noch etwas nicht Erfasstes zugrunde. Es kann aber auch heißen, wir haben eine Perspektive, unter der es Sinn macht, noch nicht erfasst. Ein Stillstand kann gerade ein interessantes Phänomen und Zeichen von Veränderung sein. Denn, wenn Veränderung im System Stress hervorruft, dann ist es entlastend auf alte Formen zurückzugreifen. Ich persönlich mag den Begriff „Ehrenrunde“ nicht, erinnert er mich doch zu sehr an „Sitzenbleiben in der Schule“ , ich beginne dann eher wieder mit hypothetischen Fragen: Angenommen, sie gingen weiter in dem Prozess, wie sehe das dann aus, was träte dann auf, was wir zuvor berücksichtigen sollen? Oder wir schauen auf den bisherigen schätzenswerten Prozess und sammeln noch mal alle Erfahrungen damit. Oder Fragen nach den Auswirkungen der Veränderungen auf relevante Bezugspersonen bringen weitere sinnvolle Perspektiven, was noch im „Spiel“ ist und berücksichtigt werden sollte.
Viele kollegiale Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 6. Thema: Beginn und Ende einer Beratung 21.02.2005
Da ich gerade dazu etwas veröffentlichen möchte, einen Auszug dazu an die Liste: Auch im unteren Teil als Antwort an Frau xyz Beginn und Ende einer Beratung sind bei jeder Therapie, aber gerade bei einer Kurztherapie wichtige Eckpunkte. Sie bilden auch bedeutsame Situationen, die insofern natürlicherweise suggestiv aufgeladen sind. Das heißt, hier ist eine besondere Aufmerksamkeit gegeben. Ein neuer Kontext wird betreten oder am Ende dieser wieder verlassen. (Auf die Kontextabhängigkeit für Selbst- und Verhaltensdefinitionen hat schon G. Bateson hingewiesen.) In der Zwischenzeit ist der Mensch in einer Situation, die auch als Kontext u. U. sogar verfestigende ungünstige Rollenangebote macht: Patient, psychisch krank, unfähig, abhängig usw.. Daher kommt es zu der therapeutischen Aufgabe, diesen Kontext ressourcenorientiert zu markieren, seine Wirkung immer mitzureflektieren und den Klienten möglichst schnell wieder zu Lösungszuständen zu befähigen. Mit dem Klienten ist in der Sitzung zu reflektieren, wann für ihn das erreicht ist und damit das Ende der Therapie. Mit diesem Ende verbinden natürlich sowohl die verschiedenen psychologischen Modelle als auch die Vorstellungen der Klienten sehr Unterschiedliches. .....
Schon am Anfang bestimmt sich viel über den weiteren Verlauf: "hier horcht sozusagen die ganze Person mit". Es zeigt sich, dass der Start bedeutsam ist, die Ankopplung, die ersten Worte, die ersten Ideen, die gesät werden. Wenn in einer konstruktivistischen Psychotherapie nicht, wie z.B. in der Tiefenpsychologie über die längere Behandlungszeit und zentral über das "Instrument der therapeutische Beziehung" gearbeitet wird, sondern mit der inneren Selbstorganisation des Menschen, mit dessen Aktivierung, mit dessen Veränderung, dann beginnt diese Arbeit schon hier mit der Zielklärung. Jay Haley weist noch auf einen anderen Aspekt hin: "Wenn eine Therapie richtig enden soll, dann muss sie richtig beginnen- indem man ein lösbares Problem aushandelt." Das heißt, der erste therapeutische Akt ist eine therapeutische Zielklärung. Natürlich beginnen alle Beratungs- und Psychotherapie-Prozesse mit einer Frage in diese Richtung. Dennoch unterscheiden sich die Modelle darin, wie wichtig und zentral ihnen die Zielklärung ist. In den konstruktivistischen Modellen ist diese Stelle aus den dahinter liegenden Vorstellungen davon, wie Veränderung geschieht, sehr zentral.
