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Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

 

29.) Interventionen bei Erschöpfung/ Burn-out (15.04.2012)

 

Hallo liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Liste,                                                                              ich habe eine 33jährige Klientin, die seit einem halben Jahr Symptome von Antriebslosigkeit, Schlaflosigkeit, totale Abgeschlagenheit, Lustlosigkeit, Heulerei, Verzweiflung, schlechte Konzentrationsfähigkeit, Übelkeit, Schluckbeschwerden, Herzrasen, streckenweise auch Panik hat. Sie findet ihre Situation unerträglich und wollte sich schon Antidepressiva verschreiben lassen. Wie könnte ich ihr hypnotherapeutisch Unterstützung bieten?  Hat vielleicht jemand Anregungen oder Tipps für Interventionen?                                                                                                                                      Vielen Dank im Voraus und herzliche Grüße

 

Antworten von Frau Anne M. Lang zur Diskussion um das Thema: Interventionen bei Erschöpfung/Burn-Out                                                                                                                          Sehr geehrte Frau…, 

die Anfrage ist interessant, um folgendes zu diskutieren: Für eine Psychotherapie - und Hypnotherapie ist Psychotherapie -  reichen mir die alleinigen Angaben der vielen Symptome und des Alters nicht. Damit kann man organmedizinische Hypothesen erstellen - was ja gerade auch passiert -  hat aber keine Voraussetzung, um eine Psychotherapie zu beginnen. Was also braucht man, um mit einer Patientin in eine Psychotherapie zu gehen? u.a.: Wie kommt Sie her, d.h. mit welchen Erwartungen, Vorerfahrungen, Vorabklärungen d.h. Suggestionen? Warum gerade jetzt, d.h. motivationaler bedeutsamer Anlass? Wie kommen wir in Kontakt in der Sitzung d.h. welche Interventionen entstehen daraus und wie entsteht notwendiger Rapport? Was will sie in der Psychotherapie? Wozu? Wofür? d.h. ihr Einsatz für Entwicklung? Wer ist im Problemsystem beteiligt d.h. systemische nicht direkt auftretende Elemente? Wenn es ihr rein um die Symptomatik geht, warum wählt sie Psychotherapie? (Ich nehme an, alles Organmedizinische ist schon ohne Befund abgeklärt) Usw., soweit nur ganz kurz auszugsweise.......... d.h. hier beginnt ein vielfältiger Prozess, der von Respekt, Neugierde, Erweiterung an der Person mit ihrer besonderen Selbstorganisation geprägt ist. So entsteht ein gemeinsames therapeutisches System, das Entwicklung und Symptomauflösung bringt. Hypnotherapie bringt dabei die Haltung, den Umgang mit Vorstellungen, Einstellungen, Sprache, Kommunikation, individuellen Möglichkeiten und das respektvolle Wissen um die individuellen unvorhersehbaren Wege ein. Von all dem wissen wir aber nichts aus zwei Zeilen Angaben über Symptome.

Deshalb können  Psychotherapeuten eigentlich da noch gar nichts antworten.

Freundliche Grüße

Anne M. Lang

 

Sehr geehrte Frau Lang und Kolleginnen/ Kollegen,

gerne gebe ich weitere Angaben zu meiner Klientin. Der Zeitpunkt, jetzt eine Therapie zu starten, war der enorme Leidensdruck, den sie nun empfindet und den tiefen Wunsch, wieder ihr Leben leben zu können. Sie ist kognitiv sehr gebildet in Bezug auf die Erkrankung und war bereits vor einiger Zeit in Gesprächstherapie, was ihr aber nicht hilfreich erschien. Nach Schilderung ihrer Kindheit und der damaligen Familiensituation verbucht sie ein hohes Minus auf ihrem inneren Konto, da sie sehr früh für die Erziehung und Betreuung ihrer 3 jüngeren Geschwister in eine nicht kindgerechte Position gedrängt wurde und da lernte, nur durch Leistung und Unterwerfung Anerkennung zu bekommen. Ihre Eltern hatten derzeit bereits Eheprobleme, die bis heute vorhanden sind und sie auch jetzt bei Besuchen noch heftigen Streits und Aggression der Eltern untereinander ausgesetzt ist. Die Wut und Aggression konnte sie nicht ausleben und verschob diese in Autoaggression, was sich in Form von Essstörungen im Alter von etwa 20 Jahren äußerte. Auch ihre Partner konnten das Defizit ihrer nicht erhaltenen Gegenleistungen oder einen Ausgleich für all ihre Leistungen nicht ausgleichen. In der jetzigen Beziehung zu einem 15 Jahre älteren Mann suchte sie in erster Linie Sicherheit, Schutz und Geborgenheit  wie sie selbst sagt. Zudem ist sie selbständig im IT- Bereich, reist viel durch die Bundesrepublik und verbringt oft Wochen in Hotelzimmern. Diese Situation empfindet sie zurzeit als extreme Belastung, braucht die Arbeit aber um zumindest dort Anerkennung zu erhalten. Sie ist sehr imaginativ und kann sich gut einfühlen. Ich hatte noch keine Trance- Sitzung mit ihr, aber ich denke, sie ist da sehr zugänglich für. Ich hoffe diese Angaben geben mehr Klarheit und mir die Chance, mehr von Ihnen und Ihren Erfahrungswerten zu erhalten und davon zu lernen.                                                         Vielen lieben Dank im Voraus,

Antworten von Frau Anne M. Lang zur Diskussion um das Thema: Interventionen bei Erschöpfung/Burn-Out                                                                                                                              Sehr geehrte Frau…,                                                                                                                                  ok, mit diesen Angaben kann man psychotherapeutisch mehr anfangen. Da ich diese Angaben angefragt habe, fühle ich mich aufgerufen, jetzt auch zu antworten. Es bleiben natürlich die Grenzen des schriftlichen Mediums. Und es bleibt die nur von Ihrer Seite vorhandene Perspektive. Wie würde die Pat. selbst die Psychotherapiesituation mit Ihnen beschreiben? Wie beschreibt sie Sie als Therapeutin? Wie ist der Rapport und die Beziehungsatmosphäre, Facetten der individuellen besonderen Person, ihre Vorlieben, Neigungen usw., Gerade daraus können Interventionen kommen. Aber supervidiert man Ihre Beschreibungen, entstehen folgende bruchstückhafte Aspekte: 1. Die Problemsprache, da sie zu vordergründig und unkonkret ist, ist aufzugreifen: Was heißt ihr "Leben wieder leben" können konkret. Wie wäre der Unterschied... und dranbleiben........in Szenarien führen.../ Hypnotherapeutische Aufladung… usw. Also: Alle unbestimmten vagen Stellen in konkrete Vorstellungen hineinführen. Die Kunst besteht darin, nicht bedrängend zu sein, sondern im Konversationstrancestil und empathisch interessiert. 2. "Leidensdruck" ist schlimm, aber noch lange keine Auftragsvorstellung oder Zielvorstellung. Was erwartet sie von Ihrer eigenen Psychotherapie? (Es klingt unten nach Kontenausgleich - wie sollte der denn geschehen? Oder ist eben das Erleben des Minuskontos gerade das Problem) 3. Sie war in Gesprächspsychotherapie, die ihr nicht hilfreich erschien. Was konnte sie davon nutzen und wie? Wie und mit welchen anderen Vorstellungen hat sie entschieden, das zu beenden? (Selbstbestimmt für sich- eben diesmal nicht als Opfer) Was hat sie bewegt, bei Ihnen wieder Psychotherapie zu machen? Was soll jetzt anders sein? Wie wird sie diese Psychotherapie zur Entwicklung nutzen? 4. Biographie und Konto: Minuskonten sind Problem aufrechterhaltend. Das wird sich ändern müssen, wenn die Therapie erfolgreich sein wird. 5. Suggestive Hypothesen, die im Spiel sind. (Ich halte Hypnothesen meist für klinische Poesie/Literatur, die aber immense Suggestivkraft haben und nicht nur Patienten, sondern auch Therapien iatrogen bestimmen und von daher lieber aufzulösen sind.) Hier also diejenigen, die im Spiel sind, auflösen, also: - Autoaggression zur Essstörung-  Hier kann man die Fokussierung verschieben. Mich würde interessieren: wie ist sie mit der Essstörung umgegangen- wie ist sie von ihr beendet worden?  - Partnerschaft als Ausgleich- okay so sieht sie die. Angenommen, es wäre so, ist das dann jetzt gut oder schlecht? Wie hat sie ihren Partner denn gewählt und wofür? Stimmt der Partner diesem psychologischen  Ehevertrag zu oder möchte der das mal anders? Von wegen, wenn sie sich ändert und weniger bedürftig sein wird? Oder hält dieses Ehesystem sie auch ambivalent in der Rolle. - Anstrengende Arbeit als gebrauchte Anerkennung: Was ist ihr wertvoll an ihrer Arbeit und bewahrenswert und wie viel ist zu viel und zu ändern? Und grundsätzlich wie viel empfindet sie sich als Opfer vom Leben und wie viel ist schon selbstbestimmtes eigenes Leben? (In Prozent von 100) Sie merken, alle Interventionsfragen zielen implizit darauf ab, dass sie sich selbstbestimmt erleben lernt. Und das ist die Therapie-Trance! Da in der Psychotherapie immer die Antworten auf die Angebote die nächsten Schritte/ Frageinterventionen bestimmen, ist es grundsätzlich schwierig, hier ins Freie hineinzuschreiben. Aber Trance ist das alles- Konversationstrance. Ein Tranceritual (und natürlich kann man da alles Mögliche machen von einer Affektbrücke, in der sie Selbstwirksamkeit erlebt, bis hin in Teilearbeit, Zukunftsprogression usw.) aber birgt die Gefahr von Fremdangeboten, die sie nicht aus der Opferfalle oder Ambivalenzen befreien. Mir fehlt für ein hypnotisches Tranceritual noch mehr das konkrete von ihr bestimmte "Wozu" der Hypnose, damit die Angebote nicht fremdbestimmt bleiben. Wenn das aber therapeutisch mehr erreicht ist, könnte das dann auch Vorlage für ihre Selbsthypnose sein.                                                                                  Aber zunächst mal schönes Wochenende                                                                                            Anne M. Lang

 

28.) Hypochondrie (26.02.12)

 

Liebe KollegInnen,

ich danke sehr für die Rückmeldungen zu meiner Anfrage. Es gab drei Richtungen, in die Sie argumentiert haben.

1.Die eine, die mir konkrete Ideen für hypntotherapeutische Interventionen gegeben haben, vielen Dank dafür.

2.Eine tiefenpsychologische, deren Therapieansatz ein ganz anderer ist. Meine Klienten wissen auch, dass sie Todesängste und Selbstverlustängste haben, das ändert an ihrer Wahrnehmung ihrer körperlichen Bedrohtheit wenig. Was müsste geschehen, damit die Ängste kontrollierbar werden?

3.Und den der ärztlichen Kolleginnen, die mich darauf aufmerksam gemacht haben, dass eine körperliche Abklärung notwendig ist, wenn ein Klient über körperliche Symptome klagt. Natürlich haben Sie Recht und meine Anfrage war etwas flapsig formuliert. Natürlich sind meine Klienten ständig unter Ärztlicher Kontrolle, und bekommen dennoch therapeutische Unterstützung.

Ich wollte auf die Schwierigkeit einer Zielfindung hinweisen, die mir ein hypno-therapeutisches Vorgehen fast unmöglich machen. Meist haben die Klienten dann zwei Ziele: "Ich will entspannter mit körperlichen Wahrnehmungen umgehen". "Aber falls ich doch schwer erkrankt sein sollte, möchte ich das sofort wissen, also meine Symptome sehr feinfühlig wahrnehmen, damit ich rechtzeitig behandelt werden kann."

Ich bin nun durch ihre sehr ernsthaften und besorgten Reaktion verunsichert.

Bisher dachte ich, wenn wiederholtes Diagnostizieren und die Behandlung aller möglichen dabei auftauchenden eventuellen Erkrankungen zu keiner Veränderung der Symptomatik führen, dass es dann sinnvoll wäre, davon auszugehen, dass der Klient mit einer psychisch sinnvollen aber nicht körperlich bedingten Störungsempfindung zu tun hat. Sie raten mir jedoch dringend, den Klienten auch als potentiell körperlich erkrankten Menschen zu sehen.

Ich habe eine Menge Anregungen bekommen, um nachzudenken und weiter zu forschen und vielleicht aus meiner Entweder - Oder Haltung auszusteigen.

Herzlichen Dank dafür.

 

Antworten von Frau Anne M. Lang zur Diskussion um das Thema: Hypochondrie

Liebe Frau .....,

Ihre persönliche Reflexion zu den Listenrückmeldungen bewegt mich, wiederum darauf zu reagieren.

Meine Erfahrung ist, dass wir wirkungsloser werden, wenn wir für den Klienten zu sehr etwas wollen bzw. wollen, dass er bestimmtes nicht mehr macht.

Natürlich entspricht das dem System einer Behandlung, indem wir als Behandler dazugehören und therapeutisch etwas wollen sollen. Und das auch noch mit Hypnose!!!

Aber dann hören wir in der Sitzung nur die eine Seite des Pat., die sich ja zur Psychotherapie gemeldet hat und etwas verändern will. Hypnotisch interessant wäre all das zu erforschen/erkunden, was auch noch im Spiel ist und vor allem das, was entstehen kann. Da können wir in unserem Psychotherapie-Kontext auch duldsamer sein als die ärztlichen Kollegen, die ja schnell im Druck stehen, eine Maßnahme anbieten zu müssen. Progressives Erkunden bezieht sich dann auch auf das, was sich im komplexen Zusammen insgesamt dann im Leben auch anders organisieren würde:

Haltungen, Lebenseinstellungen, Kontakte, Beziehungen, konkrete Tagesplanung, Berufstätigkeiten. Ich rede hier aber genau nicht von einem unspezifischem Befragen, sondern von einem neutralen Befragen im Bezug zum gewünschten Zielbereich "Gesundung" oder was der Patient dazu sagen würde "?". Was würde sich also im Zielbereich anders gestalten und ist man da schon darauf vorbereitet? Traut man dem gewachsen zu sein? Wie ginge die Entwicklung dahin und wir würde man dann die Zeit davor für sich verbuchen? Was würde man sagen, hat einem am meisten geholfen?

Also reden wir hypnotisch über den Wunschbereich/Zielbereich über Entwicklungen usw. Und in der Zwischenzeit darf man sich ruhig noch mal untersuchen lassen und Erfahrungen damit machen.

Viele kollegiale Grüße

Anne Lang

(Sie merken schon, ich sitze an meiner Vorbereitung zu meinem diesjährigen

Jahrestagungsthema für Bad Orb "Was tun, wenn sich nichts tut?")

 

(28.02.12)

Herzlichen Dank Frau Lang für diese Rückmeldung. In einer kollegialen Interventionsgruppe gestern habe plötzlich gemerkt, dass meine Verwirrung tatsächlich daher rührte, dass ich dachte, ich müßte meine noch sehr junge Klientin vor einer "Karriere" schützen, wie ich sie von älteren AngstpatientInnen kenne. Deshalb nochmals Dank für die Erinnerung, dass ich nicht für meine Klientin etwas wollen sollte, bräuchte. Auch Ihre Anregungen zur Erforschung des Zielbereiches finde ich eine sehr hilfreiche Idee. Freundliche Grüße

 

(01.03.12)

Liebe Kollegin ....., liebe Liste, ich möchte noch eins nachschieben: Es gibt bestimmt die Situation, in der es sich als völlig treffend erwiese, einer hypochondrischen Pat. weitere Arztbesuche zu "verbieten", um sie, wie Sie schreiben, vor einer "Pat.-Karriere" zu bewahren. Wie müsste dann aber Ihre Absicht darin vorkommen? Was wäre damit therapeutisch noch nicht getan? Welche Implikationen brächte es mit sich? Wenn der Rapport stimmt, wenn rundum der Kontext abgeklärt ist, könnte das ja "entsprechend" ein gutes Zeichen sein, das einen Punkt setzt. Um mit solchen individuellen unikaten Interventionen dann vorzugehen, braucht es Erfahrung. Erickson machte es natürlich auch so. Bei vielen seiner Fälle, die dann Unikate sind, aber kennen wir eben dieses "Zwischen-den-Zeilen" nicht. Zudem bedürfte es vieler Zeilen, um die Spezifika eines solchen Th.-Systems in Worte zu fassen, in dem das gelänge. Es steht bei den Fällen zwischen den Zeilen oder auch gar nicht und man muss es sich dazudenken, um sich die utilisierte Reaktion seiner Pat. auf seine unikate Interventionen erklären zu können. Was wir also in dieser Liste bei Falldarstellungen austauschen ist, eine um Wesentliches reduzierte Fallbeschreibung und dann die Assoziationen dazu wiederum mit dem jeweiligen Hintergrund des antwortenden Schreibers und Standardvorgehen. Ich fände es eine interessante Idee, sich zu überlegen: Wie müsste denn die Person, Ihre Situation und vor allem die Interaktion sein, dass eine solche wie Ihre Intervention konstruktiv ankäme bzw. Ihre Absicht ankäme und auch hilfreich wäre? Viele Grüße Anne M. Lang

 

 

27.) Konflikt mit der Mutter (24.02.12)

 

An die Schwarmintelligenz der Listenteilnehmer mit der Bitte um Inspiration

 

Ich bin Allgemeinmediziner in eigener Praxis. Beschäftige mich seit ca. 30 Jahren mit Hypnose, unter anderem Ausbildungscurriculum zum (typisch österreichischer Titel)  akademisch geprüften Arzt für medizinische Hypnose bei Frau Prof. Henriette Walter an der Uni Wien. Ich beschäftige mich vorwiegend mit Raucherentwöhnung und der Behandlung Übergewichtiger. Ich bemühe mich aber auch Hilfestellung bei vielen sonstigen  Problematiken zu geben.

Konkreter Fall: 25 Jährige Patientin, sie wuchs mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter im gemeinsamen Haus auf. Erinnerlich ist ihr, dass die Großmutter sehr oft über ihre Mutter geklagt, sie als faul und liederlich bezeichnet hat und dies immer und immer wieder thematisiert wurde. Offensichtlich war die Großmutter damit in ihrem Sinne erfolgreich, den die Problematik der Patientin besteht darin, dass sie häufig bei nichtigsten Anlässen massivste Aggressivität ihrer Mutter gegenüber empfindet. Es kann die Art sein wie sie sich räuspert oder wie sie geht oder ein Glas anfasst,  was diese ungestüme Aggressivität in ihr auslöst. Die Patientin ist sich der Problematik sehr bewusst und es erscheint ihr auch diese frühkindliche Prägung durch die Großmutter  als Grund  für ihre Empfindungen als einleuchtend. Sie sieht die Situation auch durchaus differenziert - also teilt nicht unbedingt die Meinung ihrer Großmutter - kann sich dieser Impulse aber nicht erwehren und möchte in einer Trance dem Thema näher kommen. Soweit die Schilderung in einem kurzen telefonischen Vorgespräch.

Über Anregungen  und Konzepte würde ich mich freuen.

 

Antworten von Frau Anne M. Lang zur Diskussion um das Thema: Konflikt mit der Mutter  

 

Lieber Kollege .....,

ich lese gerade Ihre Mail und möchte gern spontan antworten.

Was ist an Suggestionen schon in der Schilderung der Klientin, was weiter zu klären ist bevor man sich auf enthaltene Implikationen einlässt?

Hypnose beginnt schon mit dem Setting, da dabei natürlich Suggestionen bzw. unhinterfragte Suggestionen/Erwartungen reinspielen. Also was ist hier das Setting? Psychotherapie? ärztliche Konsultation?

Hypnose entfaltet sich dann in der Art von Vorgehen: geht es um ein "Warum-

Ergründen-Fischen im Verborgenen?" oder um ein "Wohin" "Wozu" mit herausgearbeitetem suggestiv wirksamem Ziel"? oder um noch etwas anders bzw. das ist zu besprechen.

Hypnose ist schon im Spiel bei der Aufklärung bzw. dem Seeden von den Möglichkeiten: wie wurde über Hypnose und den Einsatz informiert?

"Jede Hypnose ist Selbsthypnose"- was will die Klientin: was verbirgt sich hinter dem vagen: "dem Thema näher kommen?"

Da Sie schon lange mit Hypnose arbeiten, verstehen Sie sicherlich die Ansatzpunkte meiner Überlegungen, um dann mit diesen Klärungen so den Rahmen für die Arbeit zu schaffen. Das wären zunächst meine Fragen und alles Inhaltliche Weitere würde daran ansetzen.

Kollegiale Grüße

Anne M. Lang

 

 

26.) Geschichte gesucht für einen Pat., der "vom Leben benachteiligt ist" (21. 11. 10)

 

Liebe Listenmitglieder,

 

ich bin auf der Suche nach einer Geschichte (Metapher, oder auch einer anderen Intervention), für einen Pat. (55 Jahre alt, Ingenieur), der seit Jahren das Gefühl hat, im Leben zu kurz zu kommen und nicht genügend anerkannt zu sein. In seinem Wesen ist er sehr kontrollierend, Vater von 3 Söhnen (11, 13 und 16 Jahre alt). Arbeitsbedingt kommt er sehr spät nach Hause. Beklagt keine Zeit für sich zu haben, beklagt, dass seine Frau sehr schlecht organisiert wäre, dass die Kinder ("Prinzen") nicht genügend zu Hause machen würden und zu sehr verwöhnt wären, dass keiner ihn fragt, wie es ihm gehen würde, dass er keine Chance habe sich beruflich zu verändern (er ist ein absoluter Spezialist und es gibt nur etwa 4 Firmen in Deutschland die in seinem Bereich etwas machen würden und er möchte nicht schon wieder mit der Familie umziehen), dass im Leben absolut nichts mehr zu verändern ist, dass er immer (wie er sagt) "die Arschkarte" zieht, dass seine Wünsche nicht respektiert werden, dass er nicht wichtig genug wäre usw. usw.