Eine Zielklärung als therapeutische Intervention kann sich über mehrere Sitzungen hinziehen. Sie kann sogar die ganze Beratung oder Therapie ausmachen. Und es erweist sich als oft nicht leichte Aufgabe der Prozessführung bei der Komplexität des vorgebrachten Lebens mit dieser Intervention zu hilfreicher Komplexitätsreduktion zu kommen. Natürlich ist diese je nach Klienten sehr zu modifizieren. Denn geht man von dem Konzept der Selbstorganisation aus und der Veränderung durch die Änderung der inneren Selbstorganisation, dann beginnt hier diese innere Arbeit mit einem Impuls zu bewusster und unbewusster Veränderung. Mit dem Ziel setzt eine Fokussierung ein, auf die sich die folgenden Prozesse einspielen können.
So ist es hilfreich dem Klienten zu helfen ein erreichbares Ziel im Sinne von einem Hinzu- Ziel herauszuarbeiten, ihm zu helfen überhaupt erst in einer Ziel bzw. Zukunftsrichtung zu denken. Dabei wird schon ein Problemzustand aufgeweicht und neue innere Suchprozesse können beginnen. Ein konstruktivistischer Hintergrund verringert die Gefahr bei der Zielklärung Druck oder Zwang zu vermitteln. Natürlich ist diese Intervention weder therapeutisch mit Zwang oder Kontrolle verbunden, noch sollte es so vom Klienten aufgenommen werden. (Doch wie es wirkt, bestimmt der Klient selbst und dies sollte im Zweifelsfall auch geklärt werden.) Es geht vielmehr dabei darum, mit dieser Intervention hilfreich wirkende Implikationen anzubieten. Es schwingen dabei mit: die Ausrichtung auf die Zukunft, die Musterunterbrechungscharakter bei der Problemfixierung hat. Es schwingt mit, dass man dem Klienten selbst im Problemzustand zutraut, sich auch mit den anderen Möglichkeiten zu beschäftigen, sie auch anzugehen und sie auch immer zu haben. Es ist impliziert, dass er Selbstverantwortung für seine Therapie hat, so wie wir mit dieser Frage der Prozessverantwortung nachkommen. Zu der Zielklärungsarbeit gehört auch eine ausführliche Arbeit mit den Zielambivalenzen, also Vor- und Nachteilen der angestrebten Zustände.............. Viele Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 5. Thema: Umgang mit behinderten Menschen 05.01.2005
Liebe ListenteilnehmerInnen! Da ich länger passive Nutzerin der Liste war, stelle ich mich noch mal kurz vor: Ich arbeite in einer Werkstatt für behinderte Menschen im Psychologischen Dienst. Meine Anfrage: Ich habe den Auftrag bekommen, für die Mitarbeiter im Fahrdienst eine Schulung anzubieten über den Umgang mit behinderten Menschen (Geistig behinderte und psychisch kranke Menschen). Welcher Umgang ist angemessen? Wo gibt es Grenzen? Wann setze ich Grenzen? Umgang mit Nähe –Distanz. Über Anregungen und Literaturhinweise würde ich mich sehr freuen und bin gespannt auf Eure Antworten. Viele Grüße
Antwort von Frau Anne M. Lang: Umgang mit behinderten Menschen 13.01.2005
Lieber Herr xyz, da freut sich doch mein systemisch ressourcenorientiertes Herz heftig beim Lesen Ihres Beitrages! Ich möchte von Ihnen beschriebenes Vorgehen als Tools noch weiter ausführen: Von mir genannt: 1. „Ressourcen-Experten- Interview“. Denn Interviewer sind von Natur aus immer neugierig fragend. Wenn Sie einen Promi interviewen, unterstellen Sie ihm einfach Fachkenntnis und Erfolg. Eine suggestiv wirkende Situation: Also, das Promiinterview: Man kann eine „Reporterin“ eine „Expertin“ interviewen lassen. Diese stellt