Bisherige Interventionen (kognitive Umstrukturierung, hypnotherapeutische Arbeit mit Ressourcenaktivierung, Symptomverschreibung inklusive Aufsatz "was kann ich tun, damit es mir noch schlechter geht" uvm.) haben nicht die nötige Einsicht gebracht, dass die Veränderung in seinen Händen liegt und dass er tatsächlich  etwas verändern kann. Bis jetzt fanden 16 Sitzungen statt in denen lediglich gelungen ist, seine Wut und Wutausbrüche sowie seine Reizbarkeit aufzulösen. In den letzten Sitzungen habe ich jedoch häufiger das Gefühl gehabt, dass der Pat. zwanghaft versucht, mich von der Ausweglosigkeit seiner Situation zu überzeugen und dass das, was ich anbiete, nicht ankommt. Seine Haltung entspricht dem Satz  "Ich tue mir selber leid"

 

Wer kennt geeignete Geschichten oder Metapher die etwas Bewegung in die Sitzungen wieder bringen würden.

mit bestem Dank und einen guten Start in die neue Woche aus Köln

 

Antworten von Frau Anne M. Lang zur Diskussion um das Thema: Geschichte gesucht für einen Pat., der "vom Leben benachteiligt ist"

Liebe Kollegin,

das Lesen Ihrer Mail hat bei mir folgendes Nachdenken ausgelöst:

Wie verstehen wir unsere Funktion als PsychotherapeutInnen, dass wir mit Tools wie z.B. den von Ihnen genannten: (…kognitive Umstrukturierung, hypnotherapeutische Arbeit mit Ressourcenaktivierung, Symptomverschreibung inklusive Aufsatz "was kann ich tun, damit es mir noch schlechter geht“…)Menschen in ihrem Welt/Wirklichkeitserleben zu verändern glauben zu können? Natürlich wissen wir, dass in gewisser Weise zu denken gesundheitsschädlich ist, dass  negativistische, abwertende, einseitig fokussierende, festhaltende Gedanken nicht gut tun und nur weiter fortsetzen, was wir erlebt haben, dass sie auch nicht unseren breiteren Möglichkeiten entsprechen. Aber .... wir können das nicht rausschneiden wie ein Chirurg. Das können wir auch so den Pat. sagen.

Wir können aber schon einmal eine gewünschte Zukunft vorbereiten im Geist, in der erlebten und gefühlten Vorstellung.

Wir können mit dem Patienten darüber sinnieren: Was schlägt der Pat. vor, wie er selbst so etwas verfestigt Erlebtes verändern kann? 

Was glaubt er – da er sich am besten kennt- was seine Methode da sein wird?

Wie viel Zuversicht hat er dafür? Wir können darüber sinnieren: Was wäre dann anders?

Wir können erkunden, woran würde er den Unterschied merken?

Wir können mit ihm ganzheitlich erkunden: woran würde er merken, dass er beginnt, innerlich anders eingestellt zu sein? Wir können mit ihm in diese vorgestellten Erkundungen gehen und das Hirn produziert währenddessen dazu schon Impulse. Das ist Hypnose „ohne Hypnose“.

Dann können wir natürlich auch dazu später ein formales Hypnose-Ritual machen.

Die Inhalte der darin angebotenen Interventionen werden zusammen erarbeitet und im umgeschalteten Zustand angeboten.

Dann kann man auch weiter daraus Selbsthypnose-Arbeit ableiten, die wiederum die Eigenverantwortung stärkt. Was wäre denn SEIN Hauptanliegen dafür aus dem Thema. Usw. Die Kunst liegt m.E. darin, die richtige Ebene der Interventionen zu finden. Oft sind es in schwierigen Fällen auch die Metaebene.

Weiterhin: den Klienten für seinen Prozess mit einbeziehen. Weiterhin: als Therapeutin, Gelassenheit, Engagement und Zuversicht zur Veränderung selbst zu haben und an den Pat. zu glauben, was wiederum suggestiv die Gelassenheit verstärkt und die Zuversicht des Pat. usw. (Vielleicht merken Sie, ich arbeite schon an meinem Thema für Bad Kissingen. Danke für die Anregung durch Ihre Mail, vielleicht hilft Sie auch umgekehrt.) 

Viele Grüße

Anne Lang

 

 

25.)  Parkinsonerkrankung/ Ablehnung durch Krankenkasse (25.08.2010)

 

Liebe Frau .....,

mit der DKV habe ich keine speziellen Erfahrungen, aber vielleicht können Ihnen meine allgemeinen Gedanken dennoch etwas weiterhelfen. Eine Verhaltensanalyse ist meines Erachtens immer möglich, warum also nicht auch bei Parkinson? Die Parkinson-Erkrankung könnte man z.B. unter "S" anführen (als auslösenden Faktor), oder je nachdem auch unter "O" (als organismische Gegebenheit). Ich selbst packe auch viel Hypno unter das Label "Verhaltenstherapie", aber frei von der Leber weg zitiert: gib dem Gutachter, was des Gutachters ist. Der will nun mal das Ganze in VT-Formeln gepackt sehen (und das gelingt oft ganz gut, wenn man sich klar macht, dass jede Hypno-Intervention ja letztlich auch dazu dient, Verhalten und Erleben zu verändern).

Das Grundproblem scheint mir zu sein, dass Sie, wenn Sie das Gutachten ganz und gar wahrheitsgemäß verfassen, darstellen müssen, dass der Klient eigentlich keine akut behandlungsbedürftige psychische Störung hat. Die Frage ist nun: kann sich der Klient vorstellen, und können Sie sich vorstellen, die Wirklichkeit etwas zu dehnen dahingehend, dass die "Störung" etwas schlimmer dargestellt wird im Gutachten, als sie wirklich ist? Das müsste mit dem Klienten vorher besprochen werden, weil privat versicherte Menschen u.U. durchaus Nachteile davon haben können, wenn eine psychische Störung in der Akte steht (z.B. bezüglich Verbeamtung, aber das dürfte in diesem Fall ja keine Rolle mehr spielen). Vielleicht lässt sich aber auch ganz ohne zu lügen die Symptomatik des Klienten noch etwas schlimmer darstellen als bisher, wenn Sie mal Ihre ressourcenorientierte Hypno-Brille kurz weglegen und sich mit ihm gemeinsam für kurze Zeit diagnostisch ganz auf seine Probleme konzentrieren (BDI, SCL-90-R, Krankheitsangstfragebögen usw.) - natürlich nicht ohne ihm zu erläutern, warum.

Die Versicherung zahlt nur eine Psychotherapie bei "behandlungsbedürftiger psychischer Störung", und letzten Endes ist das meines Erachtens auch richtig so. Wenn jemand einfach gerne sich selbst reflektieren und weiterentwickeln möchte und dazu einen kompetenten Gesprächspartner sucht: sollte das wirklich eine Kassenleistung sein? Dass Ihr Klient sehr motiviert ist, ist diesbezüglich völlig irrelevant, das bin ich auch, wenn ich zur Supervision gehe.

 

Herzliche Grüße aus Freiburg,

 

Antworten von Frau Anne M. Lang zur Diskussion um das Thema: Parkinsonerkrankung/ Ablehnung durch Krankenkasse

 

Sehr geehrte Frau E.,

natürlich können es sich Patient und Therapeutin intensiv vorstellen, dass die Störung schlimmer ist, dass die Wirklichkeit gedehnt wird ins Negative.

Menschen können sich alles Negative vorstellen- das ist doch die Aussage u.a. auch der Hypnotherapie.

Auch für Paul Watzlawick, gefragt am Ende seiner langen Forschungs- und Therapiezeit ist die „Als-Ob-Suggestion“ die stärkste therapeutische Intervention. (Dies beschrieben im Buch von Peter Hain: Das Geheimnis therapeutischer Wirkung)Verstehen Sie bitte allein schon deshalb (ganz zu schweigen von therapeutischer Seriosität und Glaubhaftigkeit vor dem Patienten) meinen entschiedenen fachlichen Einspruch vor diesem Vorschlag! Er wird auch nicht besser dadurch, dass ich weiß, dass das einige Kollegen tun. Wir sollten es bei aller Hilfsbereitschaft lernen, die Settingsbedingungen klar zu stellen.

Viele kollegiale Grüße

Anne Lang

 

 

24.)  Anregung zu Arbeit mit Borderline-KlientInnen (20.08.2010)

 

Liebe Listen-Teilnehmer,

 

mein Name ist ....., ich arbeite als Facharzt für Psychiatrie und

Psychotherapie in ..... .

Zunächst einmal erscheint mir gerade bei Jugendlichen die Vermeidung einer vorschnellen Etikettierung mit einer psychiatrischen Diagnose als wesentliche Aufgabe der verantwortlichen Pädagogen/Therapeuten. Hier sollten sowohl die psychischen Besonderheiten (und Schwierigkeiten) der "gesunden" Entwicklung Jugendlicher (die in vielerlei Hinsicht den immer wieder erwähnten Symptomen ähneln können) als auch die Rolle belastender sozialer Faktoren Berücksichtigung finden. Jedes andere Vorgehen kann zu einer Reinszenierung von Stigmatisierung und dysfunktionaler Rollenidentifikation führen.

Genauso verhält es sich auch bei Binnendifferenzierung des Störungsbildes und der Behandlungsstrategien für Patienten, die nach den ICD-10-Kriterien an einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ leiden. Der simple Verweis auf "psychische Traumata" als Ursache hilft meiner Ansicht nach gerade nicht weiter. Keineswegs alle dieser Patienten weisen solche Erlebnisse in ihrer Biographie auf und bei den anderen geht es nicht um ein allgemeines immer in gleicher Weise wirksames Trauma sondern um die ganz spezifischen Beziehungsaspekte ihrer Erlebnisse.

Neben der Herstellung von echter, als sicher erlebter Beziehung (Nähe-Distanz-Regulation, Rapport), erscheint mir der dialektisch-behaviourale Ansatz Marsha Linehans hilfreich (auch geeignet für "gesunde" Jugendliche mit Schwierigkeiten in der Interaktion mit sich und anderen und damit ein Stück weit unabhängig von den genannten Differenzierungen).

Milton Ericksons Art und Weise der gezielten Utilisation von (Beziehungs-)Ereignissen kann (verantwortungsvoll und auf Augenhöhe genutzt)gerade beim Aufbau von Rapport sehr wirkungsvoll werden.

Und - soweit für die Jugendlichen attraktiv - könnte ich mir in ähnlicher Weise auch eine positive Wirkung von Übungen in Achtsamkeit (s. z. B. MBSR nach Jon Kabat-Zinn) vorstellen.

Alle weitere Therapie erfordert nach meiner Ansicht gerade bei Jugendlichen eine genaue Diagnostik (ohne irgendwelche offenen oder versteckten Vorannahmen und Suggestionen, die immer auch zu einer Reinszenierung von Missbrauchsituationen - dann zu narzisstischen Gratifikation des "Therapeuten" dienend - führen können) und verantwortungsortungsvolle Therapieplanung unter Einbeziehung aller beteiligten Menschen und "Dimensionen".

Mit freundlichen Grüßen an alle

 

Antworten von Frau Anne M. Lang zur Diskussion um das Thema: Anregung zu Arbeit mit Borderline-KlientInnen

 

Sehr geehrter Herr .....,

mit fachlichem Genuss habe ich Ihre Mail zum Thema gelesen! Ich kann Ihnen nur voll bei diesen Ihren Ausführungen zustimmen- dies nicht nur für das aktuelle Fallbeispiel, sondern eigentlich für viele Fallbeispiele der Liste:

-Vermeidung einer vorschnellen Etikettierung mit einer psychiatrischen Diagnose als eine wesentliche verantwortliche Aufgabe

-Obacht vor Reinszenierung von Stigmatisierung und dysfunktionaler Rollenidentifikation

-simple Verweise auf "psychische Traumata" als Ursache hilft gerade nicht weiter

-Keineswegs weisen alle dieser Patienten solche Erlebnisse in ihrer Biographie auf und bei den anderen geht es nicht um ein allgemeines immer in gleicher Weise wirksames Trauma sondern um die ganz spezifischen Beziehungsaspekte ihrer Erlebnisse.

-verantwortungsortungsvolle Therapieplanung unter Einbeziehung aller beteiligten Menschen und "Dimensionen".

Allerdings machen Sie dann Halt bei der psychischen Diagnose selbst! Warum das? „Menschen, die nach den ICD-10-Kriterien an einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ leiden“. Aber psychische Diagnosen generell sind eben keine Wahrheit (wie vielleicht TÜV-Diagnosen für ein Auto), sondern suggestive Konstruktionen. Psychotherapeuten, auch Psychiater, die psychotherapeutisch ausgebildet arbeiten, beginnen, Diagnosen kritisch zu betrachten. Sie stellen Sie in Frage, aber gehen dennoch im Kontext danach vor d.h. prägen darüber unweigerlich Wirklichkeit ebenfalls mit. (siehe Bestsellerautor Manfred Lütz „Irre- wir behandeln die Falschen“) Darin liegt doch eine anderes begründete Inkonsequenz.

Ich beobachte weiter, dass Therapeuten aus therapiefremden Berufsgruppen mit schneller bzw. ohne fundierte breite Psychotherapieausbildung gerade von Diagnosen und deren Gehalt überzeugt sind und sehr schnell und global darauf bezogen Behandlungstools verhandeln. „Was macht man bei Fall Diagnose x oder bei von mir hier so dargestellter Geschichte y?“   Ich selbst finde es psychotherapeutisch und hypnotherapeutisch verantwortungsvoll, konsequent Diagnosen als Konstrukte mit ihren Nachteilen zu sehen. Diagnosen haben m.E. eher eine kontextspezifische Begründung. Diesen Kontext Psychotherapie - mit Orten, Rollen, Ausbildungen, Weiterbildungen, Zulassungen, Fachautorität-  sehe ich durchaus als sinnvoll an, wenn er seinem Zweck dient. Er muss sich aber nicht auf Diagnosen begründen.

Gerade M. Erickson, den Sie ja  für die Psychotherapie zitieren, gründete seine Psychotherapie jedoch nicht auf Diagnosen oder darauf bezogene feste Tools. Er gründete sie auf Anwendungsprinzipien, Haltungen, hypno systemischer Kommunikations-und Wirklichkeitsbildung und fundierten Lebens-und Berufs-Erfahrungen.    

Viele Grüße Anne Lang

 

 

23.) Ablehnung durch Krankenkasse Ressourcenorientierung/Pathologieorientierung (24.08.2010)

 

Bei mir ist erstmalig ein an Parkinson erkrankter Klient. ..........Zu mir ist er gekommen, weil er ca einmal monatlich eine Unterstützung im - sehr intensiven und hochmotiviertem Gespräch, auf das er sich immer vorbereitet - sucht. .....Meine Frage betrifft die Kostenerstattung. Der Klient ist privat versichert. Der Gutachter hat meinen Antrag auf Kostenerstattung der Psychotherapie abgelehnt.............Für dem Gutachter jedoch stellt "eine Parkinsonerkrankung keine Indikation für eine Psychotherapie das. Gemäß § 22, Abs.2, Satz 3 der Psychotherapierichtlinie, kann eine Indikation im Zusammenhang mit somatischen Erkrankungen nur dann bestehen, wenn eine seelische Krankheit als Folge schwerer chronischer Krankheitsverläufe vorliegt und sich ein Ansatz für die Anwendung von Psychotherapie bietet". ......Die von mir genannten Behandlungsziele erkennt er nicht an und scheint eine psychotherapeutische Unterstützung für den Verlauf einer chronischen Erkrankung für sinnlos zu erachten. Mein Klient hat "leider" keine schwere Depression.

 

Antworten von Frau Anne M. Lang zur Diskussion um das Thema:

Ablehnung durch Krankenkasse Ressourcenorientierung/Pathologieorientierung

 

Sehr geehrte Frau....,

natürlich können es sich Patient und Therapeutin intensiv vorstellen, dass die Störung schlimmer ist, dass die Wirklichkeit gedehnt wird ins Negative.

Menschen können sich alles Negative vorstellen- das ist doch die Aussage u.a. auch der Hypnotherapie.

Auch für Paul Watzlawick, gefragt am Ende seiner langen Forschungs- und Therapiezeit ist die Als-Ob-Suggestion" die stärkste therapeutische Intervention. (Dies beschrieben im Buch von Peter Hain: Das Geheimnis therapeutischer Wirkung)Verstehen Sie bitte allein schon deshalb (ganz zu schweigen von therapeutischer Seriösität und Glaubhaftigkeit vor dem

Patienten) meinen entschiedenen fachlichen Einspruch vor diesem Vorschlag!

Er wird auch nicht besser dadurch, dass ich weiß, dass das einige Kollegen tun. Wir sollten es bei aller Hilfsbereitschaft lernen, die Settingsbedingungen klar zu stellen.

Viele kollegiale Grüße

Anne Lang

 

Sehr geehrte Frau ...,

vielen Dank, dass Sie das Thema nochmal aufgreifen. Zum Verständnis, es geht aber hier um 2 unterschiedliche Dinge:

1. Ich widersprach dem Vorschlag, einen Patienten zum Sich-kränker-fühlen-Vorstellen" bewusst -wie vorgeschlagen- oder aber auch nur unbedacht unbewusst einzuladen, damit Diagnose und Bericht nach den Kriterien zu schreiben sind. Da denke ich, dass die Psychotherapeutin selbst die Aussprache mit dem Gutachter suchen soll bzw. den Patienten darin unterstützten kann, bei seiner Kasse vorzusprechen. Im vorliegenden Fall sehe ich da in beiden Stellen Möglichkeiten.

2. Wichtig ist aber auch die von Ihnen von dieser Anfrage abgeleitete

Diskussion: Ressourcenorientierung oder Pathologieorientierung, was trifft zu?" Diese Frage ist unentscheidbar. Da gibt es keine Wahrheit. Ist man pathologieorientiert, dann gestaltet sich die Wirklichkeit so fokussiert bis hin in Datenerhebung, Verläufe, Prozesse, Sprache, Kommunikation, Suggestionen usw.. Dann ergeben sich natürlich dadurch klar Diagnosen, wie Sie schildern: multiple Persönlichkeitsstörung usw.. Diese sich aus der Orientierung vielfältig ergebenen Suggestionen führen somit sehr schnell auch zu festen Wirklichkeiten, die aber keine Wahrheiten sind. An dieser Stelle klingt aus Ihrer Mail heraus, wie schnell Diagnosen aber auch von Fachleuten als wahr angenommen werden. Das heißt aber nicht, dass sie wahr sind, sondern kontextbezogen sozial kommuniziert.

Ressourcenorientierung ist ein ebenso epistemologisch berechtigt abgeleitetes Denken und eine Haltung, die Systemisches und Ericksonsches, eben Hypnosystemisches, mit einander teilen. Diese Epistemologie brauchen wir in jedem Fall wieder viel mehr in den Kontexten der Psychotherapie und sie ist originär im psychologischen Denken vorhanden. (Carl Rogers, M.

Erickson).

Viele fragen eben auch: Vielleicht geht beides, Ressourcenorientierung und Pathologieorientierung?" Nur wenn man Ressourcenorientierung als Methode- was Sie eben nicht ist- nimmt, dann kann man mal methodisch ressourcenorientiert, mal anders vorgehen, aber man bleibt dann im Pathologiezusammenhang. Meiner Erfahrung nach hebt sich das dann günstigstenfalls auf. Erickson hatte da eine klare Position. Es ist evident, dass einem Patient, der natürlich problemorientiert kommt, grundsätzlich in dieser seiner Lage und Wirklichkeit respektvoll begegnet wird. Spannend wird es aber dann sehr schnell dabei, wie und wodurch die Psychotherapeutin das macht und im gemeinsamen System mit ihm in einen Prozess geht. Das beginnt direkt im Kontakt und unterscheidet sich und bringt eben auch unterschiedlich günstige Fakten hervor.

Nachdenkliche Grüße

Anne Lang

 

Lieber Herr .., liebe Liste,

ich freue mich, dass Sie das Thema aufgreifen, da es unsere Aufmerksamkeit verdient. Ich finde, wir sollten vielmehr in der Psychotherapie die Pathologie-Frage diskutieren und uns ihrer Suggestion bewusst sein. Das auch dann, wenn Ressourcenorientierung einer systemischer und hypnosystemischer Prägung unantastbare Wahrheiten wie Diagnosen, Modelle, Befundberichte und ihren Wahrheitsgehalt in Frage stellt. Daher halte ich es auch aus mehreren Gründen wie vorgeschlagen eben für nicht angebracht, mit Patienten alte Befundberichte zu lesen - es sei denn im besonderen

Utilisations- oder Kontextfall. Und natürlich haben Patienten mit alten Diagnose-Identitäten gerade ein zusätzliches Problem. Das genau ist ja verschärfend suggestiv das Problem, was entstanden ist und zu lösen ist.

Jetzt lässt dieses Listen-Medium nur Verkürzungen zu und insofern kann nur verkürzt argumentiert werden. Daher möchte ich klarstellen: Es geht mir hier bitte nicht um vordergründige leichtfertige das Leiden ausblendende Schönrederei. Es geht mir um fundierte Psychotherapie, in der ich mich - durch mehrere abgeschlossene Therapieausbildungen (GT, VT, TP, ST, Hypno) breit aufgestellt - beheimatet fühle, und es geht mir um einen Kontext, in dem ich seit 30 Jahren mit Patienten aller psychischen ICD-Diagnosen arbeite. Ich kenne die Arbeit vieler Kollegen aus Supervisionen und kenne mich damit aus, wie Psychotherapiearbeit heute angewandt wird. Gerade erst aus der Kenntnis der Relativität von Modellen und ihren Implikationen, aus systemisch erweitertem Fokus auf den Gesamtkontext und natürlich aus hypnosuggestiver Erfahrung kommt meine Deutlichkeit zum Thema.

Ihre Meinung im Punkt 1: Pathologie....Um dem erlebten Leiden der Patienten(sic!)Raum zu geben und es zu würdigen .."). Meine Entgegnung:

Leiden ist k e i n e Krankheitsdiagnose und k e i n e Pathologie!

Leiden gehört auch zum Leben und ist darin eine Erfahrung und Ressource. Es wird dann ein Problem, wenn ich denke, es darf nicht vorkommen, andere haben das nicht, ich bin schlecht im Nehmen, ich habe es, weil ich was falsch oder nicht mache oder weil dem etwas zu Grunde liegt, was ich ergründen muss und worauf ich noch nicht gekommen bin, weil ich meine Bedürfnisse nicht achte oder übertreibe usw. Es geht also um das Wie" nicht um das Was". Wir befinden uns also im Bereich der Verarbeitung von Wirklichkeit. In der Psychotherapie geht es dann fachlich darum, wie geht damit der Behandler, der Patienten und der Rahmenkontext um, d.h. wie wird dort jeweils wahrgenommen, wie eingeschätzt, wie bewertet und beurteilt und daraufhin bezogen kommuniziert und gehandelt. Ich denke eben, wir sollten in der Psychotherapie mit erlebtem Leiden(sic!)per se nicht anders als sonst umgehen. Es ist schon zum geflügelten Wort geworden, das Leid würdigen".

Das teile ich so nicht.