sich vor zu Ihrem Expertentum interviewt zu werden. Sie haben es gelöst. Was erzählen Sie über die Lösung? Wie haben Sie diese schwierige Situation geschafft? Welche Ihrer Ressourcen half? Wie werden Sie die neue besondere Situation angehen? Oder 2. „Brainstormingsgruppen arbeiten sich zu“. Eine Teilgruppe stellt Fragen zu dem entsprechenden Thema zusammen. Die richtigen Fragen zu erfinden kann eine Kunst sein, aber genauso stimmt, dass es keine dumme Fragen gibt. Die andere Gruppe findet im Brainstorming Antworten und Strategien. Oder: 3. „Die Beratergruppe steht zu Ihrer Verfügung“: Einsatz in der Stressbewältigung. Ein Teilnehmer schildert seine schwierige Stresssituation. Dann kann er sich zurücklehnen, sein Beraterteam brainstormt- also keine Wahrheiten. Wichtig: zum Schluss wertet er aus, was für ihn anregend war. Spontane, stichwortartige und herzliche Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 4. Thema: Was ich zu einigen Falldiskussionen zufügen möchte 26.10.2004
Liebe Kollegen und Kolleginnen, alle Menschen, Laien wie Fachleute, haben den Wunsch nach „der“ Heilsmethode. Wie schön wäre es: "Ich lasse dies oder jenes tun und ich bin geheilt oder ich tue das oder das und der Klient ist dadurch ohne sein Zutun geheilt". So entstehen immer wieder neue Heilsmoden, Heilsversprechungen und natürlich auch hilfreiche Effekte: Verordnete Aufstellungen, Augen- und Fingerbewegungen, Meridiane beklopfen, Hypnose als fremdgesteuertes Wundermittel usw.. Psychotherapeutisch gesehen ist ein solches Angebot dann nicht günstig, wenn damit eine nicht selbsteffiziente Ausrichtung impliziert ist. (Missverständlicherweise ist jedoch dann wieder eine explizit „Wundermethode “ genannte Methode (Titel des Buches von Insoo Kim Berg), nämlich das Lösungsorientierte Vorgehen, eben überhaupt kein fremdbestimmend einseitig eingreifendes Verfahren, sondern eine den Klienten zu Antworten fordernde und diese dadurch hervorbringende Methode.)
Psychologisch psychotherapeutisches Know-how besteht ja gerade darin – und so unterscheidet sie sich auch von eingreifenden Behandlungen wie z.B. medizinischen Eingriffen- den Menschen wieder mit seiner Eigenverantwortlichkeit, seiner Eigenwirksamkeit, seinen Ressourcen in Kontakt zu bringen und diese wieder entstehen zu lassen. Erfahrene PsychotherapeutInnen sprechen auch z.B. bei den Klopfakkupunkturmethoden davon, dass dafür ein geeigneten Rahmen geschaffen werden muss. Ich glaube hingegen, es ist gerade diese Einbindung und Rahmensetzung, die die Entwicklung ausmacht. Eine von außen eingebrachte Methode ist psychotherapeutisch nicht günstig, wenn Klient und Therapeut ihre Erfolge den Maßnahmen zuschreiben und gar denken, man klopft z. B. einfach mal und alles erledigt sich. So ist z.B. aber auch in einer EMDR-Behandlung das sogenannte EMDR-Protokoll eine exzellente Schritt- für- Schritt- Fokussierung und Ausrichtung auf Behandlungsziele. Untersuchungen sehen dann auch keinen Effektunterschied zu entsprechendem therapeutischen Vorgehen ohne Fingerbewegungseinsatz. Bei der Klopfakkupunktur ist es auch die therapeutische Qualität der Rahmensetzung, die wirkt. Auch im Einsatz von Hypnose und Trance ist die Einbettung in einen auf Ziele ausgerichteten Prozess, die Berücksichtigung und Klärung von Auftrag und Ambivalenzen dazu wichtig und weniger ein offenes unspezifisches Vorgehen.