Ihre Meinung in Punkt 2: Um herauszufinden, was die Patienten w i r k l i c h quält und sie an der Befriedigung ihrer Bedürfnisse hindert…". Meine

Entgegnung: Das ist ungewollt eine Problemtrance-Induktionsfrage, die natürlich entsprechend wirkt!

Ihr liegen Modell-, Behandler-Hypothesen zugrunde, die zu reflektieren und in ihrer Bedingtheit in Frage zu stellen sind. Sie sind auch iatrogen kritisch zu diskutieren. Das würde ich tatsächlich nicht so machen.

Hypnosuggestiv haben wir hier also 3 Fokussierungen mit Implikationen, wirklich", quält, hindert an der Bedürfnussbefriedigung", und das in einem psychotherapeutisch bedeutsam besetztem Kontext. An diese zugrundeliegende Wahrheit, es gibt etwas Festes, das mich quält und zu ergründen ist und hindert mich an der Befriedigung meiner Bedürfnisse", daran glaube ich tatsächlich nicht. Das kann man so heute nicht mehr behaupten nach den Ergebnissen der Erinnerungsforschung, und psychologischen Verarbeitungsforschung. Um nicht falsch verstanden zu werden, ich kenne bewegende Lebensschicksale und kann mit Menschen trauern und leiden, aber ich schicke sie nicht in die Vorstellungen bzw. fiktive Ergründung z.B. von Qualen, da es hier keine hypothesenfreien Antwort gibt.

Ihre Meinung im Punkt 3: In der Kommunikation mit den möglichen Kostenträgern der Behandlung in ernsthafter Würdigung von deren Rolle als K r a n k e n - und nicht als Selbsterfahrungs-Kassen". Meine Entgegnung:

Krankenkassen sind für mich eben sehr ernsthaft Krankenkassen.

Darin liegt ja gerade auch das Dilemma, welches sie aber als Krankenkassen eben nicht selbst lösen können. Sie sind für Krankheiten zuständig. Aber psychische Krankheit" ist medizinisch-naturwissenschaftlich nicht ausreichend zu fassen, die Diagnosen folgen den vorhandenen Modellen und neue Modelle, wie systemische Vorstellungen von psychischen Situationen kommen darin nicht vor. Das ist ja schon bei vielen somatisch-medizinischen Diagnosen das Handicap. Wie viel Substanz haben psychische Diagnosen? Wann enden sie? Wie behandler-, situations- und zustandsabhängig werden sie gestellt und beantwortet? Welche Faktoren sind damit mit zu berücksichtigen?

usw. Da bräuchten eben die Krankenkassen von uns Psychotherapeuten, die das Psychotherapeutengesetz noch nicht bringen konnte. Ich würdige nicht den historischen Stand der Krankenkassen mit bis in die Behandlung hinein gehende Implikationen, wenn mehr psychologisches Fachwissen doch vorhanden ist.

Statt mit Würdigen halte ich es gern mit dem Respekt vor dem Patienten und der Respektlosigkeit vor Diagnosen. Siehe auch das alte immer noch aktuelle Buch von Gianfranco Cecchin: Respektlosigkeit, Carl Auer. Ich habe aber auch großen Respekt vor unserem Kontext Psychotherapie (hier im doppelten Sinne von Achtung und Verantwortung) und vor den Implikationen unseres psychotherapeutischen Handelns.

Viele Grüße

Anne Lang

 

22.) Wirklichkeitsbildung und Philosophie (30.06.2010)

 

Sehr geehrte Frau Lang! Sehr geehrte Listenteilnehmer!

 

Sie sprechen in der Diskussion sehr wichtige (ich denke nicht nur für mich) Aspekte an. Ich danke Ihnen nicht nur für Ihren fachlich sehr gewichtigen (auch hier hoffe ich, nicht nur für mich) Beitrag, sondern für Ihr "zurück zum systemischen Gut", besinnen auf systemische Philosophie.

Es ist mir sehr wohl bewusst, dass diese Form der kollegialen Intervision ihre Nachteile hat. Meine Kollegin, z.B. lehnt jegliche Art an virtuellem Umgang strickt ab ("ist doch abartig, man kann überhaupt nicht miteinander in Beziehung treten!"). Ich sehe das anders. in meiner Schilderung (und das geht sicherlich jedem so, der sich entschieden hat, einen Fall vorzustellen) war ich auf ein Kompromiss eingegangen zwischen, ja, "Kürze und Würze". Wie kann ich in einer Mail alles, was gelaufen ist, mitsamt Kontext, Vorgeschichte, Gefühle, Fragen usw.

einbringen? Unmöglich. Ich (jeder) bringe lediglich ein Fokus aus dem Beratungskontext, genau wie Sie schreiben: "... was fokussieren die Kollegen, die ... durch Ihre .... Unsicherheit, aber auch Sympathie wiederum fokussiert sind?". Das spannende aber für mich ist, warum habe ich gerade das fokussiert? Warum haben die Kollegen, wiederum gerade so reagiert? Wie sind diese Wirklichkeiten entstanden?

Was für mich aber von unschätzbarem systemischen Wert ist, ist eben dieser Austausch von entstandenen Wirklichkeiten. Einer der Aspekte der systemischen Arbeit ist Neutralität, oder, wie viel zitiert, "respektvoll gegenüber Klienten, respektlos gegenüber Ideen". Und so verstand ich diesen Austausch. Nicht unter: "Was ist richtig, was ist falsch?", sondern was ist möglich.

Was ich gesehen habe, dass ich drauf und dran war, diese Neutralität zu verlieren. Und ohne der Neutralität, denke ich, könnte auch keine kunstvolle Rahmung entstehen. Und so, denke ich, hoffe ich, haben auch die Kollegen es gemeint, als Erweiterung von Möglichkeiten. Und dafür danke ich allen.

Die Erweiterung des Settings habe ich mit ihm besprochen. Heute treffen wir uns zu dritt mit seiner Anwältin. Seine Lebenspartnerin hat sich ebenfalls dazu bereit erklärt, zu einer Sitzung/Sitzungen mitzukommen. .................

 

Ich danke Ihnen ganz herzlich und noch mal an dieser Stelle allen Kollegen, die sich an der Diskussion beteiligt haben.

Mit hochsommerlichen Grüßen

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Thema: Wirklichkeitsbildung und Philosophie (30.06.2010)

Liebe Kolleginnen,

als Hypno-systemisch Denkende & Vorgehende achte ich auf Wirklichkeit, die durch die unweigerlichen  Suggestionen in Sprache und sozialer Kommunikation entsteht. Als Systemikerin beachte ich besonders, was im Beratungs-System entsteht: ich spreche dort mit dem Klienten über das, was dort geschieht. Hypnotherapeutisch beachte ich insbesondere, wie ich im Gespräch schon veränderte Wirklichkeit erzeuge und gehe davon aus, dass Variablen wie Zuversicht, Motivation, Einsatzbereitschaft des Klienten, durchaus auch respektvolle Konfrontation usw. zur Veränderung wichtig sind und weniger meine eigenen Hypothesen.

Über das Beratungssystem hinaus hat der Klient natürlich auch seine relevanten Systeme wie hier das der Partnerbeziehung, das mit der Rechtsanwältin, (was war mit den Schwiegereltern, anderen  Mitmenschen?). Deshalb finde ich es gut, dass die jetzt einbezogen werden, denn so kann zusammen mit relevanten Klientensystemen etwas anderes erzeugt werden. Ich erfrage diese Systemikerin insbesondere bei chronifizierten und gravierenden Situationen und beziehe sie mit ein.

Der Klient hingegen kann natürlich nicht fragen, was war Ihre Frage an die Liste und was haben Sie denn in der Liste über mich geschrieben und was sagt denn diese Liste. Sie erleben sie aber als relevant. Er weiß es in der Regel nicht. Wie haben die Beiträge Sie denn nun verändert hinsichtlich der Einschätzung des Klienten? Ich denke, es geht eben nicht um Ihre Einschätzung hinsichtlich des Klienten, es geht um einen Prozess, der durch ausführliche Auftragsklärung des Klienten zustande kommt und von Ihnen systemisch gerahmt wird. Daraus entstehen meine Diskussionsbeiträge: 1. Die Fragen, die an die Kolleginnen in der Liste gestellt werden, können besser und gewinnbringender dem Gegenüber im relevanten Beratungssystem gestellt werden. Genau dieselben! Hier z.B. Wie weit ist dem zu trauen, was Sie sagen" Diese Frage in einer Haltung gestellt, die die gesamte Glaubwürdigkeit der Situation, das Vertrauen, aber auch Ihre Unabhängigkeit erhöht. Wie erklären Sie sich, dass……" Wie viel Skepsis meinerseits wäre gut?" Diese Frage in einer guten Haltung gestellt bei gleichzeitiger Anerkennung seiner Möglichkeiten. Da gibt es ja was z.B. seine KFZ-Werkstatt aufgebaut zu haben und zu führen. Mit welchen Fähigkeiten haben Sie das geschafft" Wie gehen Sie eigentlich mit Ihren Kunden um? Sind sie da auch spontan und unberechenbar?" d.h. das realistisch einbeziehen, was nicht im Problemfokus ist. Diese Fragen gehören in die Arbeit mit dem Klienten und hierhin gehört auch die Supervision mit dem Klienten hin. (d.h. Draufsicht auf den Prozess): Wie müssen wir zusammen arbeiten, dass es da landen, wo Sie hin wollen" Wie viel Bestätigung und wie viel Konfrontation brauchen Sie dafür? Milton Erickson war Meister darin auch mit schweren Jungs" respektvoll und konfrontierend umzugehen. 2. Die Liste sollte m. M. nach kein Beratungs-System-Element sein, das sehr unbestimmt Einfluss nimmt z.b. durch fern"-diagnostisch beeindruckende Überlegungen. Mich hat gerade zur Mail motiviert, da ich bei diesem spektakulären Fall die Beiträge wenig individuell und das vorhandene Andere und Ressourcenhafte aufgreifend fand. 3. Sie, Frau Müller schrieben, Sie wollten wieder zur Neutralität kommen. Diese ist ja für Systemiker eine Kernqualität, die sie immer wieder neu durch vielfach möglichen Perspektivenwechsel, erkundenden Erfragen erzeugen. 4. Es bleibt also die Frage, wie können wir eine systemische Liste systemisch einsetzten. Vielleicht um das zu verdeutlichen, wäre dann Ihre Anfrage auf folgenden Punkt gebracht. Ich habe meine Neutralität verloren, was kann ich tun?" Dann reden Sie direkt über sich als Beraterin und es wird nicht über den Klienten spekuliert. Meine Vorstellung wäre dann, dass die Beiträge sich weniger diagnostizierend und weniger inhaltlich bewegen als mehr in die Richtung, systemische Beratungskompetenz auszubauen. Sie reden dann z.B. auch über das Beratungssystem aus Ihrer Perspektive, also das, was sie zusammen erzeugen an System. Wie ist das Muster eigentlich in vorliegendem Beratungssystem? Dafür halte ich die Liste schon für wichtig. Ich halte sie auch für wichtig, zu entwickeln, wie geht Supervision systemischer? Das ist ein Unterschied. 5. Und noch einen suggestiven Aspekt überlege ich: Ich denke, wir machen einen Klienten oder Patienten zum Verantwortlichen für sich selbst, indem wir mit ihm direkt über den Prozess reden statt über ihn außerhalb. Ich nenne das Supervision in der Beratung mit dem Klienten". Dies am besten von Anfang an in der Auftragsklärung und weiter im Prozessverlauf. Tauschen wir uns mit den Kollegen über ihn aus, bleibt er die Klient/Patient. Ich glaube, das ist ein echtes Dilemma und das macht suggestiv ein Ende des Patienten/Klienten-Daseins auch schwerer. Viele Grüße Anne Lang

 

21.) Thema: Gewalt, Kontrollverlust (23.06.2010)

 

Liebe Listenteilnehmer!

Ich bitte Sie um Hilfe bei einem Beratungsfall, der mich im Moment sehr beschäftigt. Für Ihre Fragen, Ideen, Ratschläge, Assoziationen, Erfahrungen wäre ich sehr dankbar. Also eben das, was Sie immer machen, ich bin immer sehr fasziniert von Ihrem Ideen- und Wissenreichtum :-).

Ich bin Dipl. Psychologin, arbeite in einem Berufsförderungswerk (Diagnostik, Beratung, Unterricht im Rahmen der beruflichen Rehabilitation), diese Beratung ist jedoch außerhalb meines Arbeitskontextes. Es ist der erste nebenberufliche Fall, für den ich auch Honorar bekomme (daher war meine vorherige Frage an Sie hinsichtlich Rechnung). Ganz offiziell mit Quittung, Rechnung, Steuernummer und Finanzamt :-). Es handelt sich um einen Mann, nennen wir ihn mal Herr F.. Er hat eine reiche Knastkarriere hinter sich, Körperverletzung und Drogen. Seit Jahren sei er clean. Im Moment sind alle Straftaten verbüßt, keine Bewährung mehr, hätte er aber ohnehin nicht mehr bekommen. Alle Register, was Verteidigungsstrategien betrifft, sind gezogen, d.h. für ihn, die nächste Verurteilung wegen Körperverletzung bedeutet die Sicherungsverwahrung. Der Kontakt mit Herrn F. ist durch seine Anwältin zustande gekommen (ich kenne sie privat sehr gut, ihre Ansage war - "du bist die richtige für ihn", hm...), er habe sich Therapie gewünscht. Herr F. steht unter ziemlichem Druck. Auf gar keinen Fall Gefängnis (heißt ja für ihn so gut wie nie mehr raus), es reiche ihm, er wolle ein ganz normales Leben führen. Er könne sich nicht einmal "bei rot die Straße überqueren" leisten. Herr F. ist ein bemerkenswerter Mann. Er hat geschafft, zwischen den Gefängnisaufenthalten sich jedesmal eine funktionierende Existenz aufzubauen. er ist seit 11 Jahren in einer festen Partnerschaft.

 

Inzwischen hat er eine ...junge Tochter. Er hat sich ein Haus gebaut und betreibt eine Werkstatt. .......... Er ist mir sehr sympathisch (darf ich einen Gewalttäter sympathisch finden?). Offen, aufgeschlossen, bemüht, humorvoll, lebendig. Ist sehr wertschätzend, findet immer was gutes, was er über den anderen sagen kann. Bezahlt mal einer wildfremden Oma an der Kasse ihren Einkauf. Entgleist, wenn einer sich über Behinderte lustig macht. Seine letzte Gefängnisstrafe habe er bekommen, weil er zwei Männer zusammengeschlagen hat, die bei einer Party die unglückliche Lage eines betrunkenen Mädchens ausnutzen wollten. Doch es gibt auch eine ganz andere Seite von ihm. Bei der letzten Verurteilung haben sich drei Justizvollzugsanstalten geweigert, ihn aufzunehmen. Auch eine JVA, "wo ganz harte Jungs sitzen". Ein Antiaggressionstraining im Gefängnis habe ihm nichts gebracht. Es wurde ja durch eine sehr junge, äußerst attraktive Frau ("junges Mädel") durchgeführt, er habe die ganze Zeit an was anderes gedacht. Nun ja, zumindest ist er ehrlich :-).

Das Problem, das er schildert, ist der Kontrollverlust. Wenn er zu einer Party gehe und Alkohol getrunken habe, ergibt sich ein Wort das andere, jemand schubst jemanden und dann wisse er nicht mehr. Er komme dann zu sich, wenn er wieder nach Hause fahre und es ihm klar werde, was er gemacht hat. Seine Freunde seien ihm heilig, die haben ja auch seine Lebensgefährtin finanziell und tatkräftig unterstützt, sein Haus mit gebaut usw. Und so, wenn ein Freund bei ihm anrufe und sage, dass er seine Hilfe brauche, so fahre er gleich los. Die Hilfe ist aber bei Konfliktklärungen gemeint, nicht bei Rasenmähen. So hat vor zwei Wochen ein Freund angerufen und gesagt, dass in einer Videothek dessen Freundin belästigt wurde. Herr Friedrich fuhr gleich los und zerlegte dort die Einrichtung (er könne doch nicht nein sagen, ist doch eine ernste Sache!). Er konnte zum Glück eine Anzeige vermeiden, in dem er die Einrichtung dann wieder aufgebaut hat. Es ist wunderbar mit ihm ressourcen- und lösungsorientiert zu arbeiten. Er hat geschafft, ohne Drogen zu leben, hat Hilfe gesucht, aus der Werkstatt Alkohol verbannt, meidet "heiße" Orte, Sonntage sind für ihn Familientage, da wird das Telefon ausgeschaltet, sagte zwei letzte Partys ab und hat die Freunde nach Hause eingeladen. Es sei lustig und stressfrei gewesen. Inzwischen bröckelt langsam auch das Heiligenbild seiner Freunde ("sie verkrümeln sich, wenn's heiß wird"). Herr Friedrich hat einen Freund, zu dem er aufblickt, der die gleiche Kariere hinter sich hat und inzwischen ein sehr erfolgreicher Bauleiter sei. Mit dem redet er viel und der unterstützt ihn nach Kräften, was seine positive, gewaltfreie Entwicklung betrifft. Der sei der einzige, der wisse, "dass ich hier zur Therapie gehe und findet es 'ne klasse Sache".

Sympathisch finde ich, dass er für sich keine Ausreden sucht. Nicht in etwa "er hat mich provoziert", sondern "ich gerate in falsche Situationen und reagiere falsch". So war er bei der Sache in der Videothek nicht etwa sauer, weil er Geld investieren musste, oder jemand ihn anzeigen wollte, sondern ausschließlich auf sich, dass er überhaupt so reagiert hat. Das Ziel sei, "vorher Kopf einschalten", über Entscheidungen nachdenken, sich nicht mehr hinreißen lassen, mehr Zeit mit der Familie verbringen, gesundes Egoismus entwickeln.

Was ihm (und mir) zu schaffen macht, sind der Kontrollverlust und der Druck, was auf ihm lastet (Sicherungsverwahrung). Es gibt keine Rückfalltoleranz. Platt ausgedrückt, wenn er trinken würde und zwei Monate trocken wäre und dann zwei Flaschen Bier getrunken hätte, könnte man immer noch von vorn anfangen. Nicht so bei ihm. Ich frage mich auch, ob ich nicht viel zu oberflächlich denke, ob nicht eventuell eine andere Art der Hilfe für ihn gibt, ein Verhaltenstraining, Verhaltentherapie z.B. Und ja, irgendwie traue ich dem Frieden nicht.

Ich bedanke mich im Voraus und bin schon sehr gespannt auf Ihre Rückmeldungen.

Viele herzliche Grüße

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Thema: Gewalt, Kontrollverlust (23.06.2010)

 

Sehr geehrte Frau Müller,

beim Mitlesen überlege ich wie so oft:

Wie entsteht Wirklichkeit? Wie geht hier ein Prozess zur Wirklichkeitsbildung weiter durch die Beiträge?

Ist Supervision per se gut, wenn sie gut gemeint ist? Bin ich noch in einer systemischen Liste oder wird hier auch unter „systemisch“ nur das Anwenden bestimmter Tools (Z.B.: in diesem Fall kann man nicht systemisch oder lösungsorientiert vorgehen) verstanden statt einer Philosophie?

 

Zudem sehe ich wieder Beispiele von iatrogenen Effekten. Ich überlege übrigens dazu in meinen Seminaren bei Demos in bestimmten Fällen die Demo-Kollegen bei der Nachbesprechung rauszuschicken, seitdem es immer mal vorkommt, dass diese durch Bemerkungen der anderen Teilnehmern in ihrem eigenen guten Prozess behindert werden.  (z.B.: Muss man nicht beachten,

dass es um eine sehr starke Blockierung und Traumatisierung geht. Sehen Sie hier kein Anzeichen einer Persönlichkeitsstörung- man beachte die Implikationen!)

 

Also, zum Prozess in der Liste: Ist das jetzt, nachdem Sie, Frau Müller, die Beiträge gelesen haben, noch der Mann, den Sie beraten? Nein, das Bild hat sich mit den Bildern der Kollegen überlagert. Mit den suggestiven Listenbeiträgen verändern sich das Bild des Klienten und ihr Verhalten zu ihm. Der Prozess ist unabhängig vom Mann auf Ihrer Seite weitergegangen. Beides wurde durch die fremddiagnostischen Einschätzungen (mehr kann es gar nicht sein) und geschilderten engagierten eigenen Kontexterfahrungen (mehr kann es gar nicht sein) der Kollegen geändert.

 

Und was fokussieren die Kollegen, die natürlich auch durch Ihre, Frau Müller, in der Anfrage eingebrachte Unsicherheit, aber auch Sympathie wiederum fokussiert sind? Mir fällt auf, dass interessanterweise vermeintliche Widersprüche fokussiert werden, nicht offensichtlichen

Plus(se) des Mannes wie z.B.  Beziehung zur Frau und Kind. Übrigens wäre systemisch die Frau ja auch ein beziehbar, um mit diesem System zu arbeiten und mehr Perspektiven reinzubekommen!

 

Bei so einem Hintergrund, ist der mitgebrachte Fokus schon einnehmend. Hier in den Beiträgen wird er ganz deutlich der große Fokus, anderes Individuelles fällt weg. Und natürlich sollten komplexe Fälle und Fälle, die sehr kontextspezifisch vorgeprägt sind, von erfahrenen BeraterInnen übernommen werden, die dann weniger davon verunsicherbar und unabhängiger sein können (na ja, hoffentlich). Aber hier: Die Rechtsanwältin traut Ihnen diesen Fall zu. Auch sie wäre eine Perspektive, die einzubeziehen und zu befragen ist, wenn Ihnen der Kontext fremd ist.

 

Ansonsten denke ich, alle Klienten brauchen unsere Unterstützung und Sympathie. Diese sollte uns aber gerade auch wach sein lassen, angemessen zum Klienten in Temperament und Stil, provokativ nachfragend bei Ungereimtheiten und dennoch mit Respekt. In jedem Fall kann Beratung das am

besten, wenn sie unbeeindruckt ist und unbeeinflusst durch Beraterfoki jeweiliger Art.

 Die Arbeit der Beraterin besteht für mich eben nicht darin, in Hypothesen zu denken, nicht in Tools oder etwas tun zu wollen im Sinne von „Was muss ich noch tun, was beachten, was raten Sie mir?“ Wie können denn die Listenkollegen das beantworten ohne auf Ihre eigenen beim Lesen entstandenen

Hypothesen zurück zu greifen? Das sind bei vielen Listenbeiträgen übrigens meine Bedenken.

Vielmehr: Eine Beraterin stellt ganz „einfach“, aber konsequent und kunstvoll die Rahmung bereit, in der sich der Klient selbstorganisatorisch entwickeln kann. Sie stellt Rahmen- und Prozessfragen zur Veränderung. (Zielklärung, Auftragsklärung, Prozessfragen, systemische Perspektivenfragen, Gestaltung des Endes )  

Warum Beratung für Sie? Was wollen Sie in dieser Beratung hier? Was soll am

Ende anders sein? Warum jetzt? Wie soll Beratung denn Ihnen helfen? Usw.

 

Viele Grüße

Anne Lang

 

 

20.) Thema: Nachtrag zu: ungewöhnliche Schmerzproblematik 24.4.2010

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

zu dem Fall, den ich vorgestellt hatte, haben mich einige Zuschriften erreicht (teilweise auch an mich direkt), für die ich mich ganz herzlich bedanken möchte.

Ich selbst habe natürlich auch einige Hypothesen über mögliche psycho-somatische Zusammenhänge, die sich grösstenteils mit dem decken, was Ihr mir geschrieben habt. Ich habe jedoch den Eindruck, dass der Patient sich auf eine solche Denkweise nicht wird einlassen können (Biographiearbeit, Arbeit an Traumata etc.).

Ich möchte gerne versuchen, Kontakt zu ihm zu finden, indem ich seine Symptomatik wirklich ernst nehme und ihn dabei unterstütze, zu untersuchen, ob sich vielleicht doch eine neurologische oder körperliche Ursache finden lässt, die bisher nicht entdeckt wurde. Es gibt ja tatsächlich sehr seltsame neurologische Erkrankungen, die sich sehr untypisch äussern können. Meine Anfrage verband sich mit der Hoffnung, dass vielleicht jemand von Euch da eine Idee haben könnte (danke für den Hinweis auf Neuroborreliose).

 

Vor zwei Jahren habe ich am eigenen Leib erlebt, was für seltsame Symptome eine körperliche Sache machen kann, wenn es auch nur ein "Pipifax"-Symptom war, das nur eine relativ geringe Beeinträchtigung der Lebensqualität zur Folge hatte. Ich hatte zwei Jahre lang Schwierigkeiten mit zwei Zehen an meinem rechten Fuß, die ganz heiß und rot wurden, sobald ich warme Füße bekam. Eine Verstauchung Jahre zuvor an dem Zeh, und eine akute

Entzündungsreaktion auf einen Arnika-Umschlag waren vorausgegangen. Schmerzen und Juckreiz kamen dazu, das war wirklich sehr unangenehm, ich habe zwei Jahre lang immer kalte Füsse haben müssen, habe nur noch offene Schuhe getragen, jede Nacht die Füsse aus dem Bett gestreckt und meine geliebte Wärmflasche nur noch auf den Bauch legen können statt an meine kalten Füsse. Diagnostik auf verkapselte Entzündungsprozesse im Knochen oder Ähnliches blieb ergebnislos, auch Selbsthypnose half mir nicht weiter, auch nicht eine wirklich schöne Geschichte von Bernhard Trenkle. Am Ende kam meine Hausärztin auf die Idee, mich zum Dermatologen zu schicken. Und siehe da: es war ein stinknormaler Fußpilz, sowohl meine Hausärztin als auch der Dermatologe waren sehr erstaunt. Ein paar Wochen Creme drauf, und seither ist es gut. Dieses Erlebnis bestärkt mich doch wieder darin, nicht vorschnell zu urteilen. Ich selbst wäre wahrscheinlich nicht erfreut gewesen, mir psychologische Deutungen meiner Symptomatik anhören zu müssen (traumatische Erlebnisse mit warmen Füssen? was bedeutet es, "kalte Füsse" zu haben?), und war wirklich dankbar darüber, dass meine Hausärztin mich ernst nahm und eine entsprechende Diagnostik veranlasste.

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:
Nachtrag zu: ungewöhnliche Schmerzproblematik 26.04.2010

 

Liebe Frau XY,

ich möchte Ihren Beitrag zum Anlass nehmen, eine originär psychologische Position einzubringen. Sie bezieht sich nicht nur auf Ihren Beitrag, sondern darauf, dass auch in diesem Listenmedium sehr schnell Ferndiagnosen und Fernbehandlungsinputs ausgetauscht werden.

 

Sie schreiben: „Ich habe jedoch den Eindruck, dass der Patient sich auf eine solche Denkweise nicht wird einlassen können (Biographiearbeit, Arbeit an Traumata etc.). Ich möchte gerne versuchen, Kontakt zu ihm zu finden, indem ich seine Symptomatik wirklich ernst nehme und ihn dabei unterstütze, zu untersuchen, ob sich vielleicht doch eine neurologische oder körperliche Ursache finden lässt, die bisher nicht entdeckt wurde. Es gibt ja tatsächlich sehr seltsame neurologische Erkrankungen, die sich sehr untypisch äußern können.“……….. An dieser Stelle hat die Psychotherapeutin tatsächlich eine entscheidende Funktion: Es geht eben gerade darum, nicht vorzupreschen mit Einzelbehandlungsinputs wie Biographiearbeit, Traumaarbeit usw.. , Es geht psychologisch darum, zunächst eine Arbeitsbasis mit Auftragsklärung und Kontakt zu schaffen, um überhaupt den Zusammenhang abklären zu können. Das ist offensichtlich noch nicht möglich gewesen im Kontakt mit dem Pat.. Man kann ja verstehen, dass ein Pat. genervt ist, aber das sollte den Therapeuten nicht ins Agieren bringen. Die Psychotherapeutin hat psychologisch abzuklären, was die Situation ist. Wer hat das veranlasst, und wieso ist er dem gefolgt? (Sie selbst sind ja damals nicht zum Psychologen gegangen, sondern sind es offensichtlich in Eigentherapie angegangen, insofern ist das eine ganz andere Situation. Aber ihr Patient ist bei Ihnen gelandet und Sie haben in dem Rahmen eine Funktion und Aufgabe). Was ist insgesamt die Stimmung, Situation des Pat. und seine Sicht? Er kann in Ihnen ja jemand sehen, der ihm auch weiter helfen kann, aber das wäre mit ihm zu klären. Psychologisches Vorgehen heißt für mich nicht, jetzt psychisch inputmäßig „behandelnd“ loszulegen, sondern einen Rahmen zu schaffen, in dem der Mensch sich und seine Situation versteht. Ich nehme ihn gerade dann sehr ernst, wenn ich ihm darin weiterhelfe. Das kann man in einem Fall mit langer Geschichte nicht mit schnellen Inputs machen, da geht es um Metakompetenzen. Man ist in seiner psychologischen Kompetenz gefragt und in dieser Qualifikation. Und dann kann auch u.U. klar werden, dass da noch körperliche Untersuchungen nötig wären oder es wird klar, dass es eben eine verständliche aber aufzulösende körperliche Fixierung ist. Mir scheint es psychologisch gesehen bei diesem Pat. zu früh – trotz der begrenzten Darstellungsmöglichkeit in der Email - wieder in die körperliche Richtung zu gehen und damit die körperliche Schiene iatrogen zu verstärken.

Wir sind hier in einer Hypno-Liste, in der auch viele medizinische Berufsgruppen vertreten sind. Psychologische Psychotherapeuten können hier ihre Kenntnisse den anderen Berufsgruppen vermitteln.

Viele Grüße, Anne Lang

 

 
Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:
19.) Thema: Gesucht: Buch zu Männlichkeit + Vater 08.04.2010

 

Liebe Listenteilnehmer,

ich bin auf der Suche nach  einem Buchtipp:

Es geht um einen Mann von Mitte 40, der immer noch  starke negative Gefühle gegenüber seinem (vor ca. 7 Jahren  verstorbenem) Vater hat und diesen massiv ablehnt. Und er tut sich  anscheinend schwer damit, selber Mann zu sein, die "Rolle" eines  erwachsenen Mannes auszufüllen. Die Aussöhnung mit dem Vater gelingt ihm  nicht und er hadert damit, was er als Kind und Jugendlicher alles wegen  seines Vaters erleiden musste. Die Vorstellung, selbst einmal Kinder zu  haben, ist eine sehr unangenehme für ihn. Da seine Partnerin einen großen Kinderwunsch hat, möchte er nun gern verstehen, warum er keine  Kinder haben möchte. Für eine Annäherung an dieses Thema würde ihn ein  Buch dazu interessieren - ich denke, dass es für ihn hilfreich sein  kann zu erfahren, dass auch andere Männer dieses Thema kennen.

 Ich  freue mich sehr über Büchertipps zum Thema aus diesem tollen Forum.

 Schöne Grüße

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Gesucht: Buch zu Männlichkeit + Vater 12.04.2010

 

Liebe Frau XY und Listenteilnehmer,

 ...."Da seine Partnerin einen großen Kinderwunsch hat, möchte er nun gern verstehen, warum er keine Kinder haben möchte."....

 Das Thema so einzeltherapeutisch und biographisch anzunehmen hieße u.U. iatrogene Effekte zu erzeugen und einen langen, ungewissen Weg daraus zu machen. Das möchte ich wie folgt erklären.

Suggestiv gesehen würde die Implikation, er will keine Kinder haben, weiter wirken und noch durch Erklärungen untermauert werden. Er hat ja auch schon eigene biographische Erklärungen, es kommen noch therapeutische Erklärungen dazu.

Aber:

Angenommen, er fragt sich: Will er Kinder oder nicht? Jetzt oder auf sein Leben gesehen? Mit dieser Partnerin? Usw. und steht dann dazu...

Angenommen, er geht dabei mit seiner Partnerin in einen offenen Austausch....

...das würde zur Veränderung beitragen. Da müsste er seine Bedürfnisse klären, vertreten, sich in der Beziehung einigen und dann die Konsequenzen leben. Er würde mit seiner Frau, die ja auch damit zu tun hat, und deren Bedürfnisse in Austausch treten.

DAS macht ihn zum Mann und sie zur Frau in ihrem jeweiligen und gemeinsamen Leben.

Das ist auch ein schönes Beispiel, wofür Paartherapie – wenn sie das zu zweit machen wollen- alles gut sein kann.

Schönen Wochenstart

Anne Lang

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

18.) Thema: Erschöpfungssyndrom bei 18jährigem 12.04.2010

 

Liebe Listenteilnehmer,

bisher meist eher passives Mitglied der Liste wende ich mich jetzt mit einem persönlichen Anliegen an Sie:

Mein Sohn( 18 ) leidet seit einem halben Jahr an einem chronischen Erschöpfungssyndrom ( engl. Chronic Fatigue Syndrom, CFS ). Er hat nur 10-20% seiner normalen Energie zur Verfügung; an Schulbesuch ist nicht zu

denken. Eine halbe Stunde spazierengehen ist die maximale Aktivität pro Tag. Nicht nur körperliche Aktivitäten sind anstrengend, auch das soziale Miteinander, wenn es zwei oder drei Personen übersteigt.

Die Medizin ist uns bisher keine Hilfe: Die Blutwerte sind in Ordnung und so werden die Beschwerden als psychovegetative Erschöpfung abgetan. Er ist bei einem Heilpraktiker, der die Symptomatik als chronische

Eppstein-Barr-Virus-Infektion deutet und entsprechend behandelt, bisher leider ohne Erfolg.

Hat jemand von Ihnen Erfahrung mit diesem Krankheitsbild und kann  Hinweise geben, welche Maßnahmen noch ergriffen werden können und was ich als Vater beachten sollte und tun kann?

Für eine Antwort dankbar,

 

 
Antwort von Frau Anne M. Lang:
Erschöpfungssyndrom bei 18jährigem 15.4.2010

 

Sehr geehrter Herr Kollege und vor allem Vater des Sohnes,

Sie stellen schon eine „Diagnose“ in den Raum. Wie ist diese denn überhaupt zustande gekommen? Wie ist die Vorgeschichte? Wie sieht es aus der Sicht des Sohnes aus? Er ist immerhin 18 Jahre, volljährig, eine klassische Zeit der Ablösethematik für alle. Mir wäre bei so einer Anfrage wichtig, wie ist mein Eindruck von ihm im Kontakt mit ihm? Oft zeigen sich da auch noch ganz andere Aspekte. Wie zeigt er sich im Kontakt? Wie sieht er und wie

beschreibt er die gesamte und seine spezielle Situation? Wie erklärt er sich die Situation? Worum geht es ihm? Was sagt er auch, wie er die Eltern erlebt in dieser Situation? Was kann ihn wieder aktiver machen? Was hat ihn müde gemacht? Was sagen seine Freunde, Lehrer? usw. Bitte keine Standardfragen daraus machen, denn die Fragen und die Interventionen entstehen eben im psychotherapeutischen Kontakt und auf Grund einer hypno-systemischen Ausrichtung, wie problematische Situationen entstehen und auch wieder zu verändern sind. (Also, Psychologisches Handwerk, Wissenschaft und Kunst, was eben nicht heißt: Techniken, Rezeptvorgehen bei....)

 

Dann erst kann man weiter sehen. Er wird noch zuhause wohnen. Insofern ist seine Familie als ein relevantes Umfeld und deren Bezugnahmen bis hin zur Bezugnahme auf die Problematik auch zu beachten.

 

Da gibt es immer unterschiedliche Perspektiven auf die Situation, die in der Familientherapie genutzt werden. Wie sieht es die Mutter, Ihre Frau? Bisher war viel von Blutwerten, Hormonwerten usw. die Rede, viel zu wenig von dem jungen Mann und den Mit-Menschen! Grundsätzliches Somatisches ist ja bereits abgeklärt. In diesen schwierig anmutenden Fällen hilft eben meist nicht noch eine weitere, noch mehr differenzierende Untersuchung, sondern eine erfahrene Psychologische Psychotherapeutin. In diesem Falle auch mit systemischer Ausbildung plus Erfahrung, um das System des Problems zu erfassen. Das Beschriebene, die doch beeindruckende Problematik (10-20 % seiner normalen Energie- wer sagt das denn übrigens „Wieviel“?- kein Schulbesuch möglich - wer schreibt krank?) das Alter usw. lässt darauf schließen, dass es insbesondere um ein vernetztes Problem geht. Jetzt ist es für Psychotherapeuten und deren Angehörige nicht leicht, eine geeignete Psychotherapie zu finden. Aber Sie als Vater können für ihn kein professioneller psychologischer Psychotherapeut bzw. psychologischer

Diagnosesteller sein.

Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass meine Worte Sie sehr wohl ansprechen. Stellen Sie sich vor, ein solcher Fall kommt in Ihre Praxis, was machen Sie denn da als Psychotherapeut. Nur bei Ihrem Sohn geht das eben

nicht so fachlich von Ihrer Seite. Schade und gut auch so.

Gute Wünsche

Anne Lang

                                                                                                 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

17.) Thema: Schnitte im Pullover 22.02.2010

 

Liebe ListenteilnehmerInnen,

mein Name ist XYZ, ich bin approbierte Psychotherapeutin in eigener, freier Praxis

und lese seit langem die Listenbeiträge mit großem Interesse und Gewinn. Nun habe ich einen Fall, bei dem ich auf Ihre Hilfe hoffe:

 

Meine Klientin (Asthmatikerin) ist Mutter von drei Kindern (Sohn und zwei Töchter) und Großmutter von sieben Enkeln. Eine Tochter ist auffallend hübsch und tüchtig, die andere war „immer schon“ schwierig. Diese Tochter war vor mehr als 20 Jahren bei mir in Therapie. Sie stabilisierte sich daraufhin und scheint mit ihrem Leben gut zurecht zu kommen. Alle Kinder haben in relativ kurzen Abständen geheiratet. Die hübschere Tochter hat drei Söhne, der Sohn zwei Söhne, die „schwierigere“ Tochter hat einen Sohn und  eine Tochter. Diese sieben Enkelkinder sind im Alter zwischen sechs und elf Jahren, darunter befindet ein einziges Mädchen mit neun Jahren. Ihr Bruder ist das älteste Enkelkind mit elf Jahren. Dieser älteste Enkel war anfangs der Sonnenschein und Augenstern des Großvaters. Heute ist es der jüngste Enkel. Nach Auskunft der Großmutter war ihre „schwierige“ Tochter mit den zwei Kindern von Anfang an völlig überfordert, während die andere mit den drei Söhnen "alles bestens im Griff" hat.  Die Großeltern leben mit ihren Kindern und  Enkelkindern in einem geradezu „paradiesischen“ Clan-Verhältnis, räumlich nahe beieinander, aber doch so, dass jeder sein eigenes Haus, seinen eigenen (erfolgreichen) Lebensbereich hat.  Die sieben Enkel kommen mehrmals in der Woche zu den Großeltern zum Essen und Spielen. Es werden mit der Großfamilie auch gemeinsame Ferien verbracht. Das  Mädchen reitet, die männlichen Enkelkinder spielen mit den Großeltern Golf.

Seit einiger Zeit stellt die Großmutter fest, dass nach den Besuchen der Kinder immer wieder etwas zerschnitten ist. Mal ist es ihre bester Kaschmirpullover, mal war es ein Sofa bei der (tüchtigeren) Tochter. Zuletzt war im Bad eine Kette der Großmutter, in der Mitte durchgeschnitten. Anfänglich waren die Schnitte glatt, jetzt sind sie auch gekrümmt. Die Großmutter sprach mit ihren Töchtern und befragte auch ihre Enkelkinder, die nichts davon wissen wollen. Sie hat das Mädchen in Verdacht. Die Enkelin bestreitet vehement, damit etwas zu tun zu haben. Ebenso ihre Mutter. Da aber auch bei der „hübschen" Schwester, bei der die sieben Kinder ebenfalls von Zeit zu Zeit zum Spielen zusammen kommen, einmal Schnitte in einem teuren Sofa und ein andermal im Kaschmirpullover ihres Mannes feststellen musste, glaubt die Großmutter, dass es sich um die Enkelin handelt. Diese behauptet übrigens Großmutter und Tante heiß zu lieben. Im Haushalt des Sohnes sind bisher keine entsprechenden Vorkommnisse festzustellen, ebenso wenig bei der Mutter der Enkeltochter.

 Es entstand bei der Großmutter der Eindruck, dass mit diesen Schnitten eine Botschaft in symbolischer Form übermittelt werden soll.  Die Großmutter bittet nun um fachlichen Rat, wie sie weiter vorgehen soll. Sie vermutet, dass das Mädchen von den Jungen vielleicht sexuell gehänselt worden ist. Die Jungen mokieren sich in letzter Zeit etwas über sie. Sie will aber das Mädchen nicht aus dem Verbund mit den Jungen heraus nehmen. Die Großmutter möchte die Spannungen beseitigen und wieder Harmonie herstellen. Durch die "geheimnisvollen" Schnitte hat sich inzwischen im Familienverband eine erhebliche Spannung aufgebaut. Soll ich paradox intervenieren und genüsslich vor den Augen der Kinder einen Pulli zerschneiden und die Reaktionen beobachten?  Ich wäre Ihnen, liebe ListenteilnehmerInnen sehr verbunden, wenn Sie mir Interventionsvorschläge machen könnten. - Irgend etwas klingt bei mir an, wenn ich von einem 9-jährigen Mädchen und Schnitten in weiche Wollsachen höre. Ich weiß nicht, ob ich darüber gelesen habe, oder ob es einen Film dieser Art gab. Vielleicht fällt Ihnen dazu etwas ein.

 Vielen Dank und beste Grüße

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Schnitte im Pullover 01.03.2010

 

Liebe Kollegen, liebe Kolleginnen,

jetzt haben Sie, Frau XYZ, doch auch selbst nochmal geschrieben. Als ich aber den Beitrag von Frau ABC am Freitag las, dachte ich, es wäre ein gutes Beispiel, nochmal hypno-systemische Supervision zu reflektieren. Und dann ging ich erst mal ins Wochenende. Heute motiviert es mich doch, nochmal etwas dazu schreiben. Denn das ist was metamäßig Prinzipielles:

Da ich mich im Sinne von systemischer konstruktivistischer Supervision damit beschäftige, möchte ich zu Bedenken geben: Der Eindruck der in der Liste Anfragenden ist zuvor als Ergebnis ihrer Aufmerksamkeit in ihr zustande gekommen auf Grund der mitgeteilten und erhobenen Daten der Klientin/Patientin in einem durch Zeit und Sonstiges Wirklichkeit reduzierendem Beratung/Psychotherapiesetting. Wir vergessen zu schnell, dass wir es immer mit einem ausschnittshaft und reduziert  "Erzähltem" bzw. noch reduzierterem "Geschriebenen" durch die Kollegin Beraterin/Behandlerin dann zu tun haben. 

Darauf reagieren wir dann in der Supervision/Liste mit unseren Vorstellungen und haben natürlich auch suggestiven Einfluss: Gesagt ist Gesagt!

Dessen sollten wir uns immer bei unseren Beiträgen bewusst sein. Selbst wenn Berater/Behandler Beiträge als konstruktiv erleben, heißt es immer noch nicht, dass sie den Klienten helfen bzw. angemessen für ihre Wirklichkeit sind. Dazu müssten wir mehr hypno-systemische Supervision MIT DEN KLIENTEN SELBST MACHEN. Z.B.: "Wie hilft Ihnen das Gesagte? Was bräuchten Sie noch um weiter zukommen?" usw. bzw. "Ich habe mich mit Kollegen besprochen und die sahen es so, wie finden Sie das?"

 Bei Interesse mehr dazu u.a. in meinem Workshop in Bad Kissingen.

 Schöne Woche allen,

Anne Lang

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

16.) Thema: psychogener Harndrang 15.01.2010

 

Liebe ListenteilnehmerInnen,

Mein heutiges Anliegen betrifft die folgende Patientin:

Die 50-jährige Patientin, geschieden, zwei erwachsene Kinder (Sohn 23 lebt in eigener Wohnung beim Vater, Tochter 19, lebt noch bei der Mutter, gerade Abitur) kam in die Behandlung mit dem Anliegen, ihren seit fast 40 Jahren bestehenden permanenten Harndrang, der sie sehr einschränke und ihr Leben bestimme, anzugehen. Ärztlich oftmals schon als Kind untersucht, körperlich sei alles O.K. Sie habe sich bis jetzt damit arrangiert, nun seien die Kinder erwachsen und es sei an der Zeit, sich damit auseinander zu setzen.

Zum biographischen Hintergrund der Problematik: Die Patientin ist zweites (ungewolltes) Kind neben ihrer Schwester (+5) aus der ersten Beziehung ihrer Mutter (+24). Die Mutter trennte sich auch von ihrem zweiten Mann (10. Lj. der Patientin) aufgrund dessen häufiger sexueller Nebenbeziehungen als sie einen neuen Mann kennengelernt und genug Mut zur Trennung gefasst hatte.