Gerade in sehr drängenden, beeindruckenden Fällen steht als erste psychotherapeutische Aktivität überhaupt der kunstvolle Weg der individuellen Auftrags- und Zielklärung. Darin besteht vor allem in chronischen und schweren Situationen überhaupt der Hauptteil der Psychotherapie. Psychotherapeutische Kunst ist es hier, sich eben nicht in ein Vorgehen hineindrängen zu lassen, dass dann der Psyche nach naturgemäß auch nicht greifen kann. Ziel- und Auftragsklärung, Ambivalenzenklärung, Systemische Vernetzungen klären usw. sind deshalb wichtig, weil sie gerade das therapeutisch wichtige Herausarbeiten der inneren Feinabstimmung im Klienten beinhalten. Dies auch und gerade dann, wenn nach außen nur generell und fremdbestimmt um Hilfe gefragt wird im Sinne von „Tun sie etwas für mich“. Viele Grüße aus Bonn Anne M. Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 3. Thema: Raucherentwöhnung in der Gruppe 25.09.2004
Liebe Listenteilnehmer/innen, ich suche nach einem lösungsorientierten Konzept zur Raucherentwöhnung in der Gruppe, hat da jemand Erfahrungen, Konzepte oder Literaturhinweise? Vielleicht auch unter Hinzuziehung von Nikotinpflastern? Vielen Dank für Ideen und Hilfen im voraus
Antwort von Frau Anne M. Lang: Raucherentwöhnung in der Gruppe 29.09.2004
Liebe Kollegin, da ich gerade von einem Seminar komme, das ich für die Rhein Mosel Akademie/ Andernach durchgeführt habe, eine unmittelbare Antwort: Zunächst finde ich es wichtig schon im Titel den bedeutsamen Perspektivenschwenk zu machen. Ich nannte deshalb das Seminare: „Nikotin-Gift-Frei“ Der Veranstalter fügte hinzu: “-Frische Atemluft“.
Es geht also darum etwas zu gewinnen, nicht etwas zu verlieren bzw. sich von etwas zu entwöhnen. Was ist also das „Statt dessen“, was angestrebt wird. Von den 6 TeilnehmerInnen, die im Schnitt 25 Jahre intensiv geraucht hatten, kamen zunächst auch die gewohnten Bedenken und mentalen „Fallen“ wie z.B. „Ich kann keine Dinge angehen, die endgültig sind- also endgültig aufzuhören “, oder die bekannte Rückfall-Falle- „wenn ich mich entschlossen habe und dann einmal wieder rauche, dann ist alles umsonst gewesen“, Angst vor Enttäuschung, Entzugserscheinungen, Gewichtszunahmen, der fehlenden Gewohnheit, Verlustdenken statt Gewinndenken. Da die TeilnehmerInnen, wie eruiert wurde, das Seminar vom Arbeitgeber bezahlt bekamen, war es wichtig, ausführlich die Motivation zu klären und andererseits die Selbstwirksamkeit und Zuversicht zu stärken. Am ersten Seminartag habe ich zudem ausführlich über Prinzipien von Veränderung informiert und mit den TeilnehmerinnenInnen an ihren eigenen Wegen und Motivationen gearbeitet: „Wie schaffe ich Veränderung? Welche Fähigkeiten zum Verändern habe ich und konkret auf das Rauchen bezogen? Wieviel Zuversicht habe ich, dass ich es schaffe? Wieviel Einsatzbereitschaft? Das wurde jeweils skaliert. Wie kann ich die Skalierungswerte erhöhen? Was ist mein „Lieblings-Weil“ bei den Glaubens annahmen und Ambivalenzen: „Ich schaffe es nicht weil........“ Interessant war auch eine Runde: „Was denke ich reihum jeweils, was der/die andere für Fähigkeiten hat „nikotinfrei zu werden“ zu schaffen“. Diese Übung muss gut eingeführt und moderiert werden, hat aber enormen Spaß gemacht.
Im Seminar wurde auch Selbsthypnose zur individuellen Anwendung in Bezug auf das Ziel gelehrt. Damit können die Teilnehmerinnen sich innerlich auf ihr Ziel ausrichten, Ressourcen beleben, mit neuen Bildern und Situationen experimentieren, die sie bewältigen wollen, sich auf das andere Leben einzulassen; zudem sich entspannen und Suchtdruck bzw. das, was sie befürchten, bewältigen lernen.