Die Patientin litt sehr unter der Trennung der Eltern, der Kontakt zum Vater (+24; selbständiger Bauunternehmer), der ohnehin nur wenig präsent war, wurde sporadisch.

Vor ihrem Stiefvater (+14) hatte sie sehr viel Angst. Er trank viel und häufig Alkohol, brüllte viel. Im 11. Lj. der Patientin wurde er ihr gegenüber sexuell übergriffig (Berührungen, Zwangsbetrachtungen durchs Schlüsselloch), sie zog sich regelmäßig aus Angst ins abschließbare Bad oder ihr Zimmer zurück. Sie schildert ihr Leben mit dem mittlerweile verstorbenen Stiefvater als „unerträglich“, durch sein Trinken und Brüllen habe er die ganze Familie tyrannisiert. „Mit 10 Jahren hat meine Kindheit aufgehört“.

Beziehung zur Mutter ambivalent, Beziehung zum Vater zwischen Enttäuschung und Idealisierung; Stiefvater verstorben.

Alleine lebend, seit der Scheidung nur vorübergehende Beziehungen; sie lässt keine feste Beziehung zu. Nach Abitur und Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau bis zur Geburt ihres ersten Kindes im Alter von 28 Jahren berufstätig, jetzt wieder seit ca. 5 Jahren in Vollzeit.

In den bisherigen Sitzungen haben wir viel biographisch gearbeitet, vor allem Beziehung zu Vater und Mutter, Missbrauchserfahrung durch den Stiefvater, Lebenssituation als Kind insgesamt, viel am Selbstwert und Thema Angst gearbeitet. Sie Symptomatik hat sich leicht entschärft (Patientin meint 15 % Verbesserung).

Ich stelle die Patientin hier vor, weil ich mir von der Kompetenz der Listenteilnehmer Anregungen erhoffe, wie der psychogene Harndrang hypnotherapeutisch anzugehen sein könnte.

Vielen Dank, mit freundlichen Grüßen

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

psychogener Harndrang 18.01.2010

 

Lieber Kollege XYZ,

Sie fragen nach einem hypnotherapeutischen Angehen - gerne möchte ich Ihnen meine spontanen Gedanken beim Lesen Ihrer Mail zukommen lassen.

Grundsätzlich stellen sich mir hypnotherapeutisch beim Lesen von Fallbeispielen oder in der Fallsupervision die Fragen:

Was denken die Therapeuten eigentlich hier: Wie entstehen Veränderung und Entwicklung bei dieser psychischen Problemsituationen?  Was denken die Patienten dazu? Ist das abgeklärt? Was haben die verwendeten Therapieverfahren dafür für Vorstellungen?

Diese Fragen entscheiden darüber, was wir in der Psychotherapie machen. Sie entscheiden auch, was die Patienten in der Psychotherapie machen. Das ist aber meist eben nicht klar - noch viel weniger gegenseitig ausgetauscht. Das beeinflusst aber subtil im Machen und im Mit-Einander-Aufeinander-Reagieren die ganze Therapie. So hat es weitgehende Implikationen für das Vorgehen und den ganzen Therapie- und Entwicklungsprozess. In den Darstellungen des Falls scheint es dann subtil durch, man sieht es auch in den Fragen und Problemen, die auftauchen.

Was tun wir also als Psychotherapeuten, damit Veränderung durch Psychotherapie/Beratung entstehen kann? Sie schreiben, dass Sie biographisch gearbeitet haben. Infolgedessen liegen auch differenzierte biographische Daten vor, weit über das Symptom hinaus zur umfangreichen schicksalshaften Lebensgeschichte. Die Implikation ist, dass hierin  bzw. hiermit die Psychotherapie erfolgt. Dazu gehören Therapie-Wirk-Vorstellungen wie Verarbeiten von biographischen Vorfällen, dessen Integrieren, natürlich auch die Beziehungsarbeit der Psychotherapie usw.  Bei all dem kann Hypnotherapie natürlich auch jeweils hilfreich sein d.h. für diese Situationen andere (und weniger gebundene) Aufmerksamkeiten und andere Bewertung zu erlangen. Unverändert bleibt die Vorstellung, das Symptom hat mit dem ganzen Daten-Geflecht zu tun und ist darüber aufzulösen. Ist das auch die mitgebrachte Konstruktion der Klientin, unter der sie leidet oder will sie einfach nur das Symptom verändern. Das wäre wichtig zu wissen, denn dadurch bestimmt sich das hypnotherapeutische Vorgehen. Wenn die Vorstellung von der Pat. kommt, ist auf ihre spezielle dazu hypnotherapeutisch einzugehen. Sie schreiben, die Klientin sieht 15% gute Veränderung. Hypnotherapeutisch wäre wichtig zu wissen: Wie hat sie das durch die Therapie geschafft und wodurch vor allem? Wie erklärt sie sich selbst diese Entwicklung? Gerade hier kann man hypnotherapeutisch ansetzen: Wie hat sie hinsichtlich Ihrer Lebensgeschichtsdaten deren Einordnung verändert, dass sich das Symptom verändert hat?

Man kann hypnotherapeutisch (Erickson) auch noch ganz anders vorgehen: auf das Symptom bezogen und dessen spezifische Änderung, auf diesen Menschen bezogen mit seinem Erzählten und - gerade auch seinem Nichterzählten-, seinen Werten, seinen Ressourcen, seiner Zukunftsvorstellung, seinen Glaubensannahmen zur Veränderung.

Im Folgenden werde ich meine spontanen Ideen dazu aufschreiben, wohl wissend, dass Sie in einem tiefenpsychologischen Vorgehen andere Prämissen zugrunde legen. Infolgedessen werden Sie die für diese Interventionen notwendigen Daten noch gar nicht erhoben haben können, aber vielleicht Lust bekommen.

Die hypnotherapeutischen Veränderungsvorstellungen von Erickson machen eine Fülle von Interventionsmöglichkeiten und Interventionsmustern auf. Sie setzen allerdings m.E. voraus, dass man eben diese hypnotherapeutischen konstruktivistischen Vorstellungen für Veränderung teilen kann.

Das drückt sich dann grundsätzlich in der Haltung aus, aber auch speziell in den therapeutischen Angeboten, im Befragen und Aufgreifen und in den Feedbackschleifen, die gemeinsam zur Problemauflösung entstehen. Hypnotherapeutisch ist also in jedem Fall darauf zu achten, wie man zwangsläufig suggestiv immer das in der Therapie Entstehende dadurch mit erzeugt, durch das, was man macht und wie man dadurch hypnotisch Aufmerksamkeit lenkt. 

Hier nun einige Prämissen einer Hypnotherapie (Erickson) und dadurch entstehende Interventionsmuster:

1. Prämisse: Die Klientin hat bewusst/unbewusst schon eigene Ressourcen die Situationen zu lösen. Aus dieser Prämisse entstehen Interventionen, z.B. hier: Ressourcen, die in ihrem Körper liegen? Hypnose des Körpers, der Körpervorgänge, der Blase, der Empfindung des Harndrangs. Hier fehlen noch im Bericht entscheidende Daten, z.B. wie die Fixierung genau ist, aus der das Symptom entsteht. Daraus ergeben sich Interventionen hinsichtlich Umstellung der Unwillkürlichkeit des Symptoms in die Unwillkürlichkeit der gesunden Funktionen.

2. Prämisse: Die Klientin hat eine eigene Wirklichkeit mit vielen Aspekten, die bei Veränderung zu berücksichtigen sind. Welches sind Ihre Konstrukte hier? Genauere Beschreibung des „psychogenen Harndrangs“. Wie kommt dieser in ihre Aufmerksamkeit? Führt er auch zum Toilettengang? Wann und wann nicht usw.? Weiter:  Eine 40 Jahre dauernde Situation. Dazu entstehen Suchprozesse ausrichtende Fragen wie: Wie hat Sie sich bisher arrangiert? Wieso so? Welche Bedeutung hat es in ihrem Leben bekommen?  Welche Bedeutung wird die Normalität bekommen? Weiter:  Auf Grund der ausführlich eruierten Vorgeschichte werden Bezüge zwischen Symptom und  dieser Vorgeschichte hergestellt bzw. die Therapie stellt diese her. (Vorsicht iatrogene Effekte - ich arbeite gerade auch an diesem meinem Workshopthema für Bad Kissingen)! Stellt die Patientin sie auch her und wie? Die Konstrukte sind auch utilisierbar, z.B.: Wie kann Sie jetzt in ihrer Lebensphase ihre Vergangenheit anders sehen/verarbeiten und das am Verändern des Symptoms angezeigt bekommen? Weiterhin: Beobachtungsexperimente zur anderen Erfahrung von Wirklichkeit und ihrer selbst: Angenommen, Sie negieren das Symptom (wie möglich?) oder gehen dem Symptom besonders nach, oft, mehr, weniger, oder… Experimente müssen allerdings sehr auf den Pat. abgestimmt sein und können nicht einfach so gegeben werden, damit sie etwas bewirken und nicht weiter nur frustrieren.

 3. Hypnotherapeutische Prämisse: Es gibt immer etwas, das hypnotherapeutisch d.h. aufmerksamkeitsorientierend zu utilisieren ist. Hier nur z.B.: Der Zeitpunkt an dem die Klientin kommt zur Veränderung: jetzt kann es für Sie anders werden. Das könnte genutzt werden /utilisiert werden zur Aufmerksamkeitslenkung in eine zukünftige Entwicklung. Wie sähe eine neue Situation mit gesunden automatischen Abläufen aus? Was ergäbe diese wieder für andere Wirklichkeiten und Möglichkeiten? Wie wichtig wäre ihr das? Was hat sie jetzt zur Verfügung? Weitere Interventionen der Utilisation z. B. solche, die mit der Besonderheit der Patientin oder dieser Therapie zu tun haben….. Worin könnten die liegen…..

4. Arbeit mit der Wirklichkeitskonstruktion der Patientin und Generalisierungen z.B. auch in der Sprache. Alle Interventionen der Fragmentierung. Daraus ergäbe sich z.B. eine Teilearbeit z.B. in Form der Blasen-Befragung bzw. besser der Harndrang-Befragung. Vielleicht auch Mehrfachbefragung: Blase/ Harn/ Harndrang/ Nervensystem….d.h. das müsste zusammengestellt werden je nach Patientenreagieren. Weitere Interventionen der Fragmentierung lägen vielleicht in der Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf Teilerfolge. Woran merkbar, wie feststellbar, wie festhaltbar, wie weiter hilfreich usw. Jetzt von 15% weiter -  wie wird das weitergehen?

5. Prämisse: Wir sind auch von unserer Zukunft suggestiv geprägt:  Wie soll es denn sein? Zielklärung und Vision. Wie soll es denn genau anders sein? Bei dieser Frage wird man oft vom Pat. überrascht und es ist ganz anders als man selbstverständlich und ungefragt vorweggenommen hat. Weiter: Wie ist es denn gelöst worden? Weitere Interventionen der Zukunftsarbeit: Welche Lösung hat der Körper, der Geist, die Psyche zum Zeitpunkt X  in der Zukunft gefunden usw. (Das wäre Zukunftsbefragung kombiniert mit Teilearbeit)

6. Prämisse: Es gibt keine festen psychischen Situationen, sondern wir erzeugen sie mit Aufmerksamkeit, unserer inneren und äußeren Kommunikation darüber, unserer Bewertung, unsere Verknüpfung mit Begründungen, unseren Perspektiven. Daraus entstehen Interventionen wie z.B. Reframen der Situation also z.B.: Das Symptom als Botschaft?  usw. Weitere Interventionen zur Situationskonstruktion. Systemische Interventionen:  Wer weiß darüber? Was hat er dazu gesagt….. bis zum Hausarzt? Weiter: Wann war es in den vergangenen 40 Jahren besser? Wann schlechter? Erklärungen, wieso?

7. Prämisse: Neuorientierung und bedeutsame Neu-Ausrichtung der Aufmerksamkeit durch Metaphern für das Symptom.  Weitere therapeutische Ausarbeitung der Metapher in einen für die Klientin möglichen Lösungsweg. Weiterhin: Fallgeschichten über andere Pat. mit einem solchen Symptom bzw. ähnlichen psychosomatischen S. und deren Entwicklung usw.

8. Aufgaben: (kleine) Aufmerksamkeitsverschiebung, (kleine) Einstellungsverschiebung, etwas anderes Erleben durch anderes Verhalten usw.

9. Natürlich kann die Pat. auch Selbsthypnose lernen und nutzen usw.

Natürlich können die einzelnen Interventionsstränge auch intensivierend kombiniert werden.

Vielleicht schauen Sie auch mal in das Buch von Claudia Weinsprach und Dan Short: Hoffnung und Resilienz, Carl Auer. Hier finden Sie die Ericksonschen Prinzipien seiner Arbeit und die abgeleiteten Interventionen und dies in vielen Fallbeispielen dargestellt. Das ergibt Ideen.

Die Liste ist, wie schon angemerkt längst nicht vollständig, sondern nur spontan erstellt…

Sie merken vielleicht, wir hatten am Bonner Institut gerade den Einführungskurs B1 für 2010 und ich bin noch in Aktion…..

Ihnen viele kollegiale Grüße in die Nachbarschaft

Anne Lang

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

15.) Thema: Verarbeitung der Adoption im Erwachsenenalter 17.10.2009

 

Liebe Listis,

da ich das letzte Mal vor ca. 2 Jahren hier um Hilfe gebeten habe, hier eine kurze Vorstellung: ich arbeite in xy in meiner Praxis mit VT, Hypno, energetischer Arbeit, sowie als psychologische Schmerz- und Sexualtherapeutin.

 Nun zu meiner Frage:

Seit einiger Zeit arbeite ich mit einer Lehrerin (Mitte 50) , die in großen Abständen zu mir kommt. Der Grund war damals (vor 1 Jahr) ihre Stressbelastung bzw. depressive Stimmung ausgelöst durch eine sehr schlimme Scheidung, die bis heute mit enormen finanziellen Folgen noch zu spüren ist. Die Scheidung wurde schon vor einigen Jahren durchgeführt. Die Pat. ist ein Adoptivkind; ihre Mutter hat sie schon als kleines Kind an die eigene Schwester abgegeben. Dies hat die Pat. schon in ihrer Kindheit erfahren. Nun seit vielen Jahren begleitet sie das Gefühl nicht willkommnen und nicht geliebt zu werden. In der letzen Stunde erzählte sie mir, dass sie die Beobachtung jetzt mache, dass sie diese Gefühle besonders intensiv spüre, wenn sie unter großen Stress stehe. Dies ist bei ihr jetzt auch der Fall, die Tochter sei wg. Studium in ein andere Stadt gezogen, die Finanzierung ist äußerst schwierig, die Pat. selbst hat als Hauptschullehrerin einen schwierigen Job, der Ex-Mann macht andauernd Schwierigkeiten. Jetzt aber würde es ihr besonders der Zusammenhang auffallend zwischen Stress und den oben erwähnten Gefühlen. In solchen Phasen fühle sie sich sehr depressiv und habe sogar manchmal Selbstmordgedanken.

 Wer könnte mir mit Ideen für die weitere Arbeit mit der Patientin helfen? Wie könnte ich ihre Kindheit reframen oder so in ihrem Leben umdeuten, dass es diese Belastung bei ihr nicht mehr auslöst?

 Lieben Dank im voraus und ein schönes Wochenende an die ganze Liste

  

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Verarbeitung der Adoption im Erwachsenenalter 22.10.2009

 

Liebe Frau xyz,

 da wir uns ja von der Bonner Weiterbildung her kennen, antworte ich Ihnen gerne, wenn auch etwas verspätet. Ich meine zu Ihrer Schilderung: Die Patientin hat ein festes Lebensskript bzw. den festen aufrechterhaltenen Glaubenssatz „Ich bin nicht willkommen und nicht geliebt“. Das hat sie von der Kindheit her………oder glaubt, dass sie hat……………oder…….wird nachvollziehbar von ihr nachträglich in die Kindheit als dort erfahren hineingelegt. Wie für sie die Kindheit wirklich war und wie auch nicht- kann heute keiner mehr sagen. Aber das ist eigentlich egal -  denn für sie ist es die feste Wahrheit und eine grundlegende Empfindung und es nicht vorbei damit!

Wann war die Kindheit eigentlich vorbei? Wie war es dann später in der Jugend und in der jungen Erwachsenenzeit? Wann ist es anders empfunden worden- Wann war es mal anders?(Zwei verschiedene Fragen)Im weiteren Leben kommen dann weitere Belastungen/Herausforderungen dazu: Scheidung und weiter damit verbundene Probleme, Geldsorgen, Kind geht aus dem Haus usw. In daraus entstehenden Stresssituationen kommen dann diese mit diesem Glauben verbundenen Gefühle hoch. „Ich bin nicht willkommen und nicht geliebt“.

Dass das so oft statisch „hängt“, zeigen viele Patienten. Das kann man auch verstehen. Aber sie will das ändern, sie will in einen Prozess kommen. Was also blendet sie aus, um das so stringent immer wieder sagen zu können? Wie kann man seine Geschichte, sich, die Gegenwart, die Zukunft noch anderes sehen, dass es einem besser bekommt? Welche anderen Glaubensätze würden andere Gefühle erzeugen?

Jetzt kommt die Therapeutin ins Spiel und das ist sehr wichtig. Wie geht sie damit um? Ist sie von diesen Prämissen der Klientin und dieser Logik hypnotisiert? Wie sind ihre therapeutischen Konzepte und Vorgehenskonzepte suggestiv angelegt?

Sie, Frau xyz denken an Reframing. Ok:

Das hieße z.B. ihr zu sagen: „Wie kommen Sie darauf, dass Ihre Lebensgeschichte Sie ausschließlich das Ungeliebtsein lehrt und nicht das frühe Umgehen mit dieser besonderen, sicherlich harten Situation? Mich interessiert übrigens, wie Sie diese damals gestaltet haben? Welches Bild fällt Ihnen dazu ein? Was hat Ihnen damals geholfen? Und wer war an Ihrer Seite? Wenn nicht 100%, dann vielleicht aber ansatzweise usw…. Wie war Ihr heimliches (un)bewusstes Überlebensmotto? Was würden Sie heute dazu sagen?“

Auch direkte Hypnotherapie z.B. mit mentaler Begleitperson in Trance, um detektivisch die andere Vergangenheit zu finden, nämlich die Bewältigungsgeschichte oder dort Wiedergutmachung/ Frieden/ Willkommensein usw.(die Pat. bestimmt was sie braucht) herzustellen. Oder ein anderes Reframing wäre: Wenn damals das Kind seine kindliche Verarbeitung hatte- wie sah die aus? Und wie kann dann heute die Erwachsene mit dieser Lebenserfahrung die heutigen Situationen gestalten? Oder: Angenommen es geht so weiter, was würden Sie am meisten vermisst haben am Lebensende? Und wie könnten Sie dafür sorgen, dass das jetzt in Ihr Leben hereinkommt? Was bräuchten Sie dafür? Hier geht es also mit dem Reframing um eine andere Ausrichtung der Aufmerksamkeit! Hier geht es um Hypnotherapie, die ihre Implikationen beachtet.

Insgesamt halte ich es also für absolut wichtig, was die Therapeutin selbst denkt. Ihre Überschrift: „Verarbeitung der Adoption im Erwachsenenalter“ deutet an, dass Sie eher dort suchen, wo die Pat schon ihr Leiden her begründet. Aber gerade diese „Leidenswirklichkeit“ soll sich verändern und kann auch aufgeweicht werden, wenn man eben diesen, von ihr konstruierten Suggestivbezug erweitert. Ihre therapeutischen Gedanken, wie das geht, sind eine starke Suggestion für Sie selbst als Therapeutin und für Ihre Klientin und dann für den Therapieprozess. Denkt die Therapeutin selbst auch, dass dieser biographische linear-kausale Bezug zwingend ist? Was sieht sie denn anderes an Möglichkeiten in der Patientin und im Umgehen mit dieser inneren Hypnose? Was hat sie für offenere erweiternde therapeutische Angebote für

„suggestions-bezugsgeschädigte“ Patienten, die sich dadurch ihr Leben weiter erschweren und definitiv schwer darunter leiden.

Hier zeigt sich auch wieder, dass Reframing eben nicht mal so eine unvermittelte, isolierte Intervention sein kann und zu jedem anderen Hintergrundkonzept passt, sondern eben nur konsequent und effektiv aus einem hypno-systemischen Hintergrund-Konzept erwächst - dann aber ganz leicht. Und mit Gewinn für die Patienten!

Gute Ressourcenarbeit und kollegiale Grüße aus Bonn

Anne M. Lang

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

14.) Thema: Video "Stopp it"- Utilisisieren 28.09.2009

 

Liebe Liste,

ich habe mir den YOU TUBE Beitrag „Stopp it“ angesehen und fand ihn köstlich! Ich finde es übrigens eine sehr lohnende Supervisionsidee, die eigene Therapie gleich welchen Verfahrens und persönlichen Vorgehens darin zugespitzt zur Persiflage zu überzeichnen. Nach dem Motto: „Wenn diese von mir als Therapeut und dem Klienten zusammen erzeugte Therapie Stoff für Kabarett gäbe, wie sähe das dann überzeichnet aus?“

 

Aber ich wollte auch noch etwas anderes erzählen: Jedenfalls habe ich das Video einem 40jährigen Patienten erzählt, der mehrere Diagnosen aus der Kategorie ICD 10 F 60  mühelos erwirkt und natürlich auch mehrfach bekommen hat, dazu  viel Therapieerfahrung verschiedener Couleur hat, bestimmt auch mehrere Stellen, an denen Stoppen und etwas Anderes erfahren und entwickeln bestimmt gut wäre. Er zeigte sich in den beiden Stunden hier verzweifelt in kritischer hypochondrischer Selbstbeobachtung, festgefahren in verschiedener Symptomatik, defizitär geprägt, gleichermaßen mit hohen Erwartungen an die Therapeutin als auch ambivalent nicht nur auf Grund der bisherigen Erfahrungen.