Am zweiten Seminartag zwei Wochen später, hatte ein Teilnehmer, genau der Teilnehmer, der zunächst nichts „Endgültiges“ machen wollte, komplett aufgehört. Eine Teilnehmerin rauchte nur am Wochenende und war in der Woche nikotinfrei, die anderen hatten den Konsum von 30 und mehr auf 2-3 Zigaretten reduziert. Dabei war es den Teilnehmern selbst überlassen worden, ob sie den kompletten Schnitt machen wollten oder einen reduzierenden Weg gestalten wollten: die jeweiligen Vor- und Nachteile wurden in der Gruppe erwogen. Der zweite Seminartag diente der ausführlichen Bestätigung und Verstärkung, der Modifizierung und Herausarbeitung der individuellen Wege. Alle TeilnehmerInnen hatten weit aus mehr Veränderungen geschafft, als sie dachten und dadurch merklich an Selbstbewusstsein gewonnen. Einige sagten: „Zu Beginn des Seminars wollte ich nur mal schauen und habe aber eine starke Lust bekommen, gerade, weil ich merkte, dass ich es könnte und es mein Weg bleibt und es mir keiner abnimmt“. Am zweiten Seminartag kamen ausnahmsweise noch 3 Teilnehmer dazu, die von den anderen angesteckt waren ( und mich gefragt hatten, ob es ginge). Das war Gelegenheit auch noch einmal einiges zu wiederholen, wie Veränderung und Ziele- Erreichen gehen kann. Soweit nur das Markante. In der Arbeit hilft mir immer die gute Kombination von Lösungsorientierung, Ericksonschem Stil und konstruktivistisch systemischem Stil. Gerne maile ich Ihnen das Seminarhandout, das im Wesentlichen die Information enthält „wie schaffe ich Veränderung“ und auf das sich viele Teilnehmer bezogen. Es habe Ihnen vor allem in der Konsequenz geholfen, dass nur Sie Veränderung selbst angehen werden und für diesen Weg im Seminar mehr Möglichkeiten an sich selbst erfuhren. Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 2. Thema: Hilfe für eine Gruppe 04.05.2004
Liebe ListenteilnehmerInnen, eine Hausleiterin in der Einrichtung, in der ich u.a. als Musiktherapeutin arbeite (stationäre Kinder- und Jugendhilfe) ist sehr schwer erkrankt, zur Zeit ist sie nicht (nicht mehr) in Lebensgefahr. Ich habe angeboten, moralische und tatkräftige Unterstützung zu leisten, konkret heißt das z.B. Gespräche mit der ganzen Gruppe (8 Kinder und Jugendliche und das Pädagoginnenteam ) oder einzeln zu führen, entlastende Methoden (z.B. nach Yvonne Dolan) anzubieten, aber auch Alltagshilfe, wie Fahrtdienste zu übernehmen. Letzteres wird auch von allen anderen Gruppen regelmäßig mit übernommen. Das Angebot wurde von der Erziehungsleitung gerne angenommen und ich bereite mich gerade vor. Ich habe Erfahrung im Umgang mit solchen Situationen und auch Ideen. Allerdings merke ich jetzt bei der konkreten Planung dessen, was ich unbedingt sagen, anbieten oder tun sollte, dessen was möglich und u.a. nützlich wäre und dessen, was vielleicht überflüssig ist, wie angefasst ich selber bin. Von daher bitte ich auch die Liste um ihre Gedanken, Ideen und Vorschläge für ein Angebot sowohl für die ganze Gruppe und wie für das Team. Mit herzlichem Dank im Voraus,
Antwort von Frau Anne M. Lang: Hilfe für eine Gruppe 07.05.2004
Liebe xyz, Ihr Engagement und Tatkraft bewegen mich und ich möchte Ihnen antworten - so weit wie ich es von meinem Verständnis der Schilderung spontan kann. Stichworte: Kontextbeachtung Auftragsklärung Sich einbringen und dafür sorgen, dass es für alle Beteiligten - auch für Sie - stimmt. Zunächst eine wahre Geschichte, diesmal von einem tatkräftigen Mann. Sie wurde mir von dem Filialleiter der Bank erzählt, der sie erlebt hatte und hier im Coaching ist. Nach einem Banküberfall in seiner Bank kam, noch mitten in der Aufregung, ein ausgebildeter Berater von der Straße zufällig dazu. Er bot sofort seine Hilfe an und arrangierte in der Kantine eine Krisengesprächsgruppe zum Austausch der Erfahrungen und Gefühle der Mitarbeiter. Er tat dass völlig unentgeldlich und hatte die besten Absichten und sah auch den Handlungsbedarf. Nach einer Zeit kam