....Ich habe also spontan das Video erzählt. Ich habe therapeutisch darauf geachtet, seine Aufmerksamkeit zu haben, die schnell da war. Ich habe die Erzählung therapeutisch pointiert vor allem in der überzogenen Gestik der Personen und in der Tonation und in den Pointen des Wechsels z.B. dass ebenfalls die Patientin „Stopp“ zur Therapie und zum Therapeutenverhalten sagt. Der Patient reagiere spontan und zeigte eine ganz andere Seite von sich. Er lachte herzhaft und anhaltend, schlug sich auf die Knie. Ich lachte ebenfalls, auch von ihm angesteckt und als ich dann zu diesem unserem Verhalten wiederum noch dazu fügte „Stopp it“, mussten wir wieder weiter lachen. Dann gingen wir in veränderter Stimmung zu unserer Prozessarbeit mit ausrichtender Auftragsklärung über: .... was für ihn also jetzt hier geschehen sollte -  eine weitere intensive Arbeit. Als wir uns dann verabschiedeten und die Hand gaben, sagte er konzentriert sich noch mal darauf beziehend und wie zu sich sprechend, und er schien es auf mehreren Ebenen zu meinen mit fester Stimme: Ja, Stopp It. Wir schauten uns an, ich wiegte meinen Kopf freundlich fragend hin und her und dann auch bestätigend zuversichtlich und er ging konzentriert versunken „wie in Trance“. Soweit zu diesen mehrebigen Ankern, die indirekt gesät wurden und die der Klient sich aus dieser Geschichte selbst mitgenommen hat. Ich bin gespannt, was er sagen wird, wenn ich nächste Stunde  fragen werde, wie der Prozess seit dem letzten Gespräch weiter gegangen ist....

Gute Utilisationen und Prozesse

Anne Lang

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Nachtrag zum meinem "Stopp it"-Beitrag 30.09.2009

 

Liebe Liste,

damit mein Beitrag nicht falsch verstanden wird:

Es geht nicht (nur) um Spaß und Lachen in der Therapie. Lassen Sie mich als MEG-Lehrtrainerin nochmal ausholen: Es ging um eine Hypno-konstruktivistische Intervention bzw. wie diese Intervention, geboten aus der Utilisation der Stunde, zur Hypnotischen wurde, was sich dann gerade auch am Stunden-Ende zeigte.

Verpackung der Intervention:

Rapport und Arbeit mit der Aufmerksamkeit- Bühne schaffen, damit die Tür für die Intervention auf ist.....

Arbeit auf verschiedenen Sinnesebenen im Angebot.... zur mehrebigen Aufnahmemöglichkeit Markierung und Verankerung durch Rhythmus, Tonation, Gestik, Mimik usw.....

Indirekte Hypnose d.h. "Stopp it" sagt in der Erzählung ein anderer und ich sage es durch seinen Mund.... Pacen der Ambivalenz am Schluss.....

Erkennen und Verstärkung seiner ganzheitlicheren Erkenntnistrance am Schluss.....

Normalisierung- Dehypnotisierung......

Hervorrufen von Eigenverantwortung zur Therapie......mit darauf folgenden Auftragsklärung

Das "Stopp it" war wie beschrieben also auf mehreren Ebenen angesiedelt:

Stopp it zu verschiedenen produzierten Phänomenen,

Stopp it zu Problemzuständen,

Stopp it zu einer abgegebenen Therapieverantwortung in der Sitzung,

Stopp it zu Therapie statt Handeln im Leben

Natürlich wurde nebenbei auch die Stimmung verändert, so dass die folgende

Auftragsklärung intensiver wurde.

Natürlich hat die Therapeutin ihren Patienten anders erfahren.

Natürlich hat auch der Patient sich in der Therapie anders erfahren und im Kontakt.

Natürlich hat das das Arbeitsbündnis gekräftigt.

Natürlich nahm die Zuversicht und Energie zu, was bewirken zu können....usw. 

Insofern geht es wie immer nicht einfach um Interventionen, um Inputs, um das Video anschauen lassen.

 Es geht eigentlich um das spezifisch komplex Hypnotische daran, was dann die Hypnotherapeutin macht.

Dann kommt es weniger auf den Patienten an, dem man so was anbieten kann oder nicht, sondern mehr darauf, wie ich das als Therapeutin suggeriere.

Und dann natürlich darum, was dieser Patient speziell daraus macht.

Und dann wieder, wie ich das als Therapeutin in den Prozess hinein nehme und daran bleibe.

Gute Utilisationen und Prozesse

Anne Lang

 

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

13.) Thema: HypnotherapeutIn Raum Leipzig (Stotterproblematik) 19.08.2009

 

Sehr geehrte KollegInnen,

wer von Ihnen hat Erfahrung in der Hypnotherapie mit Stotterern und bietet dies im Raum Leipzig (eher Stadt) an?

Über den Pat. ist sonst nichts bekannt, da er von einem Kollegen aus einem Berufsförderungswerk vorgestellt wird.

Sie können Sich bei dem Kollegen melden:

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Stottern – Veränderung durch Psychotherapie 20.08.2009

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich möchte die Mail von xyz noch ergänzen in der Frage Hypnotherapeutin bzw. Stottertherapeutin. Für mich wäre es zunächst wichtig, mit dem Klienten zu klären:  Wie sieht der Klient selbst die psychische Beteiligung an seinem Stotterproblem? Wie und wie hoch und worin? Das kann man ihn ja fragen. Bei chronischen Störungen gilt zudem eben auch der systemische Kontext. Also, wie und in welcher Interaktion/ Kommunikation spielt das Problem als Element mit.

Als PsychotherapeutInnen arbeiten wir oft in Bereichen, in denen man an Fachexperten abgeben kann, die dann als solche vorgehen z.B. in der Sportpsychologie an Trainer, in der Psychosomatik an Organmediziner, bei Konflikten/Streit an den Anwalt usw. (Gerade die Anwälte aber gehen stark vermehrt in der Mediation den umgekehrten Weg wieder, nämlich vom Rechtsexperten zu den Klienten als ihre eigenen Experten, die sie moderieren.)

Als PsychotherapeutInnen wissen wir eben, dass zur Veränderung dieses eigene innere persönliche Potential psychisch angeregt werden muss und dafür sind wir Spezialisten.

Insofern kann das „Hebammenbeispiel“ irreführend sein, auch wenn es zunächst suggestiv plausibel klingt. Aber, wenn mit einer Geburt ein psychisches Problem verbunden wird, dann wäre eben eine Psychotherapeutin angesagt.

Am besten ist natürlich, wenn man als Psychotherapeutin viel Erfahrung und dadurch Vertrauen hat in psychotherapeutisch ausgelöste Veränderung und Problembehebung auch von speziellen Problematiken/Symptomatiken. Allerdings glaube ich, dass weniger die Problematik zählt als die Therapiekunst, individuell Klienten anzuregen in die Veränderung zu gehen. (Erickson: Ich ändere niemand, ich stelle den Rahmen bereit, indem sich jemand ändert)

Fachexpertentum hat sich in letzter Zeit aber auch in der Psychotherapie ausgebreitet. So bekomme ich Patientenanfragen, die zusätzlich eine Therapie suchen für Depressionen und dabei erzählen, sie sind bei einem Kollegen in Therapie gegen ihre Ängste. Oder sie machen Analyse und brauchen noch Hypnosetherapie für die Schmerzproblematik.

Also, wir Psychotherapeuten sollen darüber reflektieren, wo wir ansetzen und was wir tun, um Veränderung  auszulösen, Störungen zu beheben. Das geht weit über Toolsammlungen hinaus und weit über die Frage hinaus, was mache ich bei Problem x. Im Mo/Di- Seminar zur Ressourcenorientierten Beratung habe ich gerade daran mit den Teilnehmern gearbeitet: Was sagen wir Klienten, Fachexperten, Fachärzten usw. auf die Frage „ Wie bewirkt Psychotherapie Veränderung, wie bewirkt Psychotherapie die Veränderung von (speziellen) Symptomen.“

Das in Worte zu fassen ist nicht so einfach, fördert aber unser Bewusstsein dafür. Vielleicht beinhaltet ja auch das Bonner Seminar mit dem provozierenden Titel: „Jetzt hilft nur noch Hypnose“ am 18./19.09.09 dazu für Sie Anregungen?

Viele Grüße

Anne Lang

 

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

12.) Thema: 7-jähriger mit "Fleisch-Ekel" 09.03.2009

 

Liebe KollegInnen,

ich möchte euch um Geschichten oder Anregungen zu folgendem Anliegen bitten:

7-jähriger Junge, seit 2 Jahren hat er sich entschieden, er wolle kein Fleisch essen. An sich problemlos, auch aus Sicht der Eltern, seit ca. einem halben Jahr reagiert er aber mit starker Übelkeit (er muss vom Tisch weg und sich auf den Boden legen, wenn jemand am selben Tisch oder neben ihm Fleisch auf dem Teller hat. Es stört ihn, dass es so ist, weil er im Fussballclub ist und im Frühling ins Fussballferienlager möchte (wo natürlich Fleisch auf dem Teller der Tischnachbarn liegen wird.)

Ich hatte bisher keinen freien Termin für ihn (erst in 10 Tagen) und habe deshalb die Mutter am Telefon beraten für eine "Vorstufe" vor dem Ersttermin. Die Eltern finden, ihr Kind sei vollkommen normal und ein zufriedenes normal entwickeltes Kind ohne "psychischen Schaden oder so", bis auf das beschriebene Symptom, und sie haben von mehreren Therapeuten Absagen bekommen auf ihr Anliegen, dieses Symptom zu behandeln, mit dem Hinweis, das brauche eine längere, regelmäßige Behandlung, also eine richtige Psychotherapie. Die Eltern möchten aber VT oder Hypnotherapie. Der Junge selbst ist motiviert für eine Veränderung.

Meine Anregungen bisher:

- Er solle ein Forschungsprojekt machen, bis wir uns sehen, um genauere Unterschiede herauszufinden: Was ist am schlimmsten, was am wenigsten schlimm als Anblick auf dem Teller? (Schnitzel? Bratwurst? Salami, Blutwurst etc.)

- Er kann mit der Mutter einkaufen gehen und die "Ekelskala" in der Metzgereiauslage oder im Schaufenster überprüfen.

- Vorstellung, in ihm drin sei irgendwo ein Sensor "Fleisch", der sehr aufmerksam und empfindlich eingestellt sei, und er solle sich mal überlegen, wie dieser Sensor aussieht, ob mit Regler, oder Knopf, und wie man den einstellen könnte, worauf er genau reagieren solle und worauf nicht. (oder so ähnlich)

Meine Vorstellung war, dass ich damit "die Bühne bereite" für den ersten Termin, zu dem er mit seinem Vater oder seiner Mutter kommt.

Ich würde gerne mit ihm dann über seine Erfahrungen sprechen und Ziele formulieren, und ihm gerne eine passende Geschichte erzählen.

Hat jemand eine Idee dazu?

Und, zu meinem Vorgehen - wenn jemand etwas sieht, das ich übersehen habe, oder das es zu beachten gilt bei einer solchen Geschichte, bin ich dankbar für Anregungen.

Herzliche Grüsse und schönen Abend allerseits

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Fleischphobie: Hypnosystemische Psychotherapie 9.03.2009

 

Sehr geehrte Herr/Frau XYZ,

mich motiviert Ihr Bericht, spontan meine Gedanken zu diesen speziellen Mailauszügen zu senden: „…mit dem Hinweis, das brauche eine längere, regelmäßige Behandlung, also eine richtige Psychotherapie. Die Eltern möchten aber VT oder Hypnotherapie. Der Junge selbst ist motiviert für eine Veränderung.“ Und: Ihre Anregungen bisher vor dem Gespräch: - Er solle ein Forschungsprojekt machen, bis wir uns sehen, um genauere Unterschiede herauszufinden: Was ist am schlimmsten, was am wenigsten schlimm als Anblick auf dem Teller? (Schnitzel? Bratwurst? Salami, Blutwurst etc.)…….“ Überlegenswert scheint mir:

Eine richtige Psychotherapie ? – Was heißt das und für wen? Für mich heißt .. effektive psychotherapeutische Hilfe zur Veränderung dieses einengenden kontextbezogenen Zustandes und seiner sich daraus ergebener Kommunikationsmuster. VT und Hypnotherapie gelten ja als „richtige Therapien“…... TP auch und Systemische Therapie jetzt auch und… Aber wie effektiv sie dann auch in der Tat sind, bestimmt dann eben der Gebrauch und die Erfahrung der Therapeutin und das Miteinbeziehen und Mitwirken des Klienten. In diesem Fall ist ja beim Jungen schon Motivation gegeben – wie gut!

 Ich würde denken, eine effektive Psychotherapie, die dem Kind hilft aus diesem Zustand herauszukommen,  benötigt  hypnosystemische Psychotherapie mit dem Kind und der Familie. Auf die Länge kommt es dabei nicht an, sondern auf das effektive Anstoßen des Veränderungsprozesses bei Kind und Familie. Letzteres deshalb, da es sich um ein Kind handelt und es schon um eine längere Situation geht, bei deren Entstehung Kind und Familie mitwirken müssen.

Zum Bisherigen: Ich finde es riskant, ein Tool wie hier eine „Beobachtungsaufgabe“ zu geben ohne, dass sie sich aus einem psychotherapeutischen Gespräch heraus entwickelt und eben daraus heraus für alle stimmig ist. Genau das „passiert“ ja oft der „Paradoxen Intervention“ und dann wird sie zum Humbug. Ich finde überhaupt -  auch wenn das gegen den beliebten Trend ist- Tools sind auf dem Hintergrund des zugrunde liegenden Verfahrens und aus der Therapiearbeit heraus anzubieten, sonst kann damit alles Mögliche geschehen. Sie sind schlimmstenfalls kontraproduktiv (hier

z.B. könnte eine weitere Fixierung entstehen… immer an Metzgerläden stehen zu bleiben und zu ...) oder können nicht ernst genommen werden (hier z.B. was ein Quatsch die Psychologen machen)  und sind schlechterdings untauglich gemacht für den richtigen Einsatz (z.B. das hatten wir schon mal und das war nicht hilfreich....) usw.

Also, wie müsste hier die Sitzung laufen, was müsste erhoben werden, wie müssten die Klienten reagieren, dass dann diese Aufgaben-Intervention – mit Rapport und Bedeutsamkeit aufgeladen- am Sitzungsende oder auch im Verlauf erst zur relevanten Aufgabe werden kann.  Eine Beobachtungsaufgabe in der Hypnotherapie könnte aus einer Sitzung entstehen, in der 

•             (Aufmerksamkeits-)Zustände durch erweiternde Befragungen und indirekter

               Hypnokommunikation erweitert wurden

•              Problemtrancen erhoben und aufgelöst wurden durch erweiternde Befragungen

               und indirekter Hypnokommunikation. …….. Wie kann der Junge das Symptom

               herstellen? Was kommt da zusammen und wer oder was kann wie noch dazu

               beitragen?

•              Aufmerksamkeitsfokussierungen und daraus erwachsenen Erklärungen,

               Handlungen, Kommunikationen der relevanten Bezugspersonen  erfragt wurden im

               Weiteren würde ich die Entwicklungen im Veränderungsprozess von allen mit

               verfolgen „lassen“. Ich würde also im Hypno-familientherapeutischen Setting

               arbeiten, einmal mit dem Kind (hier auch je nach differenzierter Zielklärung und

               Vorarbeit mit  darauf ausgerichteten Tranceritualen und Selbsthypnoseanleitungen)

               und auch immer wieder mit Kind und seinen Eltern, um die neuen Entwicklungen

               zusammen im System zu integrieren.

 

Viele Grüße

Anne Lang

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

11.) Thema: Hashimoto-Thyreoiditis 11.02.2009

 

Liebe Listenteilnehmer,

eine 19-jährige Schülerin, die seit Mitte 2006 diese Diagnose hat, ist bei mir wegen der Schwindel- und Angstattacken, starken Stimmungsschwankungen und großer Verzweiflung, weil sie ihrem Körper nicht mehr trauen kann. Sie wagt sich wieder mehr ins Leben, ist aber ärztlicherseits schlecht versorgt: ihre Symptome werden auf ihre Psyche "geschoben" und letztens wurde ihr ein Neuroleptikum gegen die Angstzustände verordnet, was sie selbst wegen der Nebenwirkungen absetzte.

Meine Fragen: wo gibt es Spezialisten für diese Erkrankung bei Heranwachsenden? Wer hat Ideen zur hypnotherapeutischen Arbeit mit dieser Autoimmunerkrankung? Mit der jungen Frau lässt sich gut hypnotherapeutisch arbeiten.

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Zusammenarbeit PsychiaterIn und PsychotherapeutIn: Hypnose vor der Hypnose

12.02.2009

 

Liebe/r Frau/Herr XYZ,

zu dieser Erkrankung möchte ich folgende Fallerfahrung berichten:

Ich hatte letztens eine Patientin, die mit der Symptomatik vor Jahren in einer Psychiatrie war und dort mit der Diagnose "Affektive Psychose" behandelt wurde - volles Programm: Medikation, Sozialarbeit, Psychoedukation suggestiv auf Psychose ausgerichtet. Viel später kam bei einer Blutuntersuchung und weiteren Schilddrüsenproblemen dann heraus, dass sie an dieser Erkrankung litt. Für die Patientin war das eine zweite Geburt und die psychotherapeutische Herausforderung bestand für sie in der Bewältigung dieser Fehldiagnose bzw. verkannten Diagnose, die einen Beziehungsabbruch, Berufsveränderung -Studienabbruch usw.- mit sich gebracht hatte.

 

Die Schwierigkeit besteht für die Psychotherapie meiner Erfahrung nach darin:

 

1.) in der systemischen Zusammenarbeit mit dem Psychiater/behandelnden Arzt, also dem Behandlernetzwerk, in dem auch Suggestionen gesetzt werden, "Das ist schon Hypnose vor der Hypnose!", die da berufsspezifisch mit ins Boot kommen.

2.) mutig unterstützende Auftragsklärung und Zielklärung mit der Klientin als durchgehende hypnosystemische Interventionen. Das ist indirekte Hypnose.

 

3.)wie bei JEDER anderen psychischen Situation die jeweilig zur Auftragsklärung und Zielklärung und dann zum folgenden Prozess passenden Induktionen und Interventionen verwenden. Hier können dann natürlich auch direkte Hypnose/Trancerituale vorkommen.

Viele kollegiale Grüße

Anne Lang

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

10.) Thema: psychotherapeutischer Heilpraktiker 06.08.2008

 

Liebe Listenteilnehmer,

eine Freundin mit Hypnose und NLP-Ausbildung, die daher bisher beratend arbeiten kann, würde gerne auch mehr therapeutisch tätig sein. Sie überlegt im Eigenstudium den psychotherapeutischen Heilpraktiker zu machen. Wie kann sie den geforderten Lerninhalt in Erfahrung bringen? Welche Bücher sind zu empfehlen? Wie sinnvoll ist es, vom Coaching zur Therapie zu wechseln? Wie gut verträgt es sich, beides anzubieten?

 Vielen Dank im Voraus

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Abgrenzung zwischen Psychotherapie und Coaching 8.08.2008

 

Diese Frage der Abgrenzung zwischen Psychotherapie und Coaching begegnet gerade mir sehr oft, da ich mich in beiden Kontexten bewege. Sie hat sehr bedenkenswerte Facetten, gerade auch, wenn man einen ressourcenorientierten konstruktivistischen Schwerpunkt hat, der mit seiner Methodik traditionelle Unterschiede aufzulösen scheint. Systemisches Denken aber beachtet gerade den Kontext als prägend, der auch hier mitentscheidend ist.

Für die Psychotherapie heißt der Kontext „Krankenbehandlung“. Damit verknüpft ist eine uralte ethische Tradition d.h. die Berufung, das Bewusststein des Heilens, das „Unabhängig-zur-Verfügung-stehen“ nur zum Guten des Patienten. Nur dessen Gesundung bestimmt den  Erfolg des Behandlers. Professionell benötigt man seit 1999 rechtlich die Approbation und ist eingebunden in eine Psychotherapeutenkammer mit regelmäßiger  Fortbildungsverpflichtung. Zur Approbation bedarf es eines Psychologiestudium bzw. Medizinstudium (mind. 5 Jahre) und einer Psychotherapieausbildung (mind. 3 Jahre) mit hohem Selbsterfahrungsanteil, Supervisionsanteil, Fallbearbeitung und Hospitation. (Richtig ist, dass als historisches Kuriosum daneben jeder -ausgenommen Vorbestrafte- eine Approbation über eine Prüfung beim Gesundheitsamt als Heilpraktikerin erhalten kann. Diese Prüfung wird von Medizinern, nicht von Psychotherapeuten, durchgeführt.

Der Coachingkontext dagegen befindet sich jetzt auf dem Markt der Dienstleistungen. Hier fordert ein Auftraggeber/ein Unternehmen eine Dienstleistung ein. Der Coach ist von seinen Aufträgen abhängig und muss sich präsentieren können. Diese Fähigkeit bestimmt zu großen Teilen seinen Erfolg, weniger seine ethisch-menschliche Haltung, die von diesem Auftraggeber gar nicht überprüft werden kann. Für den Kontext Coaching gelten also andere Besonderheiten wie z.B. die komplexere Situation in Unternehmen, die Herausforderung der persönlichen Performance, die konstruktivistische Arbeit in harten Wirklichkeiten mit existentiellen Konsequenzen. Und es stimmt auch, dass nicht selten die Doppelkompetenz gefragt ist. Damit ist dann aber transparent und differenziert umzugehen, indem Themen getrennt werden und Auftragslagen geklärt werden.

 

Wenn also der Kontext bestimmt, was letztendlich an Auswirkungen entsteht, dann bleiben Methoden - ohne Hintergrund aus der Psychotherapie entlehnt - nur eine ganz schmale Voraussetzung.  Die Krankheitslehren, Diagnostik, Haltungen, die Rahmungen, die persönlichen Entwicklungen zur Ausübung von Psychotherapie fehlen. Insofern sind Psychotherapeut und Coach zwei verschiedene Berufe, die man auch als solche am besten beide von der Pieke auf lernt.

 

Verwirrend ist, dass diese Hintergründe zählen, auch wenn man sich über eine klassische intra-psychische pathologische Psychotherapie hinaus methodisch weiterentwickelt. Was im Kontext Psychotherapie bleibt, ist diese besondere „Berufung“, aber gerade auf dem Hintergrund fundierter Kenntnisse über dessen Herausforderungen.

 

Insofern bin ich der Meinung, dass es nicht die Frage ist, was man gerade mal machen will – eine Geschäftsidee oder eine Berufsnische - auch wenn das die schnelle Heilpraktikerprüfung vorgibt, sondern es geht weit darüber hinaus. So verführerisch es scheint nach einer Ericksonschen Beratungsweiterbildung (absolvierbar in 1 Jahr) oder einer NLP-Weiterbildung, Therapie machen zu wollen, so sehr bedenklich empfinde ich das.

Die Milton Erickson Gesellschaft vertrat im sensiblen Feld der Hypnose/Ericksonsche Kommunikation immer die Auffassung, dass sie Weiterbildungen anbiete, damit die Teilnehmer in ihrem Bereich, den sie sowieso schon ausüben, besser werden. Daher werden auch die Weiterbildungen für verschiedene Kontexte bereitgestellt. Auch wenn ich nur für mich sprechen will, differenziere ich daher in der Bonner Regionalstelle sehr nach den kontextspezifischen Weiterbildungen. Inhalte, Fälle, Situationsdarstellungen sind in den Curricula für Coaches, Psychotherapeuten und Ärzte aller Fachrichtung ganz unterschiedlich. Ebenso stark unterschiedlich und daher auf ihre Weise hoch spannend sind dann auch die kontextspezifischen Supervisionen, die gerade das Beschreibende eindrucksvoll belegen.

 

Heute gibt es jetzt vermehrt eine große Variante, die sich weder im Psychotherapie-, noch im Coachingkontext bewegt, sondern Beratung (hier auch Coaching oder Psychotherapie oder Supervision genannt) für alle Themen, die die Klienten mitbringen, anbieten. Hier sind die Erfahrungen, Hintergründe, Ausbildungen wirklich sehr bunt, völlig offen und von den Klienten uneinschätzbar.

1999 hatte der Gesetzgeber mit dem Psychotherapeutengesetz diese damals sogenannte „Grauzone“ regeln wollen. Das gelang bisher nicht - paradoxerweise gerade nicht durch das eigene Vorgehen des wissenschaftlichen Beirates und auch des gemeinschaftlichen Bundesausschusses. Denn wenn für diese Gremien die Psychotherapie nur VT und TP/PA ist, dann bleiben weitere Entwicklungen wie z.B. Systemische Therapie ausgeschlossen. Nicht zuletzt, weil diese eben das klassische Behandlungsmuster aufbrechen. Daneben regelt dann heute der Markt unüberprüfbar mit seinen Ausbildungsinstituten und Angebot und Nachfrage, was geschieht. Und wir haben eine größere Grauzone wie zuvor.

Das eine ist also immer, was möglich ist. Das andere ist und dies gilt für beide Bereiche, wie ich mir meiner Verantwortung in meiner Arbeit mit Menschen in meinem Kontext bewusst bin. Aber: Laiing: „Wenn ich nicht weiß, dass ich nicht weiß, glaube ich zu wissen.“

Viele Grüße aus Bonn

Anne Lang

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

9.) Thema: Doppelgleisigkeit 25.07.2008

 

Hallo liebe Listis,

ich möchte gern folgenden Punkt zur Diskussion stellen:

in meiner noch jungen Praxis begegnet mir verstärkt das Phänomen, dass KlientInnen bereits bei einer Kollegin/einem Kollegen meist mit VT in Behandlung sind, sie dort "nicht weiterkommen" o.ä. und dann plus Hypnotherapie erhoffen, den "Schalter umzulegen", herauszufinden, "ob nun sexuelle Übergriffe stattgefunden haben oder nicht", "tieferliegende Ursachen zu finden" usw.

 

Unter welchen Voraussetzungen stimmt Ihr einer Parallelbehandlung zu oder lehnt Ihr es völlig ab? Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht?

 

Zweimal habe ich zugestimmt und war frustriert: wichtige Punkte erarbeitet, die dann der Kollege weiterbehandeln darf *neid* (Raucherentwöhnung) oder ich fühle mich blockiert wenn ich auf ganzheitlichere Punkte komme und mir gesagt wird, "darüber spreche ich schon in der anderen Therapie" (Übergewicht). Eine hab ich abgelehnt, weil der Kollege eine Doppelbehandlung ablehnte und ich somit die Therapie bei Annahme beendet hätte (fragliche Depression bei der Tochter) und die andere bei einer Frau, die "schon lange in Therapie" sei, jetzt gerade wieder 50 Stunden bewilligt worden seien, aber sie nicht weiterkomme und nun in Hypnose herausfinden wolle (mit Übereinstimmung der Kollegin), ob sie sexuelle Übergriffe erfahren habe oder nicht.

Ich habe der Klientin gesagt: "Wenn Sie sich bei einem Zahnarzt die Zähne sanieren lassen, gehen Sie doch auch nicht zum weiteren Zahnarzt, um sich den Backenzahn behandeln zu lassen."

Herzliche Grüße aus......

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Doppelgleisigkeit: Hypnose als Ergänzung zu einer bestehenden Psychotherapie?

01.08.2008

 

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

als Bonner Regionalstelle erreichen uns häufig Anfragen von Klienten, die schon in Therapie sind und Hypnose daraus nachfragen bzw. aber auch von PsychotherapeutInnen, die für ihre PatientInnen zusätzlich Hypnosesitzungen hier anfragen. Ich sehe dies immer als Gelegenheit, Information und Aufklärung über Hypnose und Ericksonsche Hypnotherapie zu geben.

Sowohl Klientinnen als auch Therapeutinnen fragen immer dann an, wenn sie mit einer bestimmten Symptomatik nicht weiterkommen z.B. chronische Schmerzzustände (O-Ton: "Die Therapie ist insgesamt gut gelaufen, können sie noch wegen der dennoch bestehenden Schmerzsymptomatik ein paar Sitzungen Hypnose machen?")

oder z.B. tiefsitzende Angstzustände

oder z.B. Psychosomatik

oder z.B. wegen spezieller pointierter Biographiepunkte, (O-Ton: "Ich vermute ein traumatisches Ereignis, an das wir in der Therapie nicht direkt drankommen, können Sie das in  Hypnosesitzungen  herausbekommen und bearbeiten und dann kann die Therapie hier weitergehen" (mit der Implikation für alle Beteiligten, dass danach die Therapie nicht beendet ist)

oder Z.B. jetzt von Klienten Seite: "Ich bin nicht zufrieden mit der Therapie, wir reden nur über bestimmte Dinge ohne das sich was ändert"

oder "Ich muss tiefer an was ran"

oder …….

Ich finde alle Aussagen sehr interessant, denn sie sagen viel mehr aus über die noch immer vorherrschenden Veränderungsvorstellungen von Klienten und TherapeutInnen als über Veränderungen selbst. Sie müssen also als deren Prämissen unbedingt mit berücksichtigt werden und meist reframt werden.

 

Auf Grund dieser häufigen Nachfragen habe ich verschiedene Möglichkeiten entwickelt, mit diesen Anfragesituationen umzugehen. Grundsätzlich gilt die therapeutische Etikette: Wenn ein Klient sich über seine Therapie beklagt, ist es immer gut, ihn zunächst zu unterstützen, dies in seine Therapie selbst einzubringen und mit seiner Therapeutin den Hypnosewunsch und was er damit verbindet zu besprechen. Das passiert dann auch oft.

Dann kläre ich Klientin als auch deren Therapeutin darüber auf, dass eine moderne Hypnotherapie nach Erickson als eigenständige Psychotherapie zu verstehen ist mit einer durchgängig eigenen Veränderungsphilosophie (vielfältige Arbeit mit Aufmerksamkeit, mit immanenten Suggestionen, mit Ressourcenbewusstseinzuständen, mit Konversationstrancearbeit und Tranceritualarbeit um nur einige Kennzahlen zu nennen ) und keine Interventionstechnik, die man so ohne weiteres effektiv integrieren kann. Das stößt dann auf großes Erstaunen. Denn den Anfragen liegen die Vorstellungen einer traditionellen Standardhypnose als Interventionstechnik zugrunde, die ja auch so als sogenannte „kleine Ziffer“ abzurechnen ist. Darauf weisen mit Recht Klienten, Krankenkassen und Kollegen hin. Da ist dann der Unterschied zwischen einer Technik und einer ausgewachsene Psychotherapie mit neuen Vorstellungen von Veränderung zweiter Ordnung zu erklären.

Jetzt aber zu dem entwickelten Vorgehen: Wie immer deutlich aber flexibel:

1.            Angebot in unserer Ressourcengruppe Selbsthypnose zu erlernen, die

               Ressourcenhaltung und Aufmerksamkeitsausrichtung dazu. Das verträgt sich u.U.

               mit einer anderen Therapie, die Kollegin sollte aber darüber Bescheid wissen.

               Vorteil: Klientin kann ihre Therapie weitermachen, kommt aber mit anderen

               erweiternden Ausrichtungen in Berührung. Sie lernt Trancezustände zu erfahren

               und für sich nutzen. Nachteil: die therapieimmanenten Bedeutungsmuster und

               Haltungen vermischen sich und schwächen leider die konsequente Wirkung ab.

2.            Die Klientin beendet ihre Therapie und kommt dann zur Hypnotherapie. Oft kann

               man auf der Grundlage aufsetzen, sie nochmals bilanzieren, utilisieren und leichter

               weitermachen. Vorteil: die vorhergehende Therapie wird genutzt. Nachteil:

               Manchmal stehen die vormals mitvermittelten kausalen und linearen

               Bedeutungsmuster im Wege und es bedarf größerer Flexibilität die

               Neuausrichtung der Aufmerksamkeit zu erwirken ohne die andere Therapie

               abzuwerten.

3.            Es gibt z.Z. auch die große Ausnahme, dass eine ältere chronifizierte KlientIn, ihre

               Jahre lange Pathologie-Einsichts-Aufarbeitende Therapie mit allen dortigen

               Interventionen beibehalten will und daneben eine Hypnotherapie machen will. Das

               zu utilisieren finde ich eine große Herausforderung. Die andere Therapie ist immer

               als Zusatzfaktor mitzudenken im System und insgesamt nur durch einen günstigen

               Verlauf, der immer mit beobachtet wird, zu rechtfertigen.

4.            Sogar Kolleginnen mit Hypnoseausbildung fragen nach, ob sie Klienten schicken

               können, immer dann, wenn sie Hypnose im Sinne eines VT-Denkens als eine

               Interventionstechnik verstehen. Hier empfehle ich – sowohl aus Zeitnot als aber

               auch um diese Lernchance zu nutzen-, dass die Therapeutin selbst die Therapie

               weiter macht, wir aber in den Supervisionen den Fall ausführlich dokumentiert

               behandeln, so das wir in den Supervisionen und Seminaren konkrete

               Unterstützung dazu sammeln und Kompetenz ausbauen. Dadurch lernt man

               immens. Man lernt auch, dass das grundsätzliche

               Hypnosepsychotherapievorgehen eben nicht eine auf bestimmte Situationen

               bezogene Technik ist, sondern eine umfassende Philosophie von Veränderung

               beinhaltet, die dann ein ganz bestimmtes Vorgehen nach sich zieht, was so nicht in

               anderen Verfahren vermittelbar ist, weil es auch deren Hintergrundphilosophie von

               Veränderung nicht beinhaltet. Denn die Theorie bestimmt, was man sehen kann

               (Einstein) bzw. dann auch, was wir als Therapeuten tun.  

 

Mit freundlichen Grüßen

Anne M. Lang

  

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

8.) Thema: Umfrage Hypnocoaching 29.12.2007

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

im Januarheft der "managerSeminare" ist ein Fragebogen zum Thema "Hypnocoaching" ("...Was ist dran an den traditionellen Vorurteilen gegenüber Hypnose? Was kann sie im Coaching leisten? Wie findet man einen seriösen Hypnocoach? ...").

 Die Befragung ist recht einfach gestrickt, von sozialwissenschaftlicher Methodik hat der Verfasser wohl nur von Ferne gehört.

 In der Märzausgabe werden dann die Ergebnisse publiziert.

 Einen guten Rutsch!

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Begriffsklärung: Hypnose im Bereich Coaching 07.01.2008

 

Liebe KollegInnen,

die Begriffe in dem aktuellen Fragebogen der Zeitschrift managerSeminare werden, wie so oft in der Coachinggemeinde, schnell in einen Topf geworfen: Hypnose, Coaching per Hypnose, Hypnocoaching usw..

 

Der Begriff „Hypnocoaching“ wurde vor Jahren schon von Wilhelm Gerl/M.E.G., Coach, Psychologischer Psychotherapeut, Ausbilder der M.E.G. /Regionalstelle München eingeführt. Dieser beinhaltet die Ericksonsche Kommunikation und Gesprächsführung. Das entsprechende Weiterbildungscurriculum der M.E.G. heißt ausführlich: „KomHyp-Hypno-Systemische Kommunikation, Gesprächsführung nach Milton Erickson“ und ist in verschiedenen Beratungskontexten einsetzbar z.B. auch im Coachingkontext. In Bonn führe ich seit 2003 das M.E.G. - KomHyp-Curriculum für den Kontext Beratung und Coaching durch. Es wendet sich an bereits tätige Berater und Coaches, die sich mit Ericksonschem und Hypno-Systemischem Wissen und Arbeiten erweitern möchten. Schwerpunkt dabei ist ein Systemisches und ein Ressourcenfokussierendes Vorgehen, wie es Milton Erickson als Konversationstrance in die traditionelle Hypnoselandschaft einbrachte. Es beachtet und nutzt die Regeln einer unterstützenden hilfreichen Kommunikation.

Bandler und Grinder haben auf Rat von Gregory Bateson diese Kommunikation von Erickson studiert und Teile davon im NLP zusammengefasst. Gelehrt wird im Bonner M.E.G.-Institut Systemisches und Ericksonsches Knowhow als Grundlage von Denken, Haltung, entsprechende Tools und Kommunikation, natürlich auch Mentales Training, Resilienzförderung und Selbsthypnose. Das ist ganz weit entfernt von einem spektakulären Einsatz traditioneller Fremdhypnose und auf ganz andere Weise

spektakulär, weil es den Klienten selbstorganisatorisch weiterhilft. Im Fragebogen wird implizit vom Einsatz traditioneller Hypnoserituale ausgegangen, was für das Hypnocoaching so generell nicht stimmt und auch eine Doppelqualifikation als Coach und eine Approbation zur Psychotherapie voraussetzen würde, welche nur wenige Coaches besitzen. Leider greift das managerSeminar Magazin, das ich selbst abonniert habe, in diesem Fall daneben und ist verwirrend.

 Ein klärender ausführlicher Artikel dazu wäre zu begrüßen.

Viele Grüße und jetzt auch noch zum Neujahr!

Anne Lang

 

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

7. Thema: Hypnotherapie bei therapieresistenter Depression und Trennungskonflikt

29.06.2005

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 in meiner Eigenschaft als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und in der MEG- Ausbildung habe ich bei einem Patientenfall folgendes Problem:

-46-jährige Patientin mit schwerer depressiver Episode und V.a. kombinierte Persönlichkeitsstörung mit dependent- selbstunsicheren und emotional-instabilen Anteilen, zudem grenzbegabt, hat sich Anfang des Jahres erstmals bei mir nach fast 1-jährigem stationären Aufenthalt mit deutlicher depressiver Symptomatik vorgestellt.

Unter Hochdosispharmakotherapie (Trevilor ret.375mg/die ,Elmendos 200mg/die) zeigte sich bislang leider nur eine stimmungsstabilisierende Wirkung ohne dass eine Antriebssteigerung oder eine Verbesserung der Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit erreicht werden konnte. Die Patientin äußert zudem chronisch suizidale und auch aggressive Gedanken dem Exmann gegenüber, ist aber noch steuerungsfähig. Zudem konnte ein gutes Vertrauensverhältnis zu mir etabliert werden.

 

Als externer Auslöser der depressiven Symptomatik ließ sich die plötzliche Trennung des Exmannes von ihr vor 2,5 J. nach 15-jähriger Ehe eruieren. Sie war bis zu diesem Zeitpunkt noch nie alleine, der Exmann hatte ihre vorherigen Krankheitsphasen nur schlecht akzeptiert und ihr immer wieder vorgeworfen, sie sei eigentlich gesund und eine "Blenderin".

 

Während des stationären Aufenthaltes wurde eine intensive Verhaltenstherapie begonnen mit 2 Gesprächen/Woche unter Einbeziehung des Exmannes ohne dass die Patientin das kognitive Schema: "Ohne meinen Mann bin ich nicht lebensfähig" aufgeben konnte. Der Ehemann ließ sich bis zum heutigen Tage nicht "demontieren" und wird von der Patientin verklärt. Immer wieder wird stereotyp bekräftigt : "Ich will ihn zurückhaben". Der Exmann hat schließlich schon vor 1/1/2 Jahren den Kontakt ganz abgebrochen und die Scheidung eingereicht weil er sich durch seine Frau bedroht fühlte (...u.a. Verwüstung seines Gartens, Droh- SMS, Drohbriefe....).

 

Während die Aggressionen und Schuldgefühle sich zunächst gegen die Patientin selbst richteten (extreme Form von Selbstvorwürfen), stehen seit ca. 1/2 J. starke aggressive Impulse gegenüber dem Exmann im Vordergrund. Sie schreibt nunmehr täglich wieder Droh- SMS an ihn, berichtet, dass "sie ihn umlegen werde, falls sie in Besitz einer Waffe gelange". Massivste Kränkungen werden berichtet, wenn sie ihn mit seiner neuen Freundin in der Stadt sehe.

 

Vor 2 Wochen dann hypnotherapeutischer Erstversuch: Die Patientin sollte in Trance ein Lebewesen vorstellen, dem es genau so geht wie ihr selbst: Es erscheint spontan ein Löwe in der Wüste, die Löwin ist gestorben, er sitzt unter einem Baum der keine Blätter hat. Der Löwe ist so unendlich traurig, weil er weiß, dass er nie wieder glücklich werden kann. Er ist gleichzeitig auch sehr wütend, faucht um sich, geht nicht mehr auf die Jagd. Er möchte am liebsten ein anderes Tier töten, weil er sich davon Besserung erhofft. Warum, kann er nicht sagen. Dies geht jedoch nicht aufgrund der moralischen Prinzipien.

Auf die Frage, was dem Löwen wohl helfen könnte berichtet die Patientin:

"Nichts, unmöglich, gar nichts kann ihm helfen".

Auf die Bitte, sich ein Lebewesen vorzustellen, dem so etwas nie passieren könnte, erscheint spontan ein lebenslustiges Eichhörnchen, das über die Bäume klettert. Auf die Frage, welche Lebenseinstellung dieses Eichhörnchen hat, antwortet die Patientin: Das Eichhörnchen ist extern betroffen und traurig, wenn sie diesen Löwen sieht.......Für die erste Sitzung wurde erstmal diese Trauer zugelassen und  es so stehen gelassen.

 

Aus meiner Sicht war es schon einmal sehr gut, dass sich die Patientin überhaupt auf eine Trance einlassen und spontan Bilder entwickeln konnte. Bei jeglichem Versuch jedoch, eine Idee zu entwickeln, was dem Löwen helfen könnte, treten erhebliche Widerstände auf.

 Die Patientin schreibt weiterhin Droh- SMS (bis zu 60/Tag) und bekundet unbeirrbar: "Ich will ihn zurückhaben!!!"

 Hat jemand eine Idee, wie man mit dieser Patientin weiter arbeiten könnte?

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Paarkonflikt: Ressourcenorientierte Ausrichtung 30.06.2005

 

Sehr geehrter Herr Dr. XY,

Interessanter Fall- aber was soll hier Psychotherapie? Das ist auch die Frage an die Patientin, um die Voraussetzungen für Psychotherapie zu schaffen, also modifizierte hilfreiche Ziel und Auftragsklärung! "Sie sagen zwar, Sie sind ohne Mann nicht lebensfähig, aber sie zeigen einen starken unbeirrbaren Willen.

 Wie kann Ihnen ein Psychotherapeut helfen?" Dabei kann man sehr wohl engagiert mit überlegen. "z.B. vielleicht den Ehemann gemeinsam dazu zwingen oder umdrehen - hört sich nach Fall für die Polizei an! Oder Ihnen ihren Willen, ihn zurückzuwollen brechen- hört sich unmöglich an! Oder Sie mit ihrem Schicksal als unverbesserliche allein lassen? - hört sich nicht hilfreich an! Also was?"

Diese Kommunikation sollte so geführt werden, dass sie dabei sehr ernst genommen wird und gleichzeitig ihr dabei auch Realismus unterstellt wird. "........aber was können wir hier in der Psychotherapie machen, dass es Ihnen besser geht? .....dass Sie sich auch ohne ihren Mann lebensfähig fühlen? ...............

"Dazu gibt es in der Psychotherapie nie eine Standardantwort, nur individuelle, also gehen wir danach auf die Suche- sind Sie jetzt und hier schon dazu bereit? Woran würden Sie das merken, dass Sie beginnen, sich vorzustellen, ohne Ihren Mann lebensfähig zu sein?", also ausgerichtete Kommunikation, die einen anderen Fokus ermöglicht. Wie es dann weitergeht bzw. wie Sie damit umgeht, bestimmt wieder das weitere Vorgehen.

 Anne Lang

 

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

6.) Thema: Einschlafritual für zehnjähriges "waches" Mädchen 28.05.2005

 

Liebe ListenteilnehmerInnen,

zu meiner Person: ich bin psychologische Psychotherapeutin aus xy. Hier meine Frage:

Eine Freundin sucht für ihre zehnjährige Tochter, die einen sehr wachen Geist hat und sich  viele Gedanken macht, eine  Geschichte oder ein Übergangsritual zum Einschlafen. Die Tochter geht um 20.30 Uhr oder manchmal später ins Bett, liest oder liegt wach und versucht an "Nichts" oder "etwas Schönes" zu denken und schläft oft erst gegen 23 oder 24 Uhr ein. Dies empfinden nicht nur die Eltern als quälend. Der Vater, dem die Tochter sehr ähnlich ist, sagt, er hätte das auch gehabt. Wem fällt dazu etwas ein? Mir sind bisher einige Deutungen eingefallen, die Löwengeschichte, die Siebenschläfer, der Wachhund und der Schlafhund aber ich kenne nichts kinderspezifisches dazu.

Danke im Voraus für (kreative) Hinweise.

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Metaphern und Geschichten für Kinder 30.01.2005

 

Liebe Frau XYZ,

Da die Situation von Eltern und Kind sehr fokussiert ausgerichtet ist auf "quälend" und "versuchen", wäre es gut diese Fokussierung "aufzuweichen". Wenn ein therapeutischer Auftrag vorliegt, denkt man dann - natürlich darin eingebettet- an Reframing, Paradoxe Aufgaben und Geschichten zum Wieder - Normalisieren. Beispiele von Erickson dazu, ebenso wie Geschichten und Metaphern sind in dem sehr empfehlenswerten Buch von  Joyce Mills/ Richard J. Crowley: "Therapeutische Metaphern für Kinder und das Kind in uns", Carl Auer 98 zu finden.