der Bankdirektor dazu und warf in "hochkant" hinaus. Die Mitarbeiter wussten nicht, ob sie amüsiert sein sollten oder es vermissen sollten, dass sich jemand um sie gekümmert hatte. "Verrückte" Geschichte, nicht wahr und natürlich ist Ihre Situation wieder ganz anders. Aber auch sie sind nicht Privatperson in diesem Kontext, sondern es geht um einen beruflichen Kontext. Sie haben bestimmt Recht, das etwas geschehen sollte und es ist gut, dass Sie das sehen und sich regen. Also, was hindert Sie, sich mit der Erziehungsleitung zusammenzusetzen und folgendes zu klären: Was ist die Vorstellung der Erziehungsleitung, was sie in dieser Situation tut? Welchen Notstand sehen Sie selbst? Was hat die Leitung dafür vorgesehen oder was kann mit ihr zusammen entwickelt werden? Was erwartet die Leitung an Mithilfe? Wie sollten die Angebote honoriert/ geschätzt werden? Wo ist Ihre eigene Grenze erreicht? Sie sind ja gerne bereit ihr Know-How einzubringen aber welchen genauen Auftrag holen Sie sich und wie stimmen sie das mit der Leitung ab? Meine Grüße Anne Lang
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste: 1. Thema: Traumatisierte Menschen 01/12/02
Liebe Listenteilnehmer, zur Zeit beschäftige ich mich in der Beratung mit Menschen, die es trotz Einsichtsfähigkeit nicht schaffen, aus ihren tiefen Problemen herauszukommen (Stichwort parentale Hilflosigkeit). Trotz Wunderfrage und Schilderung einer schönen Zukunft halten sie wie versteinert an ihren Problemen fest. Ich denke, dass ich bei ihnen umdenken muss. Im Augenblick teste ich einige Sichtweisen für mich durch, um dieser Klientel besser helfen zu können (mir natürlich auch). Eine davon besagt, dass diese Menschen vielleicht traumatisiert sind und durch ganz bestimmte Erlebnisse fast dazu "verdammt sind", daran festzuhalten. Meine Frage an Euch/Sie ist nun: Kennt jemand gute Literatur oder Personen, die sich mit diesem Phänomen beschäftigt haben und Lösungen entwickelten. Da ich Angst vor dicken Büchern habe (es ist kein Trauma), wäre ich natürlich für leicht lesbare und verständliche Literatur sehr empfänglich. Nochmals vielen Dank für Eure Anregungen zur Internetseite "Lehrer-ärgern.de" . Ich verfolge das Projekt zur Zeit nicht mehr, da mich sehr viele gute Bedenken und Anregungen dazu bewogen haben meine Idee ruhen zu lassen. "Lehrerschreck.de" war leider schon vergeben. Wäre aber wirklich eine gute Alternative gewesen. Viele Grüße
Antwort von Frau Anne M. Lang: Traumatisierte Menschen 04.12.2001
Liebe Lösungsorientierte KollegInnen,
ich stehe aus über 20 jähriger Erfahrung - auch mit klassischen und humanistischen Methoden - sehr hinter dem Lösungsorientierten Ansatz und erfreue mich immer wieder neu an lösungsorientierten Fragen, Interventionen und Aufgaben in der Psychotherapie/ Beratung und deren effektiver Wirkung, auch gerade in den verfahrensten Situationen. Es gibt jedoch Menschen, die sehr davon profitieren, wenn sie in der Lösungsorientierten Arbeit dadurch unterstützt werden, dass sie in Trance gehen. Insofern ist es hilfreich, hypnotherapeutisch lösungsorientiert zu arbeiten. Den speziellen Ansatz von Lösungsorientierung in der Hypnotherapie vertreten wir hier in der Regionalstelle der M.E.G.( Milton Erickson Gesellschaft) Bonn gerne. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass die Wunderfrage hypnotische Implikationen enthält und hypnotische Suchprozesse auslöst und auf Erickson, mit dem De Shazer Kontakt hatte, zurückgehen soll. Herr xy schrieb am 4.12.01 in seiner Mail von den berührenden Metaphern der sibirischen Schamanen. Da finden wir die Teilearbeit, die Dissoziationsarbeit, Zeitenarbeit, Rekontextualisierung usw., alles explizite Techniken einer Ericksonschen Hypnosearbeit, die aber lösungsorientiert eingebettet sein sollen. Insofern finde ich es schön, wie sich über die Kulturen, effektive Heilungsinterventionen gleichen.
Anne Lang
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