Freundliche Grüße Anne Lang

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

5.) Thema: Zugangsvoraussetzungen – KomHyp und KliHyp 28.01.2005

 

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

als M.E.G. -Regionalstellen-Sprecherin und Leiterin der RGST in Bonn möchte ich zu den Ausbildungskonditionen für „KliHyp“ und „KomHyp“ antworten und auch auf die Mail antworten, was der Kollegin zu empfehlen ist die „KliHyp“.

Für die „KliHyp“ Ausbildung gelten folgende Zugangsvoraussetzungen:

Eine psychotherapeutische Ausbildung, die Arbeit im Psychotherapiebereich und die Approbation als psychologische und ärztliche Psychotherapeutinnen. (Bei Ärzten reicht also sinnvollerweise auch nicht allein die Approbation.) Da richtet sich die M.E.G. - wie Paul Janouch schon geschrieben hat – nach den gesetzlichen Bestimmungen und denen der ISH und ESH. Die jeweilige RGST-Leiterin kann je Ausbildungsjahrgang 10-15% begründete Ausnahmen zur Seminarteilnahme ohne Zertifizierung zulassen; also je Kurs 1-2, die sich jedoch auf einen Psychotherapiebereich beziehen sollten. Es erfolgt in diesem Fall auch keine Zertifizierung unter KomHyp, da die „KomHyp-Ausbildung“ ganz spezielle weitere Inhalte hat.

„KomHyp“

Mit dem neuen „KomHyp-Curriculum“ (seit einem Jahr aus dem GFE erweitert) ist auf die Situation weitreichender anderer Beratungsfelder und Veränderungskompetenzen endlich reagiert worden. Das Curriculum „KomHyp- Hypno-Systemische Kommunikation- Gesprächsführung nach Milton Erickson“ wird Arbeitskontext übergreifend oder aber auch für spezielle Arbeitsbereiche zugeschnitten angeboten. So z.B. für Hebammen, Logopäden, Lehrer, Theologen, Coaches und Berater. Gerade sind wir dabei die noch von der GFE stammende KomHyp-Beschreibung im Megaphon und Internet zu aktualisieren.

Es umfasst jetzt neu seit 1-2 Jahren je nach RGST: 8 Grundseminare, 4 Anwendungsseminare und 40 Supervision. Zudem werden zusätzliche Schwerpunktseminare wie G2: Selbsterfahrung zur Selbstorganisation, Mentales Training, Selbsthypnose, G8: bei insgesamt systemischer Ausrichtung das spezielle Systemische Seminar; G7: Seminar Suggestionen und Suggestive Strategien in Einzel- und Gruppenarbeit. Gerade diese Inhalte sind so explizit nicht im Klihyp enthalten, obwohl sie in besonderer Weise Ericksonsche Haltung und Vorgehensweise in der Ericksonschen Konversationstrance beinhalten und daher die KomHyp-ausbildung sehr attraktiv machen.

Ich kenne beide Curricula als Referentin gut und biete in Bonn beide Curricula ausgesprochen gerne an. Was die „bessere“ Ausbildung für jemanden ist, ist immer individuell zu klären. Das richtet sich nach Arbeitsschwerpunkt, Kontext und Informationsstand zu den Curricula, von daher besteht immer individueller Beratungsbedarf. In jedem Falle ist die neue „KomHyp Ausbildung“ kein fauler Kompromiss oder eine „Ausweichausbildung“, sondern eine hochwertige Systemische Ericksonsche Ausbildung.

Kollegiale Grüße

Anne Lang

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

4.) Thema: Heiserkeit 04.06.2005

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

da ich bisher zwar als interessiertes aber nur passives Mitglied dieses Forum genutzt habe, möchte ich mich kurz vorstellen: Ich arbeite als niedergelassene psycholog. Psychotherapeutin in eigener Praxis in xy. Meine Verfahren sind Verhaltenstherapie, Hypnotherapie und auch mit der Lösungsorientierten Psychotherapie habe ich mich in Fortbildungen bei Steve de Shazer intensiv befasst.

 

Heute bitte ich Sie um Anregungen (evtl. auch Literaturempfehlungen) in folgendem Fall:

Es geht um eine 69 jährige Pat., die bereits seit ca. 9 Monaten in meiner Behandlung ist. Im vorangegangenen stationären psychosomatischen Aufenthalt war eine mittelgradige depressive Episode mit Selbstwertproblematik, starker Grübelneigung und verschiedenen Ängsten, vor allem aber die seit über 20 Jahren bestehenden Verdauungsprobleme (somatoforme autonome Funktionsstörung) diagnostiziert und behandelt worden.

In der Lebensgeschichte fällt die durch strenge Erziehung, Krieg und Flucht verursachte mangelnde Förderung eines guten Selbstbewusstseins ins Auge. Hinzu kam der Verlust der einzigen Tochter, die im Alter von 3 Jahren an spastischer Bronchitis verstarb, und eine Epilepsie, die sich erstmals im Alter von 17 Jahren manifestierte, nach einem glimpflich abgegangenen Angriff eines Gleichaltrigen auf dem Nachhauseweg. Die Stigmatisierung als "Geisteskranke" bzw. die Schonung wegen des Krampfleidens verstärkte die negative Selbstbewertung und den sozialen Rückzug noch mehr. Die Pat. lebt derzeit in abgesicherten materiellen Verhältnissen mit ihrem berenteten Mann, jedoch eher kontaktarm, da kaum Freundschaften (nur Schulfreunde des Mannes) und auch nur sehr wenige und seltene verwandtschaftliche Kontakte (beide waren Einzelkinder) bestehen.

 

Die beschriebene Symptomatik löste sich auf dem Fundament der stationären Behandlung unter anderem mit hypnotherapeutischen Methoden weitgehend auf. Auch die einschneidenden Lebensereignisse wurden bearbeitet und betrauert bzw. neu bewertet.

 

Verbesserungen wären noch im Bereich der Sozialkontakte wünschenswert. Und hier kommt nun ein weiteres Symptom ins Spiel: Seit Jahren leidet die Pat. unter Heiserkeit; ihre Stimme klingt entsprechend leise und angestrengt. Verstärkt sei die Heiserkeit manchmal bei Aufregung. Eine HNO-ärztliche Abklärung 2002 sei ohne Befund geblieben. Auch die sehr gute Verbesserung in den anderen Symptombereichen hatte keine Auswirkung. Zu erwähnen wäre noch, dass die Pat. früher gut und gerne gesungen hat, dies jedoch nach dem Tod der Tochter völlig aufgehört hat. Außer der Aufgabe, täglich für sich zu Hause zu singen (die die Pat. gerne umgesetzt hat) habe ich bisher keine richtige Idee, wie diese Symptomatik angegangen werden könnte und wäre Ihnen dankbar für Anregungen und Erfahrungen mit ähnlichen Fällen.

 

Mit Grüßen aus xy,

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Heiserkeit: Ressourcenorientierung 21.06.2004

 

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

anlässlich der eingebrachten Fallgeschichte „Heiserkeit“ möchte ich das Thema Ressourcenorientierung noch einmal diskutieren:

Sie, liebe Frau XY, schrieben: „Natürlich können Sie nur zustimmen, dass Problemorientierung nur wenig Veränderungsimpulse bringt. Ein großer Teil der bisherigen Behandlung bezog sich auf das Wieder- und Neuentdecken der Ressourcen.“ Wir lesen aber weiterhin eine Problemgeschichte. Also, welche neuen anderen Geschichten hat die Ressourcenarbeit bei Behandlerinnen und Pat. erzeugt.

 

Ich beziehe mich auf eine umfassende Sicht von Ressourcenorientierung, nämlich der einer konstruktivistischen Haltung. Das heißt u.a., dass es uns günstigerweise auch in einem - und trotz eines -  Behandlungssettings das - wie ich meine-  Paradoxe der Rollen  gelingt aufzuheben. Dieses in dem Sinne, dass wir dazu beitragen, dass die "Patientin" wieder in eine andere Position geht. Dazu ist eine andere  Haltung wichtig als eine, in der die Therapeutin fachlich weiß, wohin die Pat. therapeutisch kommen sollte, was für sie gut ist und wie sie dazu welche Methoden anwendet. Je mehr also „aktive Behandlerin“ da ist um so mehr ist und bleibt auch „Patientin“ da. Wie also führen wir aus einer Problemgeschichte zu einer Ressourcengeschichte? Ein Symptom ist als solches noch lange kein Auftrag als Therapeutin ohne weitere Klärung schnell in Aktion zu treten. Da alle Lebensäußerungen Ressourcen und Lösungen enthalten – eben auch  psychische/ psychosomatische Symptome - sind diese nicht von Therapeuten „wegzumachen“, mit welcher Technik auch immer. Also wird die Patientin angeregt kontinuierlich im Prozess durch Fragen nach Ziel, Auftrag und die Diskussion des Ziels nach allen Seiten hin, wieder für sich verantwortlich zu werden und tritt so implizit aus der Pat.-Rolle heraus. Frageinterventionen implizieren eigenverantwortliche Wirklichkeit und die Erweiterung von Komplexitätsreduktion (von Pat. zu vielschichtigem Mensch).

 

Dies individuell empathisch angekoppelt und dennoch konsequent zu tun ist für mich therapeutische Kunst - mehr als die Anwendung vieler Techniken. Diese haben mehr unterstützenden Charakter und das erst und nur dann, wenn diese grundsätzlichen Fragen beantwortet sind und auch weiterhin immer wieder neu beantwortet werden.

Z.B.:

Was will die Klientin in der ambulanten Therapie erreichen?

Was am meisten und zuerst?

Ist das überhaupt etwas bezüglich Heiserkeit/ Stimme ?

Und welche Seite will was?

Welche nicht bzw. so nicht, nicht gleich oder wie dosiert?

Will sie aber eine klare freie Stimme haben, was ist dann anders?

Wohin soll es gehen? Was statt des Symptoms? Wie soll es sein?

Was spricht dagegen, wo stört es sie am meisten?

Angenommen es ist weg, wie sieht es dann aus?

Angenommen das Symptom ist eine Ressourcen, wo würde es fehlen?

Wenn die Heiserkeit einen Sinn hat, welcher ist das?

Also welche Ressource oder Lösung ist das Symptom?

Für sich selbst, für bestimmte Teile in ihr oder  und für relevante

Bezugssysteme?

Wozu möchten sie diese oder jene Technik (z.B. In Trance zu gehen) nutzen?

 

Mich interessieren Ihre Ansichten.

Freundliche Grüße

Anne Lang

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Eigenausrichtung: eine wichtige Variable der Veränderung 9.06.2004

 

Liebe Kollegin,

genauso hören sich ja oft typische Fallgeschichten von PatientInnen an: 1. Geballte Problemladung hier also: .........Klinikaufenthalt mit Depression, Selbstwertproblematik, starker Grübelneigung, verschiedenen Ängsten, seit 20 Jahren bestehenden Verdauungsprobleme ( somatoforme autonome Funktionsstörung). Zuvor strenge Erziehung, Krieg, Flucht, mangelnde Förderung, Verlust der einzigen Tochter im Alter von 3 Jahren an spastischer Bronchitis. Selbst Epilepsie nach einem Angriff erlitten, die

sich im Alter von 17 Jahren manifestierte. Stigmatisierung als Geisteskranke. Zusammenleben mit ( früh?)berentetem Mann, kaum Freundschaften, kontaktarm, wenige verwandtschaftliche Kontakte.

Dies habe ich deshalb noch einmal zusammengefasst, damit die stark suggestive Problemaufmerksamkeit von Frau und ihren Behandlungssystemen klar wird sowie die Verantwortungsabgabe und– übernahme darin. 2. Denn die Behandler fragen sich, was sie für sie tun können? Z.B. hier Bearbeiten, Betrauern, Bewerten, Verbesserungen für wünschenswert halten.

 

Demgegenüber bleibt zumindest in der Schilderung unbenannt, was die Frau sonst noch in all ihren Möglichkeiten, Fassetten und Geschichten ausmacht. Welche neuen Foki  können von der Frau aus entstehen? Bisher teilten Pat. und Behandlungssysteme Probleme - wie das PatientInnen und BehandlerInnen eben so tun, Behandler „machten Therapie“. D.h. Sie fragten sich was sie für sie zu tun können. Dann fragen sie sich das weiter unter FachkollegInnen und kommen auf noch auf weitere Ideen.

Was ist aber wenn die Frau „Therapie macht“, indem sie sich folgende Fragen beantwortet: Vor allem, was strebt sie selbst in der ambulanten Therapie an? Warum macht sie sie überhaupt? Wir wissen, dass die Eigenausrichtung eine wichtige Variable der Veränderung ist -auch wenn in einem Krankheits- und Behandlungssetting der Patientin quasi kontextbestimmt oft sehr schnell die Möglichkeit abgesprochen wird, diese Fragen beantworten zu können. Und sie sich das auch selbst abspricht. Natürlich wird es bei chronischen Problemen mit langwährender Problemausrichtung eine Leistung sein, dieses Feld der Probleme und Leiden zu verlassen. Was hat sie dazu für Fähigkeiten? Auch wenn die Behandlerin das nicht wissen kann, kann sie die Frage stellen und innere Suchprozesse auslösen. Wie wird die Frau sich dann aber anders sehen, wenn sie sich neu entdeckt? Was sagt dann ihr berenteter Freund (systemisch) gesehen dazu? Wie könnte er das ( systemisch) verhindern? Was wird das für ihn heißen, wenn sie es sich gut gehen lässt? Bei dem wenigen sonstigen Kontakt ist dies bestimmt eine wichtige Frage. Aber auch die an sie selbst:

Welche Seite in ihr möchte in Richtung Veränderung gehen, welche oder was spricht dagegen? Wie kann eine Seite in ihr die dagegen wäre, das verhindern?

Meine Empfehlung also:  Fragen, die darin wie Interventionen wirken, dass sie suggestiv anders orientieren. Fragen, die Antworten in ihr auslösen ohne das die Behandlerin selbst die Antworten weiß. Orientierende Beobachtungsaufgaben, die ihr helfen neue Aufmerksamkeitsfelder zu entdecken. Welche anderen Felder sind schon da? Wie will sie die Therapie nutzen? Wozu? Wohin will sie kommen ? Für so eine Pat. bestimmt schwer zu beantwortende ungewohnte Fragen und genauso schwer, sie darin als Psychotherapeutin ernst und voll zu nehmen, dass sie dazu antworten kann. Diese Fragen genauso angekoppelt wie konsequent zu stellen und gemäß Erickson die Antworten bzw. Erfahrungen entdecken lassen, da hierdurch Ressourcen entstehen.

 Beste Grüße Anne M. Lang

  

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

3.) Thema: Behandlung von Ticstörung bei Jugendlichen 09.06.2003

 

Liebe KollegInnen

Wer kann mir inhaltliche Hinweise geben zur Behandlung einer Ticstörung bei  einem 13-jährigen Jungen. Bietet sich da auch die Vermittlung von  Selbsthypnosetechnik an? Wieweit ist erfahrungsgemäß die Bearbeitung familiärer  Hintergründe wichtig (vs. rein symptomorientiertes Vorgehen)? Wer ist erfahren in der Behandlung dieser Problematik (Raum Köln, Bonn)?

 

 Antwort von Frau Anne M. Lang:

Thema: Behandlung von Ticstörungen bei Jugendlichen

4.07.2003

 

Lieber Herr XYZ,

ich habe mit einem 16jährigen gute Erfahrungen - auch mit Katamnese - gemacht wie folgt: Es wurde der dortigen Situation entsprechend ein Vorgehen entschieden, dass bestand aus: systemischen Familiensitzungen im Erstgespräch, bei Entwicklungsstand Skala 5 nach De Shazer und Schlussgespräch auch mit Rückfallprophylaxe; ansonsten 5 Einzelbehandlung mit Fremdhypnose mit therapeutischen Angeboten und zur Anleitung zur Selbsthypnose. Gerade auch dieser Fall zeigte wieder, dass es im konstruktivistischen Sinne darum geht den einzelnen Systemen ( personalem S., familiären S., Beratungssystem  u.a.?) angemessene Angebote für eine Entwicklung zu geben.

Ich habe diesen Fall auf der Heidelberger Kindertagung 2002 vorgestellt, dazu müsste es auch bei der Videokooperative Ruhr ein Video geben. Im Herbst erscheint der Fall aber auch publiziert in einem neuen Hypnosebuch,

Herausgeber Dr. Schuckall, Dr, Ebell.

Viele Grüße Anne Lang

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

2.) Thema: Gehirnaktivität bei Trancezuständen 30.08.2002

 

Liebe KollegInnen,

Ich möchte heute von einem Besuch erzählen in der Bonner Universitätsklinik, Abteilung Radiologie. Zufällig kam dieser Kontakt zustande, bei dem ich einen Einblick in den Forschungsstand bekam.

Hier wird über Hirnaktivität geforscht. Für uns Hypnotherapeuten ist es natürlich interessant welche Prozesse in Trancezuständen nachweisbar sind.

 

Die modernen Verfahren der Kernspintomographie (= Magnetresonanztomographie) ermöglichen heute nicht nur einen Einblick in die Struktur des Körpers, sondern sind auch in der Lage, verschiedene körperliche Funktionen zu erfassen. Eines dieser Verfahren ist die sog. funktionelle Kernspintomographie (fMRT, oder fMRI = functional magnetic resonance). fMRT bezeichnet eine Methode, mit Hilfe derer es möglich ist, lokale Gehirnaktivität zu erfassen. Das Verfahren nutzt die magnetischen Eigenschaften des roten Blutfarbstoffes (Hämoglobin) aus. Je nachdem ob Hämoglobin mehr oder weniger Sauerstoff trägt, ist es mehr oder weniger 'magnetisch'. Da mittels Magnetresonanztomographie lokale Veränderungen der magnetischen Eigenschaften im Körper nachgewiesen werden können, ermöglicht dies,  den indirekten Nachweis von lokaler Hirnaktivität. Allerdings sind die auftretenden Änderungen sehr klein, weshalb viele Messungen durchgeführt werden müssen. Da  nur relative Veränderungen nachgewiesen werden können, werden Referenzbedingungen benötigt. Das heißt, sollen z.B. die Hirnareale untersucht werden, die notwendig sind um Sprache zu produzieren, so muss nicht nur gemessen werden, wenn der Patient im Gerät Sprache produziert, sondern auch während einer 'Ruhe-' oder Referenzphase, d.h. wenn keine Sprachproduktion erfolgt. So wechselt man z.B.: alle 30 sec zwischen Ruhe und Sprachproduktion ab und wiederholt dies ungefähr 5-6 mal. In den 30 sec wird das Gehirn jeweils 10-20 mal aufgenommen. Hieraus ergibt sich eine Mindestuntersuchungsdauer von 5-6 Minuten, in denen ~80-120 mal das Gehirn oder Teile davon aufgenommen werden. Wird über jene Aufnahmen, die während der Ruhephase aufgenommen worden und über jene, welche während der Aktivitätsphase aufgenommen wurden gemittelt und subtrahiert diese von einander, so bleiben die Areale 'übrig', die eine höhere Aktivität während der Sprachgenerierungsaufgabe gezeigt haben.

 

Hieraus ergeben sich unmittelbar folgende Anforderungen an funktionelle MRT-Untersuchungen:

 1)  Während der Messungen  muss der Proband/Patient in    mindestens zwei unterschiedliche 'Zustände' versetzt werden (z.B. Sprachproduktion/ keine     Sprachproduktion).

2) Die  Anfangs- und Endzeitpunkte (und damit auch die Dauer) der verschiedenen Zustände muss so exakt wie möglich bekannt sein (sonst wäre eine derartige Mittelung nicht möglich).

3) Die erzeugten Zustände dürften nicht zu lang andauern, da ansonsten die Messzeit -wegen der benötigten Wiederholungen- zu lang wird.

 

Angewandt  auf die Hypnose-Forschung bedeutet dies, der Beginn und die Dauer der Trance müsste exakt bekannt sein. Da Aufgrund der Lautstärke des Geräts eine unmittelbare Kommunikation nur bedingt möglich ist, stellt dies eines der größten Probleme dar.

 

Mein besonderer Dank für die Information, viel Zeit und Korrektur dieser Widergabe gilt:

 

Lukas Scheef, MD, MSc

MR-Tomography

Department of Radiology

University of Bonn

Sigmund-Freud-Straße 25

D-53105 Bonn

Fax:  +49-228-287-5598

Phone:+49-228-287-4496

E-mail: L.Scheef@uni-bonn.de.

 

Viele Grüße Anne Lang, Bonn

 

 

Anfrage von Kolleg(e)in an die Liste:

1. Thema: Hypnotherapie bei erwachsenen ADS/ADHS-Betroffenen 13.06.2002

 

Liebe Listenleser, Kolleginnen und Kollegen,

 als neue Listenteilnehmerin habe ich eine Frage an die Runde:

hat jemand Erfahrung mit der Therapie mit erwachsenen ADS-Patienten, insbesondere natürlich mit Hypnotherapie oder kann mir Literatur empfehlen, speziell zur Hypnose mit erwachsenen ADSlern.

Freue mich auf Austausch und/oder Informationen!

Herzliche Grüße

 

Antwort von Frau Anne M. Lang:

Symptome in der Psychotherapie 15.06.2002

 

Liebe Kollegin und ListenkollegInnen,

die Frage nach spezieller Symptombehandlung kommt aus einem medizinischen Verständnis. Erfahrungsgemäß ist für ein psychotherapeutisches Vorgehen wichtiger: was ist das Ziel der Person; was ist ihr Auftrag an mich.

Ein Symptom und ein Leiden ist noch kein Ziel und ein Ziel noch lange kein Auftrag.  Das ist in der Medizin anders, da ist ein Beinbruch, ein Blinddarm, eine lebensgefährliche Verletzung klar ein Auftrag.

In der Psychotherapie jedoch bekommt der Entwicklungsprozess dadurch Energie, Verantwortlichkeit und oft ganz individuelle Antworten, dass der Pat./Klient sein Ziel und Auftrag entdeckt und formuliert.

So wäre es für mich als Psychotherapeutin interessant, was ist das Ziel des Menschen, der sich als ADS-Pat. begreift bzw. von Fachleuten in diesem Ausschnitt so gesehen und beschrieben wird;  was ist sein Auftrag an mich. "Jeder braucht eine andere Therapie" - anlog Erickson.

Lasst uns diskutieren!

 

Nicht desto trotz interessiert mich auch, wer mit Menschen, die sich so beschreiben und so beschrieben werden, dann Erfahrungen gemacht hat, die ihn zu einem spezialisierten Vorgehen bringen.

Da das mein erster Beitrag für die Liste ist, stelle ich mich kurz vor:

Dipl.Psych. Anne M. Lang, engagierte Psychotherapeutin und Coach,

Leiterin der MEG-Regionalstelle Bonn